Mercedes Lauenstein – Blanca

Mercedes Lauenstein Blanca Rezension

Blanca von Mercedes Lauenstein ist ein wilder und rotziger Roadtrip vom Ausbrechen und Suchen, von Loslassen und Finden.

Blanca ist fünfzehn Jahre alt, als sie von Zuhause ausreißt. Zuhause ist vielleicht zu viel gesagt – denn Blanca und ihre Mutter Anna haben kein normales, festes Zuhause, sondern ziehen ständig umher und wohnen immer dort, wo es gerade passt. Nach einem heftigen Streit in der Hamburger WG, in der sie gerade unterkommen, hat Blanca genug von ihrer unberechenbaren, streitsüchtigen und egozentrischen Mutter und macht sich auf den Weg nach Italien zu Toni und Karl, wo sie vor einigen Jahren als Kind zum allerersten Mal so etwas wie Familie und Normalität spüren durfte.

Der tote Vogel hatte keine sichtbare Verletzung. Er war einfach nur tot- wie der wollte ich es machen und blieb auch liegen. Ich hielt die Luft an. Wann kommt der Tod? Der Übergang kann nicht so schlimm sein, dachte ich, einfach kurz schwarz und dann weg. Ich hatte Angst vorm Sterben, aber noch mehr Angst hatte ich vor dem Leben. Vielleicht war der Tod nur wie vom Fünfer springen: furchterregend in der Vorstellung, unendlich befreiend in der Wirklichkeit.

„Blanca“ bedeutet auf Spanisch „weiß“ – denn das Mädchen soll sich wie eine weiße Leinwand immer wieder neu erfinden können und sich von niemandem etwas vorschreiben lassen. Das ist in der Theorie sehr nett von ihrer Mutter gemeint, ist für das junge Mädchen allerdings eher eine Bürde und ein auf sie projizierter Wunsch, der sie daran hindert, sich selbst zu entfalten und eine eigene Persönlichkeit herauszubilden. Blanca beschreibt ihre Mutter als jemanden, der eine Phase nach der anderen durchmacht, ihr gemeinsames Leben als Mutter und Tochter ist „ein wilder Ritt durch ihre Phasen“. Andere Kinder beneiden sie um ihr Leben, doch genauso beneidet Blanca sie um ihren normalen, strukturierten und vorhersehbaren Alltag in einem liebevollen Zuhause, in dem sie einfach Kind sein darf.

Mir ist flau. Fühlt sich an wie eine Mischung aus Erschrockensein und Sehnsucht. Habe ich schon mein ganzes Leben. Zum Glück nicht immer. Meistens nur zur Dämmerung. Meine Mutter sagt, das ist die große Traurigkeit. Ich hab sie mal gefragt: Welche Traurigkeit? Sie hat gesagt: die des Lebens.

Mercedes Lauenstein lässt Blanca in kurzen und prägnanten Sätzen erzählen, die auf kindlich-naive Weise sehr poetisch sind. Das Mädchen trägt für ihr Alter eine unglaubliche Melancholie in sich, eine Sehnsucht nach Normalität, die sie mit ihrer sprunghaften und aufbrausenden Mutter einfach nicht stillen kann. Wirkt Anna anfangs noch verschroben und erinnert die Beziehung der beiden vielleicht noch etwas an Gilmore Girls, offenbart die Zeit immer mehr seelische Wunden, die Anna ihrer Tochter im Laufe der Jahre zugefügt hat.

Trotz Blancas überwiegend negativer Emotionen und der unfassbaren Wut, die man als Leser*in auf die Mutter entwickelt, hat der Roman auch seine amüsanten Stellen, die ihn etwas auflockern. Rotzig, trotzig, frech schlägt sich Blanca auf ihrer Reise durch und beweist sich als willensstarke Überlebenskünstlerin. Die unvorhergesehenen Ereignisse und Begegnungen auf Blancas Roadtrip durch Italien sind teilweise skurril, teilweise berührend und bringen sie ihren existenziellen Fragen – wer sie sein möchte und was sie sich vom Leben erwartet – trotz Rückschlägen stets etwas näher.

Je weiter sie sich geografisch von ihrer Mutter entfernt, desto mehr gelingt es ihr zudem, sich ihr emotional anzunähern – ob am Ende doch noch so etwas wie Vergebung möglich ist? Der Roman folgt dabei zwar mehr oder weniger dem Standard-Schema eines literarischen Roadtrips, ohne die Thematik neu zu erfinden, vermag allerdings jederzeit gut zu unterhalten.

Sie haben keine Ahnung, wo ich jetzt bin. Niemand weiß das. Und niemand wartet auf mich. Niemand hat je auf mich gewartet. Ich bin ein Puzzlestück im Weltpuzzle, das nirgends reinpasst.

Mercedes Lauensteins Roman Blanca ist ein unterhaltsames und berührendes Buch über eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung und die Suche nach den eigenen Zielen im Leben. Es ist inhaltlich vielleicht wenig innovativ, überzeugt allerdings mit seiner starken Protagonistin und einer Sprache voll poetischer Bilder.

Die große Traurigkeit. Sie ist zu groß, ich falle gleich auseinander, und dann fließen die Gefühle als leuchtendes Magma in alle Richtungen, und wenn sie auf das Weltall treffen, zischt und raucht es, und dann ist alles vorbei.

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