Sayaka Murata – Das Seidenraupenzimmer (Earthlings)

Sayaka Murata Das Seidenraupenzimmer Earthlings

Sayaka Muratas neuer Roman Das Seidenraupenzimmer erzählt wieder von einer Frau am Rande der Gesellschaft – dieses Mal intensiver, morbider und brutaler.

„I want us both to stay safe so we can meet again next summer. I want us to promise that we will do whatever it takes to survive and be in good spirits when we meet up again next year.“

Als Kind ist Natsuki der festen Überzeugung, dass sie ein Alien von einem fernen Planeten ist. Das würde zumindest erklären, warum sie sich in ihrer Familie und in der Schule so fremd fühlt. Nur ihr Cousin Yuu versteht sie – aber vielleicht kommt auch er vom Planeten Popinpobopia? Natsuki und Yuu schmieden einen Pakt: Überleben, was auch immer es kostet. Rund zwei Jahrzehnte später haben die beiden schon lange keinen Kontakt mehr, Natsuki ist verheiratet und versucht, ihren eigenen Weg in der modernen, kapitalistischen Gesellschaft zu finden, die sie „the factory“ nennt. Doch als ihr Ehemann zunehmend unter dem gesellschaftlichen Druck zerbricht, kreuzen sich Natsukis und Yuus Wege auf unvorhergesehene Weise.

Dieses Buch ist ein wahres Überraschungspaket. Wer Muratas ersten Roman, Die Ladenhüterin, gelesen hat, wird an Das Seidenraupenzimmer vollkommen unbefangen und naiv herangehen. Sowohl der deutsche als auch der englische Titel sowie die Cover in beiden Sprachen wirken mehr oder weniger unscheinbar und lassen nicht vermuten, welch abgründige Erzählung sich hier verbirgt. In der englischen Ausgabe sind zumindest Pressestimmen abgedruckt, die Triggerwarnungen aussprechen, in der deutschen Ausgabe fehlt hiervon leider jegliche Spur, dabei wären gleich mehrere angebracht (u.a. Missbrauch, Mord und Kannibalismus).

I was a tool for the town’s good, in two senses. Firstly, I had to study hard to become a work tool. Secondly, I had tob e a good girl, so that I could become a reproductive organ for the town. I would probably be a failure on both counts, I thought.

Die Geschichte beginnt mit der kindlichen Ich-Erzählerin Natsuki, die auf niedliche und amüsante Art ihre Kindheit in Japan beschreibt, ihre große Familie, die jedes Jahr zum Obon-Fest im ländlichen Haus der Großeltern zusammenkam. Das Mädchen wirkt schon im jungen Alter vollkommen entfremdet, nicht nur von ihren Eltern und ihrer Schwester, sondern von der gesamten Gesellschaft. Einzig Yuu hat einen guten Draht zu Natsuki: Auch er fühlt sich nicht richtig verstanden und findet auch in der großen Familie keinen richtigen Anschluss. Seit dem Tod seines Vaters ist es zudem zuhause für ihn schwierig – seine Mutter ist voll und ganz auf seine Unterstützung angewiesen, obwohl er selbst noch ein Kind ist. Für Natsuki, die vor einigen Jahren einen Plüschigel fand, der vom Planeten Popinpobopia stammt und ihr in bestimmten Situationen magische Fähigkeiten verleiht, ist klar: Auch Yuu muss ein Alien sein. Und so verlassen sie sich aufeinander, um irgendwann gemeinsam zurück zu ihrem Heimatplaneten kehren zu können.

Life as a Popinpobobian was lonely. I just hoped the Earthlings would succeed in brainwashing me.

Auch rund 20 Jahre später hat sich für Natsuki nicht viel geändert – sie hat zwar einen regulären Bürojob und ist verheiratet, doch immer noch ist ihr alles fremd. Mit ihrer Familie hat sie so wenig wie möglich zu tun, mit Yuu seit einer schicksalshaften Nacht damals gar nichts mehr. Immer noch betrachtet sie die Gesellschaft als Fabrik, Kinder werden laut ihrem Verständnis nicht gezeugt, sondern produziert. Auch von Natsuki und ihrem Ehemann wird langsam aber sicher Nachwuchs erwartet: Familie, Freunde und Kollegen sind mehr als skeptisch, warum sich das Paar so lange Zeit lässt. Doch für Natsuki ist klar: Sie möchte nicht so leben wie all die anderen Menschen, insbesondere nicht wie all die anderen Frauen. Wie schon die Protagonistin in Muratas Roman Die Ladenhüterin ist Natsuki eine Außenseiterin, die sich den gesellschaftlichen Normen und Zwängen unserer Zeit partout nicht unterwerfen will und kann.

Der Roman belässt es allerdings nicht bei einer leichtfüßigen, unterhaltsamen Gesellschaftskritik. Von Anfang an streut die Ich-Erzählerin Andeutungen ein, dass es unter der Oberfläche dieser effizienten Fabrik ordentlich brodelt. Nach etwa 50 Seiten wird der Roman dann schon deutlich schwerer zu lesen, denn Natsuki erzählt ihre Geschichte mit einer kindlichen Unschuld und Dringlichkeit, die es schwierig machen, das Ganze nicht zu nah an sich heranzulassen.

Als der Sprung zur Gegenwart erfolgt, dachte ich für einige Zeit, dass wir die brutalsten Ereignisse hinter uns haben, doch das war weit gefehlt. Auch die Skurrilität und Morbidität steigen zum Ende des Romans noch einmal enorm an, auch wenn er schon von Anfang an absurde Züge aufgewiesen hat. Insbesondere die Zurückweisung der modernen Gesellschaft und das finale Abgrenzen der drei von den „Erdlingen“ wird etwa im letzten Drittel noch einmal völlig auf die Spitze getrieben – und ist zwar gelungen umgesetzt, allerdings auch wirklich nichts für schwache Nerven.

„It’s like she thinks we’re criminals, and she’s just letting us get away with it fort he time being. Why do I have to have her permission to be who I am?“

Sayaka Muratas Roman Das Seidenraupenzimmer erzählt radikal, provokant und äußerst verstörend von einer Frau und ihren zwei Gefährten, die sich aus den Fängen der Gesellschaft befreien wollen und dabei ihre Menschlichkeit zurückweisen. Ein eindringliches und beeindruckendes Leseerlebnis, das seinen Leser*innen allerdings auch viel abverlangt.

Weitere Besprechungen des Romans findet ihr bei KIMONO books und Bleisatz.

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