Jahresrückblick 2022: Unsere literarischen Highlights

Jahresrückblick 2022 die besten Bücher

Auch, wenn wir im Jahr 2022 so wenig gebloggt haben wie noch nie, kamen wir glücklicherweise dennoch genug zum Lesen, um uns dauerhaft unsere geistige Gesundheit und Zufriedenheit zu erhalten. Während des gesamten Jahres konntet ihr unsere Leseeindrücke abgesehen von der ein oder anderen Rezension hier hauptsächlich auf unserem Instagram-Account verfolgen – trotz alledem möchten wir euch einen Jahresrückblick nicht vorenthalten.

Hier erfahrt ihr also mehr über unsere literarischen Highlights ’22:

Lize Spit – Ich bin nicht da

Seit zehn Jahren ist Leo mit Simon zusammen. Als er eines Nachts nach Hause kommt, ist er wie ausgewechselt. Mit der Zeit wird er immer paranoider und eine manische Episode hat ihn fest ihn Griff. Sehr detailliert und schonungslos beschreibt Lize Spit auf fast 600 Seiten, wie die Beziehung der beiden durch die Erkrankung immer stärker auf die Probe gestellt wird und wie Leo versucht, Simon zu helfen und dabei scheitert. Ich bin nicht da erzählt von Wut, Hilflosigkeit und gleichzeitig von tiefer Liebe. Das ist oftmals schwer zu ertragen, aber gleichzeitig mit einer intensiven Eindringlichkeit geschrieben.

Andrea Abreu – So forsch, so furchtlos

Die namenlose Erzählerin verbringt einen heißen, dreckigen Sommer in einem ärmlichen Stadtviertel auf Teneriffa mit ihrer besten Freundin Isora, zu der sie aufblickt. Sie stromern durch die Straßen, flüchten vor Isoras gewalttätiger Großmutter und navigieren eine Zeit zwischen endender Kindheit und beginnender Pubertät – erschwert durch eine enorm patriarchalisch geprägte Gesellschaft. Ein Roman, der extrem von seiner Sprache und Atmosphäre lebt – vulgär, rotzig, kindlich-naiv und gleichzeitig ohne sprachliche Tabus.

Michel Houellebecq – Vernichten

Paul arbeitet für Bruno Juge, einen Kandidaten für das Präsidentenamt. Kurz vor den Wahlen taucht ein Video auf, das dessen Hinrichtung zu zeigen scheint. Doch nicht nur die Arbeit, auch das Privatleben von Paul ist alles andere als einfach. Houellebeqcs Roman beginnt als eine Art Politthriller, doch am Ende steht Pauls ganz persönliches Drama im Mittelpunkt. So stellt er seinen Protagonisten in seiner ganzen Verletzlichkeit und Einsamkeit dar.

Karen Köhler – Miroloi

Das Dorf auf der Insel ist ein gänzlich eigener Kosmos: Hier herrschen Traditionen und Ordnung, hier kommt niemand fremdes her – außer unsere Protagonistin ohne Namen, die als Kind vom heimischen Betvater aufgenommen und seit jeher ausgegrenzt wurde. Nun hinterfragt sie allerdings nicht nur die Unterdrückung der Frauen im Dorf, sondern alle bestehenden Regeln und versucht, sich entgegen aller Widerstände selbst zu ermächtigen. Ein herausragenden dystoptischer Roman, ähnlich Margaret Atwoods Der Report der Magd, bloß mit einer Sprache zum Drineinwickeln. Feministisch, dringlich, poetisch.

Fernanda Melchor – Paradais

Der 16-jährige Polo arbeitet als Gärtner in der Luxus-Wohnanlage „Paradais“ und betrinkt sich abends mit einem jungen, reichen Bewohner – ein Incel namens Franco. Frauenhass und Verzweiflung stacheln die beiden auf, bis es plötzlich zur Eskalation kommt. Der Roman besticht mit Sätzen wie Pistolenschüsse, kurz, dreckig, präzise, knallend; und einer Atmosphäre so trostlos wie das Leben in Paradais selbst. Paradais haben wir hier besprochen.

Linda Boström Knausgård – Oktoberkind

In einer Klinik wartet die Schriftstellerin auf die nächste Elektroschocktherapie, die droht, ihre Erinnerung auszulöschen. So bringt sie ihren ganzen Mut auf und vergegenwärtigt sich ihr Leben: die Kindheit in der Stadt, die Ehe mit dem berühmten Autor, die Geburt der vier Kinder und ihr eigenes Schreiben, aus dem sie Kraft schöpft. Poetisch, dabei zugleich traurig und beklemmend blickt die Autorin auf ihren bisherigen Weg zurück.

Meg Mason – Was wir wollen

Martha, 40, trennt sich von ihrem Mann und zieht zurück zu ihren Eltern. Dort arbeitet sie nicht nur die vergangenen Ereignisse, sondern auch ihre eigene Familiengeschichte sowie ihre psychische Erkrankung nach und nach auf. Ein kluger und zärtlicher Roman zwischen bissigem Humor und tiefgreifenden Emotionen, wie der englische Originaltitel schon verrät: zwischen Sorrow und Bliss. Eine ausführliche Rezension findet ihr hier.

Nicole Seifert – Frauen.Literatur

In ihrem erhellenden und gleichzeitig unfassbar wütend machendem Sachbuch führt uns Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert (bloggt auf Nacht und Tag) durch die Geschichte der systematischen Verdrängung, Nichtbeachtung und Minderung von Frauen in der Literaturlandschaft. Informativ, interessant und ein wichtiger Appell zu dringend benötigten Veränderungen. Hier könnt ihr mehr über Frauen.Literatur lesen.

Karl Ove Knausgård – Der Morgenstern

Während des eigentlich beschaulichen norwegischen Sommers beginnen die Tiere auf einmal sich unnatürlich zu verhalten und plötzlich steht ein neuer Stern am Himmel, dessen Auftauchen niemand erklären kann. Unter dem Stern spielen sich die verschiedenen Lebenskrisen der Figuren ab, die lose miteinander verknüpft sind. Nach seinem umfangreichen Autobiografischen Projekt wendet sich Knausgård mit Der Morgenstern wieder der Fiktion zu. Dennoch sind es die großen Fragen nach der menschlichen Existenz, Glauben und Wissen, denen er hier nachgeht.

Honorable Mentions:
M.L. Rio – If we were Villains
Mona Awad – Bunny
Liv Strömquist – I’m every Woman

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