Ambivalenz in der Literatur: Warum Bücher nicht immer ein Safe Space sein müssen

Es gibt diese Momente nach der letzten Seite eines Romans, in denen man das Buch nicht einfach ins Regal zurückstellt. Man legt es weg, fast ein wenig vorsichtig, und spürt eine seltsame Unruhe. Es ist kein gutes Gefühl im Sinne von Entspannung oder Bestätigung. Es ist Reibung. Ein geistiger Muskelkater, der tagelang anhält.

In letzter Zeit beobachte ich jedoch – sowohl in den Kommentarspalten von Social Media als auch in der internationalen Literaturkritik –, dass genau diese Reibung zunehmend als Defizit wahrgenommen wird. Wir erleben eine schleichende Remoralisierung der Belletristik. Ein Buch soll heute oft gut tun, es soll validieren oder zumindest moralisch auf der richtigen Seite stehen. Doch was passiert mit der Kunst, wenn wir die Ambivalenz aus ihr herausfiltern, um sie konsumierbar zu machen?

Brom – Slewfoot

Ein puritanisches Dorf, ein uraltes Wesen im Wald und eine Frau, die aufhört, sich zu entschuldigen: Slewfoot ist düsterer Folk Horror mit klarer Botschaft und viel Lust an der Eskalation.

Brom verlegt seinen Roman ins puritanische Neuengland des 17. Jahrhunderts. Im Zentrum steht Abitha, eine junge Frau, die nach dem Tod ihres Mannes mittellos und isoliert zurückbleibt. In einer streng religiösen Gemeinschaft, in der weibliche Selbstständigkeit ohnehin misstrauisch beäugt wird, gerät sie zunehmend unter Druck: wirtschaftlich, sozial, moralisch. Gleichzeitig erwacht im nahegelegenen Wald ein Wesen, das sich später Slewfoot nennt – eine archaische, gehörnte Gestalt, halb Naturgeist, halb Dämon, die ihre eigene Vergangenheit erst wieder zusammensetzen muss. Die Wege der beiden kreuzen sich, und aus dieser Begegnung entsteht eine Allianz, die für das Dorf und seine rigiden Machtstrukturen zur Bedrohung wird.

It’s not you, it’s me: Warum wir manche Bücher im falschen Moment lesen

Timing, Lebensphasen und zweite Chancen

Es gibt Bücher, von denen wir ziemlich sicher sind, dass sie „eigentlich“ zu uns passen müssten. Sie stehen seit Jahren im Regal, werden empfohlen, geliebt, kanonisiert. Und trotzdem passiert – nichts. Die ersten Seiten bleiben fremd, der Funke springt nicht über, das Lesen fühlt sich mühsam oder unerquicklich an. Also legen wir das Buch weg. Nicht aus Ablehnung, eher aus einem diffusen Gefühl heraus: Jetzt gerade nicht.

Lange galt das für mich als eine Art stilles Scheitern. Als hätte ich versagt. An der Literatur, an meiner eigenen Lesefähigkeit, an der angeblichen Größe eines Textes. Heute weiß ich: Oft ist es nicht das Buch, das nicht funktioniert. Es ist der Moment.

Remix: Hörbücher der letzten Monate

Lange Zeit habe ich keine Hörbücher gehört. Lesen bedeutete für mich: Papier, Stille, volle Aufmerksamkeit. Als ich vor ein paar Jahren doch damit angefangen habe, fiel mir das Hören überraschend schwer – meine Gedanken schweiften ab, ich verlor den Faden, musste zurückspulen oder konnte mich kaum an das Gehörte Erinnern. Erst nach und nach habe ich gemerkt, dass nicht jedes Buch gleich gut als Hörbuch funktioniert. Manche Texte brauchen das Auge, andere entfalten ihre Stärke erst über die Stimme.

Tyler Wetherall – Amphibium

Tyler Wetheralls Amphibium ist ein Coming-of-Age-Roman über girlhood im Patriarchat, in dem Nähe, Angst und Verwandlung unauflöslich ineinandergreifen.

Wir machen uns Mitte der 1990er auf den Weg nach Südwestengland, wo die elfjährige Sissy mit ihrer psychisch labilen, alleinerziehenden Mutter lebt. Schon früh ist Sissy mit sich allein – oder so fühlt es sich an, bis sie an ihrer neuen Schule Tegan kennenlernt. Tegan ist selbstbewusst, charismatisch, die Anführerin einer Clique – und sie nimmt Sissy mit in ihre Welt.

Agustina Bazterrica – The Unworthy (Die Unwürdigen)

Mit The Unworthy setzt Agustina Bazterrica ihre literarische Auseinandersetzung mit Gewalt und Entmenschlichung fort. Der Roman liest sich wie eine Verdichtung: knapp, radikal, ohne erklärende Umwege – und gerade darin so eindringlich.

Zugegeben: Bevor ich mit The Unworthy begonnen habe, dachte ich zunächst, es handle sich um den nächsten Report der Magd-Abklatsch. Eine zerstörte Welt, unterdrückte Frauen, religiöse Strukturen – das klang vertraut. Doch Bazterricas Roman ist düsterer, brutaler, kompromissloser – und in vielerlei Hinsicht ganz anders. Wo Atwood analysiert, schlägt Bazterrica zu. Wo andere erklären, lässt sie aushalten.

Beatrice Salvioni – Malnata

Dieses Debüt hat mich komplett in seinen Bann gezogen. Beatrice Salvioni erzählt in Malnata von zwei Mädchen im Italien der 1930er Jahre – und von einer Freundschaft, die alles bedeutet: Freiheit, Rebellion, Mut.

Die brave Francesca trifft auf Maddalena, die „Malnata“ – die Unglückbringende, das Mädchen, über das alle reden und das sich an keine Regeln hält. Zwischen den beiden entsteht ein starkes Band, das sie durch eine Zeit trägt, in der Konventionen, Faschismus und (patriarchale) Gewalt das Leben bestimmen.

Warum 2025 das Jahr der Analogen Gegenbewegung wurde – und was das für Blogs bedeuten könnte

Dieses Jahr fühlt sich an wie ein kollektiver Augenöffner. Fast scheint es, als hätten wir irgendwann Mitte 2025 gemeinsam gemerkt: Hoppla, so geht’s nicht weiter. Wir haben genug von endlosem Scrollen, von Nachrichtenfluten, die uns runterziehen, von Algorithmen, die uns nicht zeigen, was uns wirklich interessiert, sondern was uns am längsten hängenbleiben lässt. Stattdessen suchen viele von uns wieder nach echten, haptischen Erfahrungen, nach Dingen, die man fühlt, riecht, anfassen kann – nicht nur nach dem nächsten vertonten 15-Sekunden-Clip.

Unsere besten Bücher 2025

Schon wieder so ein Satz, den man jedes Jahr schreibt und trotzdem jedes Mal neu meint: Wo ist dieses Jahr bitte geblieben? 2025 ist an uns vorbeigerast, vollgepackt mit allem Möglichen – Arbeit, Alltag, Weltschmerz, schönen Momenten, zu wenig Ruhe, zu vielen Gedanken. Und irgendwo dazwischen: Bücher. Viele Bücher. Manche haben uns nur kurz begleitet, andere sind geblieben.

Wenn wir auf dieses Jahr zurückblicken, merken wir auch, wie still es hier auf dem Blog geworden ist. Die Gespräche finden inzwischen fast nur noch auf Instagram statt. Schneller, unmittelbarer, aber auch flüchtiger. Gleichzeitig, durch den neuen Algorithmus, seltener. Und ja: Ich finde das schade und streckenweise echt frustrierend. Das Bloggen war irgendwie schöner. Und Texte wie diese hier brauchen Raum, Zeit, Langsamkeit. Vielleicht ist das ja ein guter Vorsatz für 2026: wieder öfter hierher zurückzukehren. Mehr schreiben, weniger scrollen.