Han Kang – The White Book

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Die südkoreanische Autorin Han Kang, die mit Die Vegetarierin und Menschenwerk große Erfolge feiern konnte, ist mit ihrem neuen Buch The White Book zurück. Eine Übersetzung ins Deutsche ist leider noch nicht angekündigt.

Han Kangs The White Book (흰 im Original, also wortwörtlich als „Weiß“ zu übersetzen) ist kein Roman, sondern vielmehr eine Ansammlung fragmentarischer Texte, die sich assoziativ mit der Farbe Weiß befassen. Eine weiße Tür, Schnee, Vögel, Geburt und Tod, Nebel, der Mond, Reis, ein Lächeln, ein weißer Hund – Han Kang schreibt in ihren Textstücken, die meist nur ein oder zwei Seiten umfassen, über eigentlich sehr alltägliche Dinge und findet in ihnen eine besondere Schönheit.

All else is white. But can we really call it white? That vast, soundless undulation between this world and the next, each cold water molecule formed of drenched black darkness.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Teil eins, „I“, ist aus der Sicht der Autorin geschrieben und schildert unter anderem den Kindstod ihrer älteren Schwester, die schon zwei Stunden nach ihrer Geburt starb. Im zweiten Teil, „She“, widmet sie sich dem Leben, das ebenjene Schwester hätte führen können, wäre das Schicksal damals nicht so grausam gewesen. Im letzten Teil, „All Whiteness“, spricht sie direkt zu ihrer verstorbenen Schwester.

Han Kangs Sprache ist wie auch schon in Die Vegetarierin und Menschenwerk von eigentümlicher Schönheit. Sie ist klar und schlicht, besitzt aber gleichzeitig eine ganz spezielle Poesie, die diese doch recht minimalistisch gehaltenen Texte mit unglaublichen Emotionen durchzieht. Obwohl sowohl die Sprache als auch die monochrome Aufarbeitung der Themen eine große Ruhe ausstrahlen, wühlen sie den Leser doch langsam aber sicher in seinem Inneren auf. Hier gilt auch ein großer Dank der englischen Übersetzerin Deborah Smith, die die Stimmungen und Gefühle von Han Kangs Worten so exzellent greifbar macht.

There are certain memories which remain inviolate to the revages of time. And to those of suffering. It is not true that everything is coloured by time and suffering. It is not true that they bring everything to ruin.

Han Kangs Kapitel sind sehr poetische Stücke Kurzprosa, oder vielleicht schon narrative Gedichte, die sich vor allem mit den Themen Verlust, Trauer, Erinnerungen und Schuld beschäftigen. Neben stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Fotografien von Performancekunst sind es vor allem die großflächigen weißen Ränder und die leeren weißen Seiten nach dem letzten Kapitel „All Whiteness“, die die Wirkung der Texte visuell unterstützen und intensivieren.

This life only needed one of us to live it. If you had lived beyond those first few hours, I would not be living now. My life means yours is impossible. Only in the gap between darkness and light, only in that blue-tinged breach, do we manage to make out each other’s faces.

Der Tod ihrer eonni, ihrer großen Schwester, lastet schwer auf Han Kang. Die Schuldgefühle, nur am Leben zu sein, weil sie starb, sind eine große Bürde. Das gesamte Buch ist ein Tribut an diese Schwester, ein Werk des Vermissens, des Bereuens und der Trauer. Doch obwohl es um den Tod des Babys geht, erzählt The White Book vor allen Dingen auch vom Leben und von der Hoffnung.

Ich habe Han Kang schon bewundert, als ich die ersten Seiten ihres Romans Die Vegetarierin las. Mit Beendigung des Buches und auch nach der Lektüre von Menschenwerk wurde meine Begeisterung auch nicht weniger. Allerspätestens mit diesem Werk jedoch schafft es die Autorin, sich einen gefestigten Platz unter meinen Lieblingsschriftstellern zu sichern. Alle drei Bücher, die ich von Han Kang gelesen habe, sind sehr unterschiedlich und doch gleichermaßen ergreifend – auf eine sehr unkitschige Art.

Han Kang scheint gerne mit Literatur zu experimentieren; Die Vegetarierin bestand eigentlich aus drei kurzen Novellen und Menschenwerk setzt sich quasi aus thematisch miteinander verbundenen Kurzgeschichten zusammen. Genau diese Andersartigkeit ihrer Bücher ist es, die mich anzieht.
The White Book ist ein literarisches Werk, das sich vermutlich nicht jeder Autor erlauben könnte. Es ist eigensinnig, faszinierend, beruhigend, wunderschön und strahlt eine gewisse Würde aus. Gleichzeitig schafft es das Buch, mich auf eine sehr sanfte Weise zu berühren. Es ist eine Mischung aus Belletristik, Poesie und Memoir mit einem starken künstlerischen Ansatz. Und damit ist es so unglaublich anders als der Großteil der Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

2 Antworten auf „Han Kang – The White Book

  1. […] Fragmentarisch erzählt die südkoreanische Autorin Han Kang von weißen Dingen – Schnee, Geburt, Tod, eine weiße Tür, der Mond, Nebel, Reis… Ihre sehr kurzen Texte drehen sich um Erinnerungen, die sie assoziativ mit dieser Farbe verbindet. Minimalistisch aber gleichzeitig auf ihre eigene Weise extrem poetisch drehen sich die Kapitel um Themen wie Verlust, Trauer, Reue, Hoffnung und Erinnern. Ein experimentelles Stück Literatur, das gewiss nicht für Jedermann ist, mir aber wahnsinnig gut gefallen hat. Lest dazu hier mehr. […]

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