Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore 1: Eine Idee erscheint

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Haruki Murakami ist zurück. Sein neues Buch Die Ermordung des Commendatore 1: Eine Idee erscheint ist der erste von zwei Bänden um einen zurückgezogen lebenden Porträtisten, der in seltsame Ereignisse verwickelt wird.

Der namenlose Protagonist dieses Romans ist 36 Jahre alt und wurde kürzlich aus heiterem Himmel von seiner Frau verlassen. Zunächst schnappt er sich ein paar Sachen und fährt ziellos in seinem alten Peugeot 205 durch Japan. Doch dann erhält er von einem Studienfreund das Angebot, das Haus dessen Vaters Tomohiko Amada zu hüten. Auch Amada war Maler und hat auf seinem Dachboden ein äußerst interessantes Bild mit dem Titel „Die Ermordung des Commendatore“ hinterlassen. Während der Protagonist versucht, mehr über Amadas Vergangenheit herauszufinden, wird er von seinem geheimnisvollen Nachbarn Wataru Menshiki beauftragt, ein Porträt anzufertigen. Gemeinsam werden sie in mysteriöse Ereignisse verstrickt – doch kann er Menshiki wirklich trauen?

Ich nickte und war erleichtert, nicht verrückt zu sein. Gleichzeitig verwandelte sich das Irreale, das sich mir als Möglichkeit dargeboten hatte, durch Menshikis Zeugnis in etwas Reales, das mich zwang, anzuerkennen, dass an den Nähten der Welt ein feiner Riss entstanden sein musste.

In Die Ermordung des Commendatore 1: Eine Idee erscheint finden sich einige Elemente aus anderen Murakami-Romanen wieder. Ein alter Brunnen, ein seltsames junges Mädchen, eine mysteriöse Frau, die einfach verschwindet, ein Wesen, das mich sowohl an die Little People aus 1Q84 als auch an den Colonel aus Kafka am Strand erinnert, klassische Musik (diesmal aber weniger Jazz und mehr Opern), der Protagonist, der sich vom Fluss treiben lässt. Die sich wiederholenden Elemente sind für mich aber alles andere als langweilig.

Murakami zu lesen fühlt sich immer ein wenig an, wie nach Hause zu kommen. Er empfängt mich mit einem Setting, das zugleich gewohnt aber auch irgendwie neu und interessant ist. Er macht mir einen Kaffee oder schenkt mir einen Whiskey ein, wir setzen uns aufs Sofa und er erzählt mir eine Geschichte, die harmlos und scheinbar normal beginnt, dann aber schnell ins Surreale abdriftet, in der ich mich dann vollends verlieren kann. (Gut, hier lauert das Surreale zugegebenermaßen in Form eines gesichtslosen Mannes schon im Prolog.)

In jedem Menschen findet sich, wenn man tief in sein Inneres blickt, unweigerlich ein Licht, das zum Vorschein kommt, sobald man seine beschlagene Oberfläche (und die haben wahrscheinlich viele) mit einem Tuch reinigt und poliert.

Was Murakami besonders gut gelingt, ist der historische Hintergrund des Buchs. Das Bild auf dem Dachboden, das die Ermordung des Commendatore darstellt, ist einerseits an die Oper Don Giovanni von Mozart angelehnt, andererseits scheint sie ein Attentat auf einen NS-Funktionär in abgewandelter Form zu porträtieren. Nach und nach erfährt der Protagonist mehr über die Entstehung des Gemäldes und die Vergangenheit des Malers Amada, der während des Naziregimes einige Zeit in Wien verbrachte und sich nach seiner Rückkehr nach Japan sehr verändert hatte. Wie schon in Mister Aufziehvogel schafft Murakami es, die historischen Begebenheiten gekonnt in die Gegenwart seiner Protagonisten einzuflechten. Wir können schon sehr gespannt sein, was Band 2 in dieser Hinsicht noch bereithält.

Ebenfalls begeistert bin ich von den übernatürlichen Elementen, wie dem schon zu Anfang auftauchenden mysteriösen Mann ohne Gesicht oder der später erscheinenden Miniaturausgabe des Commendatores. In Murakamis Geschichten fügen sich surreale Figuren und Geschehnisse immer nahtlos in die sonst sehr realistische und in der Welt verankerte Umgebung ein – reale Orte, viele popkulturelle Verweise wie Musikstücke, Filmtitel, Automarken und so weiter stellen den Bezug zu der Realität her, wie wir sie kennen, ohne dass die abnormalen Ereignisse zu abgedreht und unpassend wirken.

Wenn die Zeit kam, ließ der Klag der Wahrheit die Luft erzittern und fraß sich in das Herz des Menschen, auch wenn er sich beide Ohren zuhielt.

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Das Buch beginnt relativ langsam. Nachdem der Prolog einen direkt ins Geschehen wirft, entschleunigt sich die Geschichte anschließend. Nach einiger Zeit kommt die Handlung zwar in Fahrt, wird dann jedoch leider vom Ende des Buchs unterbrochen – und wir müssen auf Band 2 warten, bis es endlich weitergeht. Mich persönlich hat das gedrosselte Tempo nicht gestört, aber das größte Manko besteht für mich darin, dass das Buch in zwei Teile geteilt wurde. Hier kann man dem Dumont-Verlag aber keinen Vorwurf machen, denn es ist schon in Japan zweiteilig erschienen. Ähnlich war es ja bei 1Q84, da jedoch wurden Band 1 und 2, die zusammen auf rund 1000 Seiten kamen, zusammen veröffentlicht, und später folgte Band 3. Die Ermordung des Commendatore endet allerdings schon nach 477 Seiten und das, obwohl die Geschichte noch nicht allzu weit vorangeschritten ist.

Einerseits ist das natürlich gemein, da ich mich doch gerade erst aufgewärmt hatte und bereit war, von Kopf bis Fuß und mit Herz und Seele in das Buch einzutauchen – andererseits ist Band 1 so auch extrem schwer zu bewerten, da es kein Ganzes ist, auf sich allein gestellt nicht funktioniert und sich als halbes Buch natürlich auch nicht richtig mit Murakamis anderen Werken vergleichen lässt. Am ehesten geht das eben noch mit 1Q84, aber ich muss sagen, dass Band 1 und 2 deutlich spannender enden. Der erste Teil des Commendatores…endet einfach.

Er hatte ein Geheimnis, das er in eine kleine Schachtel gepackt und tief in der Erde vergraben hatte. Das war vor langer Zeit geschehen, und inzwischen war weiches grünes Gras darüber gewachsen. Und er war der einzige Mensch auf der Welt, der wusste, wo die kleine Schachtel vergraben lag. Die Einsamkeit in seinem Lächeln, die ein solches Geheimnis barg, hatte mir nicht entgehen können.

Dumont-Vertriebsleiterin Imke Schuster versprach in einem Interview mit Jacqueline Masuck (masuko13), dass das Buch mit einem starken Cliffhanger ende – das hätte ich mir auch gewünscht, das hätte hervorragend gepasst und mich vermutlich drei Monate lang in den Wahnsinn getrieben, auf positive Weise. Den Cliffhanger habe ich persönlich nicht wirklich finden können. Nichtsdestotrotz freue ich mich wie verrückt auf Band 2, da der Großteil der Handlung vermutlich erst noch folgen wird.

Ich muss gestehen, dass dies die einzigen beiden Dinge sind, die mich wirklich an dem Buch stören – das Aufsplitten in zwei Teile so wie das abrupte Ende an einem ganz normalen Tag des Protagonisten, ganz ohne richtigen Cliffhanger. Murakami versteht sein Handwerk nach wie vor und beweist erneut, dass er ein Meister des Geschichtenerzählens ist. Ich bin froh, dass er nach Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki wieder zu seinem Surrealismus zurückgekehrt ist, denn gerade das macht seine Bücher so besonders.

„Hin und wieder kann man in unserem Leben die Grenze zwischen Realität und Illusion nicht richtig ziehen. Diese Grenze scheint unablässig in Bewegung zu sein und zu variieren. Wie Landesgrenzen, die ständig willkürlich verlegt werden. Man muss diese Bewegungen genau im Auge behalten. Tut man das nicht, weiß man auf einmal nicht mehr, auf welcher Seite man sich befindet.“

Die Ermordung des Commendatore 1: Eine Idee erscheint von Haruki Murakami hat mir äußerst gut gefallen, mir wäre es aber deutlich lieber gewesen, wenn Band 1 und 2 als ein einzelnes Werk erschienen wären.
Murakami überzeugt erneut mit schlichter, klarer Sprache, ausgefallenen Charakteren, seltsamen Ereignissen und übernatürlich-surrealen Elementen. Ich kann es kaum abwarten, endlich den zweiten Teil in den Händen zu halten und weitere Geheimnisse zu entdecken, die in Band 1 lediglich angedeutet werden. Ganz zu beurteilen vermag ich das Buch allerdings erst, wenn ich beide Teile gelesen habe.

Besagter erster Band ist heute offiziell im Dumont-Verlag erschienen, Band 2, Eine Metapher wandelt sich, folgt am 16. April.

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