Meg Mason – Sorrow and Bliss

Meg Mason Sorrow and Bliss Rezension

Meg Masons Sorrow and Bliss (dt. Was wir wollen) ist ein emotionaler, intelligenter und gleichzeitig humorvoller Roman über eine Frau mittleren Alters, deren Leben ihr scheinbar urplötzlich entgleitet.

„I started seeing a psychologist because London wasn’t the problem. Being sad is, like writing a funny food column, something I can do anywhere.“

Martha, Texterin einer „witzigen Food-Kolumne“, und ihr Ehemann Patrick haben Probleme – sie trennen sich, sodass Martha sich mit 40 Jahren noch einmal gezwungen sieht, wieder bei ihren Eltern einzuziehen, wo sie ihre Ehe, aber auch ihre Kindheit, Jugend und Beziehung zu ihren Eltern in einem Roman verarbeitet. Abwechselnd aus der Gegenwart und in Retrospektive erzählt Martha uns davon, wie sie Patrick kennengelernt hat, wie sie aufgewachsen ist, von den schrecklichen Phasen, die Martha seit Jahrzehnten immer wieder ereilen, von dem Versuch, ihre Ehe zu retten und lange gehüteten Geheimnissen.

Dabei ist Martha keine besonders sympathische Erzählerin und Protagonistin. Sie sagt teilweise schreckliche Dinge zu den Menschen, die sie lieben und stößt andere immer wieder vor den Kopf. Sie macht Fehler in ihrem Leben – scheinbar einen nach dem anderen – und präsentiert sich so als überaus nahbar, authentisch und verletzlich. Meg Mason schafft es aber dennoch, dass man mit ihr mitfühlt und das Beste für sie hofft, was vor allem an der vollkommen ungeschönten Realität und den Abgründen von Marthas psychischer Erkrankung liegt, die mit der Zeit immer weiter entblößt werden.

Die niemals näher benannte Erkrankung begleitet Martha schon seit ihrer Jugend und hat immer wieder einen massiven Einfluss, nicht nur auf ihr eigenes Leben, sondern auch auf das Leben ihrer Eltern, ihrer Schwester sowie Patrick. Verschiedene Ärzte stellten über die Jahre hinweg verschiedene Diagnosen, verschrieben ihr verschiedene Medikamente, doch so richtig erträglich wurde es für Martha nie. Wie sehr das alles ihre Familie und ihren Ehemann mitgenommen hat, erkennt sie erst im Verlauf der Geschichte.

Everything is broken and messed up and completely fine. That is what life is. It’s only the ratios that change. Usually on their own. As soon as you think that’s it, it’s going to be like this forever, they change again.

Die dauerhaft angespannte familiäre Situation macht es Martha vermutlich nicht leichter, mit ihrer Erkrankung umzugehen. Mit ihrer Schwester Ingrid hatte sie zwar schon immer ein enges Verhältnis und ihr Vater, ein gescheiterter Dichter, ist immer für sie da. Doch ihre stetig trinkenden, scheinbar vollkommen kaltherzige und aufmerksamkeitsliebende Künstlerinnen-Mutter, welche auch die elterliche Beziehung in ständig neue Krisen stürzt, nahm weder ihre Tochter noch deren Probleme je wirklich ernst. Ein mäßiger Mutter-Ersatz war Tante Winfried, die jährliche Weihnachtsessen ausrichtete, auf denen Martha mit 13 zum ersten Mal Patrick begegnete, und mit unsichtbaren Fäden die Familie zusammenhält.

Dass Mason die psychische Erkrankung niemals konkret betitelt, ist dabei ein cleverer Spiegel von Marthas eigener Unwissenheit. Auch wir Leser*innen werden in diesem schmerzlichen Unwissen gelassen, das sie jahrelang verspürte. Gleichzeitig können wir unsere Protagonistin so frei von jedem Label beurteilen: Wir lernen sie genauestens kennen, mit all ihren Charakterzügen und Eigenheiten, auch mit all den Facetten, die zu ihrer Erkrankung gehören, ohne sie jemals auf diese zu reduzieren.

Stellenweise mit trockenem, bissigem Humor, stellenweise zärtlich, dann wiederum erschreckend schmerzlich deckt Masons Erzählweise in Sorrow and Bliss alle Emotionen bei ihrer Leserschaft ab und schafft es dabei, niemals an Ernsthaftigkeit zu verlieren oder Marthas Erkrankung ins Lächerliche zu ziehen. Ein gewagter Schritt, bei solchen Thematiken auf Humor zu setzen, der auch schnell nach hinten losgehen kann – hier allerdings profitiert der Roman enorm davon.

„First novels are autobiography and wish fulfilment. Evidently, one’s got to push all one’s disappointments and unmet desires through the pipes before one can write anything useful.“

Meg Masons Sorrow and Bliss hat mich so mitgenommen wie schon lange kein anderes Buch mehr – ich hab’s einfach auf so vielen verschiedenen Ebenen gefühlt. Emotional, bedrückend, zärtlich, humorvoll: der Roman ist ein starkes Paket und überzeugt dabei mit einer alles anderen als makellosen Protagonistin sowie einer authentischen, ungeschönten Darstellung psychischer Erkrankungen und ihrer Auswirkungen.

Der Roman stand in diesem Jahr auf der Longlist für den Women’s Prize for Fiction – meiner Meinung nach vollkommen zurecht und für mich auch ein klares Highlight 2022. Auf Deutsch ist er unter dem Titel Was wir wollen im ECCO-Verlag erschienen.

2 comments

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    • letusreadsomebooks

      Freut mich, wenn wir das Buch unter die Leute bekommen – ich habe das Gefühl, dass es hier in DE (Übersetzt übrigens unter dem Titel „Was wir wollen“ im Ecco-Verlag) wenig Beachtung bekommen hat. Ich hoffe, es gefällt dir und ist so gut verdaubar wie möglich!

      Gefällt mir

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