Haruki Murakami – Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah

Haruki Murakami Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah

Haruki Murakamis Sammlung Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah enthält neun wunderschöne und herrlich verrückte Kurzgeschichten.

Murakami schreibt über einen Studenten, der das letzte Mal einen Rasen mäht, bevor er seinen Job aufgibt, über eine Frau, die sich wegen deutscher Lederhosen von ihrem Mann trennte, über einen professionellen Briefeschreiber und seine postalischen Bekanntschaften, über ein grünes Monster, das draußen vor dem Fenster einer Frau auflauert, über die Legende eines tanzenden Zwerges, über einen jungen Mann, seine Schwester und dessen Verlobten, über das 100%ige Mädchen, das der Protagonist leider versäumte anzusprechen und über die mysteriösen TV-People, die scheinbar grundlos in Wohnungen und Büros einbrechen, ihren Fernseher dort aufstellen und auf den weiß-flimmernden Bildschirm starren.

Jetzt weiß ich natürlich genau, wie ich sie damals hätte ansprechen müssen. Es wäre bestimmt lang geworden, und ich hätte nicht die richtigen Worte gefunden. Mir fällt nie etwas Brauchbares ein. Jedenfalls beginnt es mit „vor langer Zeit“ und endet mit „eine traurige Geschichte, findet du nicht?“.

Die Kurzgeschichtensammlung erschien bereits 1993 im japanischen Original und zwei Jahre später erstmals in deutscher Übersetzung. Dennoch wirkt es, wie eigentlich alle Bücher Murakamis, fast schon zeitlos. Es geht um Liebe, Einsamkeit, Schicksal – zumindest in den realistischen Geschichten. In jenen, die eher dem magischen Realismus zuzuordnen sind, um Monster, Zwerge und menschenähnliche Wesen im Miniaturformat. Mal lakonisch bis melancholisch, mal abgeklärt erzählt Murakami von besonderen Momenten im Leben seiner Protagonisten.

Die realistischeren Geschichten wie „Familiensache“, „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ (für mich im Übrigen eine perfekt komponierte, sehr kurze Story – quasi die 100%ige Kurzgeschichte) und „Der letzte Rasen am Nachmittag“ haben mich sehr an Murakamis Romane Südlich der Grenze, westlich der Sonne, Wenn der Wind singt und Pinball 1973 erinnert – die surrealen Geschichten wie „Der tanzende Zwerg“ und „TV-People“ hingegen haben alle wundervollen Elemente von Murakamis verrückteren Romanen wie 1Q84, Kafka am Strand oder Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt. Diese fünf Geschichten sind tatsächlich auch meine Favoriten aus diesem Band, wobei ich – bis auf eine Ausnahme, nämlich „Lederhosen“, die mir einfach nicht stark genug war – alle Stories sehr gelungen finde.

Ich sah auf meine Hände und glaubte schon, sie seien durchsichtig. Ein Gefühl der Ohnmacht überkam mich. Ein Bann. Der eigene Körper, die eigene Existenz wurde immer transparenter. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich konnte nicht mehr sprechen. Ich sah nur noch zu, wie die TV-PEOPLE den Fernseher in meinem Zimmer aufstellten und wieder gingen. Ich bekam meinen Mund nicht richtig auf. Ich hatte Angst, meine eigene Stimme zu hören.

Haruki Murakamis Kurzgeschichtenband Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah ist für mich eine rundum gelungene Mischung aus realistischen und magisch-realistischen Stories des japanischen Kultautors. Das Büchlein bietet einen perfekten Überblick über Murakamis Können, seine Themen und Motive, sowie die verschiedenen Facetten seines Schreibens. Aber Achtung: das Buch verursacht akuten Murakamihunger – haltet schon mal einen seiner Romane bereit, den ihr im Anschluss direkt lesen könnt, denn die Kurzgeschichten sind viel zu schnell weggesnackt!

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