Monatsrückblick: Unsere Bücher im Mai

LRM_EXPORT_20180603_160825
Der Mai war ein spannender literarischer Monat, der nicht nur einige heiß ersehnte Bücher brachte, sondern vor allen Dingen auch drei ganz schöne Highlights – Han Kang, George Saunders und Joshua Cohen. Wir haben für euch einen Überblick zusammengestellt.

Wakayama Bokusui – In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter

Bokusuis Sammlung umfasst über 250 Tanka aus 20 Jahren seines Schaffens. Tanka sind eine mit dem Haiku verwandte japanische Gedichtform. Bokusui schreibt in seinen Gedichten meist über die Natur, den Fuji, aber auch über die Liebe, die Familie und das Sake-Trinken. Besonders die Naturbeschreibungen in den Tanka sind sehr schön und fast schon meditativ gelungen, auch wenn mich nicht alle Gedichte gleichermaßen überzeugen konnten. Eine ausführlichere Besprechung findet ihr hier.

Joshua Cohen – Buch der Zahlen

Joshua Cohen hat mit Buch der Zahlen einen der für mich spannendsten und ambitioniertesten Romane des bisherigen Jahres vorgelegt. Anhand einer fiktiven Biographie beschäftigt er sich mit den Themen Daten, Internet, Identität und Literatur. Ja, der Roman ist voller Anspielungen, er ist manchmal sperrig, nicht einfach zu lesen und in manchen Zusammenhängen auch kompliziert. Aber dafür liefert er auch unheimlich viele Ideen, sowohl inhaltlich als auch stilistisch und wird seinen eigenen Ansprüchen absolut gerecht. Über Buch der Zahlen ließe sich so viel sagen, dass eine Rezension dafür eigentlich nicht ausreicht. Unsere Besprechung findet ihr hier.

Josephine Frey – Im Enddefekt

Josephine Frey schreibt in ihrem kleinen Büchlein Kurzgeschichten beziehungsweise Texte, die hauptsächlich vom Erwachsenwerden und von Beziehungen handeln. Sprachlich sehr poetisch und oftmals slam-artig geht die junge Autorin an Themen wie Liebe und Depressionen heran. In der Mitte schwächelt das Buch für mich in einigen Texten, die mir zu banal wirken, aber gerade das erste und das letzte Drittel haben mir ausgesprochen gut gefallen. Frey berührt mich mit ihren kreativen Wortkonstruktionen und trifft mich als Studentin Mitte/Ende zwanzig öfter genau ins Herz. Eine Rezension folgt in der nächsten Zeit.

Franzobel – Das Floss der Medusa

Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt Franzobel in Das Floss der Medusa von einer der größten Katastrophen der Seefahrt im 19. Jahrhundert. Vor der Westküste Afrikas geht die Fregatte Medusa unter. Zwei Wochen später werden 15 der ehemals 147 Passagiere gefunden, die auf offener See nur auf einem Floss überlebt haben. Eigentlich hat mir der Roman gut gefallen, einzig der Erzähler, der aus heutiger Sicht kommentiert, hat mich immer wieder gestört. Wenn er einen Matrosen mit Arnold Schwarzenegger vergleicht oder Schauspieler für einen Verfilmung vorschlägt, waren für mich diese Einwürfe einfach unpassend. Unsere ausführliche Besprechung.

Neil Gaiman – Nordische Mythen und Sagen

In fünfzehn Kapiteln erzählt Neil Gaiman die altnordischen Sagen um Odin, Thor, Loki, Freya und die anderen Götter nach. Mit ungewohnt schlichter Sprache, die sich an den Quelltexten aus dem dreizehnten Jahrhundert orientiert, schreibt Gaiman über Riesen, den Baum des Lebens, die Entstehung der Welt und die Götterdämmerung Ragnarök – sehr unterhaltsam, aber es bleiben eben Nacherzählungen. Je weniger Vorwissen man für dieses Buch hat, desto spannender ist es vermutlich. Hier haben wir es schon rezensiert.

George Saunders – Lincoln im Bardo

Ich war sehr gespannt auf den ersten Roman von George Saunders, der mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Lincoln im Bardo konnte mich vor allem mit seinen vielfältigen Ideen und seiner Vielstimmigkeit für sich einnehmen. Nachdem der Sohn von Abraham Lincoln gestorben ist, befindet er sich in einer Art Zwischenreich, das von Geistern bevölkert wird, die um die Seele des Jungen kämpfen. George Saunders verwebt Fiktion und verschiedene historische Dokumente zu einer universellen Geschichte über Tod, Schmerz und Verlust. Mehr als nur lesenswert und hier ausführlich rezensiert.

Thomas Glavinic – Das bin doch ich

In dem Roman begleiten die Leser den fiktiven Autor Thomas Glavinic durch seinen Alltag, nachdem er sein letztes Buch „Die Arbeit der Nacht“ beendet hat und nun verzweifelt nach einem Verlag sucht. Währenddessen muss er sich mit seinem anstrengenden Schwiegervater herumplagen, sich auf literarischen Veranstaltungen betrinken und ständig um seine Gesundheit sorgen, wie man das als misanthropischer Hypochonder, der bei jeder Gelegenheit trinkt, eben so macht. Ein wirklich unterhaltsames, zynisch-böses Buch über das Schriftstellertum, den Literaturbetrieb und das Leben an sich – hier findet ihr unsere Rezension.

Jonathan Safran Foer – Hier bin ich

Ein Roman über eine jüdische Familie in Washington, die nach einer Entdeckung immer mehr auseinander bricht. Wer Bücher mag, die eher gemächlich voranschreiten, in denen die Dialoge und Beschreibungen auch mal ins Nichts zu führen scheinen, sollte Hier bin ich lesen. Gerade zu Beginn fand ich die Darstellungen des Innenlebens der Figuren eindrücklich und nah beschrieben, auf Dauer dann aber auch etwas ermüdend. Sobald ich ein aussagekräftigeres Urteil formulieren kann, folgt eine komplette Rezension.

Han Kang – The White Book

Fragmentarisch erzählt die südkoreanische Autorin Han Kang von weißen Dingen – Schnee, Geburt, Tod, eine weiße Tür, der Mond, Nebel, Reis… Ihre sehr kurzen Texte drehen sich um Erinnerungen, die sie assoziativ mit dieser Farbe verbindet. Minimalistisch aber gleichzeitig auf ihre eigene Weise extrem poetisch drehen sich die Kapitel um Themen wie Verlust, Trauer, Reue, Hoffnung und Erinnern. Ein experimentelles Stück Literatur, das gewiss nicht für Jedermann ist, mir aber wahnsinnig gut gefallen hat. Lest dazu hier mehr.

2 Antworten auf „Monatsrückblick: Unsere Bücher im Mai

  1. Hallo,

    interessante Bücher! „In der Ferne der Fuji wolkenlos“ könnte sogar in der Bibliothek meines Mannes stehen, der hat lange selber Haiku und Tanka geschrieben.

    An „Buch der Zahlen“ habe ich mich noch nicht herangewagt, obwohl es mich sehr reizt. Ich werde es aber sicher noch lesen, genau wie „Lincoln im Bardo“.

    Vor Verleihung des Buchpreises habe ich mich bemüht, einige der nominierten Titel zu lesen, aber „Das Floß der Medusa“ war nicht dabei. Kritik am Erzähler habe ich allerdings schon mehrmals gelesen.

    Von Han Kang habe ich bisher „Menschenwerk“ gelesen, „Die Vegetarierin“ steht hier schon und wartet. „The White Book“ kommt vielleicht danach.

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.