Was machen wir mit Kunst, die wir lieben – wenn wir die Menschen dahinter nicht ertragen können?
In Monsters: What Do We Do with Great Art by Bad People? widmet sich Claire Dederer genau dieser Frage. Und zwar nicht abstrakt, sondern anhand konkreter, oft kontrovers diskutierter Beispiele. Sie schreibt über Künstler wie Roman Polanski, Woody Allen oder Pablo Picasso, aber auch über Figuren wie Miles Davis oder Sylvia Plath und Doris Lessing. Dabei geht es ihr nicht nur um „klassische“ Fälle von männlichen Genies mit problematischem Verhalten, sondern auch um die Frage, wie wir moralisch urteilen – und wie sich diese Urteile verändern, wenn Frauen, Mutterschaft oder andere Formen von Verantwortung ins Spiel kommen. Dederer verwebt kulturkritische Analyse mit autobiografischen Passagen und macht so aus einer theoretischen Fragestellung eine sehr persönliche Auseinandersetzung.
The belief that we know better – a moral feeling, if ever there was one – is very comfortable. So deeply seductive that it clouds our thinking and our awareness about ourselves.
Was dieses Buch so stark macht, ist seine Weigerung, einfache Antworten zu liefern. Dederer bewegt sich bewusst in der Grauzone und genau dort wird es spannend. Statt klare Urteile zu fällen oder moralische Leitlinien vorzugeben, legt sie die Widersprüche offen: Warum können wir manche Künstler:innen problemlos weiter konsumieren, während wir andere konsequent ablehnen? Warum wird „Genie“ so oft als Rechtfertigung für Grenzüberschreitungen herangezogen? Und warum sind unsere Maßstäbe dabei so inkonsequent?
Maybe we have created the idea of genius to serve our own attraction to badness.
Besonders interessant ist, wie sie den Begriff des „Monsters“ selbst hinterfragt. Wer wird überhaupt als Monster gelesen – und wer nicht? Und was passiert, wenn man diesen Begriff auf Frauen anwendet? Dederer schreibt auch über Mutterschaft, über künstlerische Selbstverwirklichung und über die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen. Damit verschiebt sie die Perspektive weg von den bekannten, oft männlich dominierten Debatten. Gerade diese Erweiterung macht das Buch so klug, denn es geht nicht nur um „bad men“, sondern um ein ganzes System von Bewertung, Moral und kultureller Erinnerung.
Two biographies meet: the biography of the artist that might disrupt the viewing of the art; the biography of the audience member that might shape the viewing of the art.
Stilistisch ist das Ganze zugänglich, essayistisch, oft sehr direkt und humorvoll. Dederer argumentiert nicht von oben herab, sondern tastet sich vor, stellt Fragen, widerspricht sich teilweise selbst. Diese Offenheit kann stellenweise fast irritierend sein, weil man als Leser:in darauf konditioniert ist, am Ende eine klare Haltung präsentiert zu bekommen. Aber genau darin liegt die Qualität des Buches. Es zwingt einen, die eigene Position zu hinterfragen, statt sich bequem einer fertigen Meinung anzuschließen.
Passing the problem on to the consumer is how capitalism works.
Immer wieder wird deutlich, dass es hier nicht nur um Kunst geht, sondern auch um Konsum, Verantwortung und Identität. Was bedeutet es über uns, wenn wir bestimmte Werke weiterhin lieben? Welche Rolle spielen Macht, Geschlecht und Öffentlichkeit in diesen Debatten? Und ist es überhaupt möglich, Werk und Autor:in sauber voneinander zu trennen – oder ist schon diese Frage zu einfach gedacht?
The real question: what is it to love someone awful? What do we do about the terrible people in our lives? Mostly we keep loving them.
Für mich war das eine der größten Stärken des Buches: dass es diese Komplexität aushält. Dass es nicht versucht, moralische Klarheit zu simulieren, wo es keine gibt. Stattdessen zeigt Dederer, wie sehr unsere Auseinandersetzung mit Kunst von persönlichen, gesellschaftlichen und historischen Kontexten geprägt ist. Und wie wenig eindeutig viele dieser Fragen tatsächlich sind.
Monsters ist kein Buch, das Antworten liefert, die man einfach übernehmen kann. Es ist ein Buch, das Fragen stellt und sie offen lässt. Genau deshalb wirkt es nach. Genau deshalb bleibt es im Kopf.
Im Deutschen ist das Buch unter dem Titel Genie oder Monster: Von der Schwierigkeit, Künstler und Werk zu trennen im Piper Verlag erschienen, übersetzt von Violeta Topalova.
Ein kluges, differenziertes und überraschend persönliches Buch über Kunst, Moral und die Widersprüche, die wir oft lieber ignorieren würden.

