Han Kang – Menschenwerk

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Ein Zeitzeugnis moderner koreanischer Geschichte: Menschenwerk von Han Kang ist ein Roman, der die Brutalität und Willkürlichkeit des Militärs während der Gwangju-Aufstände anprangert.

Südkorea, Mai 1980: knapp 100.000 Menschen protestieren in den Straßen von Seoul gegen die herrschende Militärdiktatur unter General Chun Doo-hwan. Er ist an der Macht, seit im Oktober des vergangenen Jahres Diktator Park Chung-hee bei einem Attentat ums Leben kam. Vom 18. bis zum 27. Mai dann versammeln sich vorerst Studenten in Gwangju, um ebenfalls zu protestieren, sie werden aber schnell von den restlichen Bürgern der Stadt unterstützt. Doch die Militärregierung schlägt zurück: Soldaten bekämpfen unschuldige Bürger, Panzer rollen durch die Straßen, der Ausnahmezustand wird verhängt.

An jenem Tag […] hatte ich in mir etwas Eigentümliches entdeckt: Das Gefühl, keine Angst mehr zu haben. Ich erinnere mich, dass ich im Bewusstsein, jeden Moment sterben zu können, spürte, wie die Herzen der vielen Leute auf dem Platz im gleichen Takt schlugen. Als hingen sie alle an einem gemeinsamen Blutkreislauf. Kräftige, edelmütige Herzen, und meines gehörte dazu.

Unter den Demonstranten sind auch die beiden Mittelstufenschüler Dong-ho und Jeong-Dae, die sich heimlich fortschleichen, um an den Demonstrationen teilzunehmen, wie viele andere Schüler und Studenten auch. Doch Jeong-Dae wird von einer Kugel der Soldaten getroffen und verschwindet in der Menge. Das erste Kapitel von Menschenwerk befasst sich mit Dong-ho und der Suche nach seinem Freund. Im Laufe des episodenhaften Romans kommen auch andere Personen zu Wort, die bei den Aufständen und dem Massaker von Gwangju dabei waren, wie die Oberschülerin Eun-suk und Jin-su, der später im Gefängnis landen wird.

Alle sechs Kapitel befassen sich mit den grausamen Tagen im Jahr 1980, vier von ihnen begleiten die jeweiligen Protagonisten auch darüber hinaus in ihrem späteren Leben, in dem sie immer noch Schwierigkeiten haben, immer noch von den Erinnerungen gequält werden – und immer noch, auch Jahre später, Folter durch den Staat erdulden müssen. Kang beschreibt die Soldaten, die von höher gelegenen Dächern aus Kinder und Jugendliche im Sekundentakt niederschossen, die Leichen, die in den Turnhallen nebeneinander verwesten, die Trauernden, denen keine Zeit und kein Raum zum Trauern blieb, den protestierenden Studenten, die verhaftet und auf unaussprechliche Weise gefoltert wurden, den Schmerz, den solch ein Ereignis in einer Nation und einem Individuum verursacht. Das vermutlich Schlimmste dabei: es ist keine Fiktion, es ist wirklich geschehen.

Was wussten sie denn schon über den Tod, für den sie sich entschieden hatten? Es waren doch noch Kinder, die mit dem Gewehr über der Schulter unter den Fenstern hockten, sich über Hunger beklagten und darum baten, schnell in den Versammlungsraum gehen zu dürfen, um sich Kuchen und Fanta zu holen.

Kangs Sprache ist relativ schlicht – es fehlen die poetischen Abschnitte, die in Die Vegetarierin zu finden sind. Sie ist schnörkellos aber trotzdem, oder gerade deswegen, unglaublich eindringlich. Wenn Dong-ho nüchtern und emotionslos, fast schon wie in einem Bericht, von den Grausamkeiten des Militärs spricht, geht es näher, als einem lieb ist. Durch die „Du“ sowie „Sie“- Ansprache des Lesers im ersten und im vierten Kapitel werden die Schilderungen extrem intensiv. Der Leser nimmt die Postition von Dong-ho bzw. später von Seon-ju ein. Ich muss gestehen, dass ich die „Sie“-Ansprache sehr gewöhnungsbedürftig und auch ein wenig sperrig fand, dafür ist das erste Kapitel umso gelungener. Kang gibt dem Leser ein Gefühl der Unmittelbarkeit, er ist mittendrin, kann nicht entkommen und ist gezwungen, seine Augen zu öffnen und all das Leid, all den Schmerz und die Brutalität mitanzusehen.

„In Kambodscha haben sie mehr als zwei Millionen Menschen umgebracht. Es gibt keinen Grund, hier nicht das Gleiche zu tun.“

Menschenwerk ist voller heftiger Szenen, die nichts für schwache Nerven sind. Kinder, die im wahrsten Sinne des Wortes niedergemetzelt werden, Bajonette, die zustechen und Soldaten, die zuschlagen und -treten, Gedärme, die aus dem Körper quellen, Körper, die von Tag zu Tag unkenntlicher werden, bergeweise Leichen, die abtransportiert und verbrannt werden und Frauen, die auf eine Art gefoltert werden, die sich nur schwer beim Lesen ertragen lässt – Kang greift zu harten Geschützen, sie agiert in ihrem Schreiben genauso schonungslos wie die Soldaten, die in 1980 für ein paar zusätzlich verdiente Won extra brutal vorgingen. Kangs Schreibfeder ist ihr Bajonett und sie sticht es immer wieder ohne Rücksicht in das Herz des Lesers.

„All diese Leichen. Hast du keine Angst vor ihnen? Du bist doch sonst immer so ängstlich.“
Mit einem Lächeln hast du geantwortet: „Es sind die Soldaten, die mir Angst einjagen, nicht die Toten.“

Ich bin zwar ein sehr emotionaler und empathischer Mensch, aber bei Literatur tue ich mich eher schwer – das einzige Buch, bei dem ich in letzter Zeit geweint habe, war Ein wenig Leben, und das ist ja kaum verwunderlich. Hier jedoch fiel es mir oft schwer, weiterzulesen, bei vielen Schilderungen musste ich die Tränen zurückhalten und das, obwohl Kang stets so sachlich und beschreibend bleibt. Aber es nimmt einen einfach mit, wenn die südkoreanische Autorin, die in Gwangju geboren wurde und nur kurz vor den Aufständen im Alter von neun Jahren nach Seoul zog, erneut über menschliche Gewalt und Brutalität schreibt. Wie schon in Die Vegetarierin gelingt ihr das auf eine außergewöhnliche und wirklich starke Weise. Sie erkundet auf direktem Weg, ohne Beschönigungen, das menschliche Leid in all seinen Formen, schonungslos, pur, einfach so, wie es ist. „Violence is part of being human, and how can I accept that I am one of those human beings? That kind of suffering always haunts me.“ sagte Han Kang in einem Interview mit „World Literature Today“.

Ich warte darauf, dass der natürliche Tod mich ein für alle Mal erlösen wird von der Erinnerung an den schmutzigen Tod, der mich Tag und Nacht verfolgt. Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe allein. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein.. ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin.

Kang hat sich nicht mit den Opfern und Überlebenden des Massakers getroffen, sie wollte niemandem noch mehr Leid hinzufügen, indem sie alte Wunden wieder aufreißt. Stattdessen nahm sie sich rund 2000 Seiten Augenzeugenberichte vor, die in der heutigen Zeit Gott sei Dank zur Verfügung stehen. Hunderte von Menschen schildern darin ihre Erlebnisse, die Gewalt und die Willkür, der sie ausgesetzt waren. Was das mit der Autorin selbst gemacht hat, verrät sie den Lesern in ihrem sechsten Kapitel von Menschenwerk, im Epilog, in dem sie von ihrer Arbeit an dem Buch und ihren daraus resultierenden Alpträumen berichtet.

Menschenwerk von Han Kang ist ein episodenhafter Roman, der sich mit den Geschehnissen und auch den Folgen des Gwangju-Massakers in Südkorea im Jahr 1980 beschäftigt. Dokumentarisch und ehrlich brutal lässt er in die menschlichen Abgründe blicken. Kang porträtiert die Brutalität und Gewalt, zu der wir Menschen fähig sind, aber auch den Widerstand und den Zusammenhalt, diejenigen, die sich für andere einsetzen. Es ist oft nicht leicht zu lesen, aber es ist ein wichtiges Buch, das die Grausamkeiten der koreanischen Militärdiktatur auf Papier festhält und uns zeigt, dass alles gut werden kann, solange uns eine solche Geschichte noch zu erschüttern vermag.

Kang sagte übrigens letztes Jahr in einem Interview mit „The White Review“, dass sie bereits an ihrem neuen Roman schreibe, der ähnlich wie Die Vegetarierin aus drei Novellen besteht. Es ist ein sehr langes aber unglaublich informatives Interview. Ein weiteres zum ihrem Roman Menschenwerk gab es, ebenfalls 2016, im Guardian. Allzu lange müssen wir dann also nicht mehr auf ihr neuestes Werk warten und können nur hoffen, dass die Übersetzung auch recht flott erscheint, denn ich persönlich möchte unbedingt mehr von Han Kang lesen.

5 thoughts on “Han Kang – Menschenwerk

  1. Von diesen Aufständen höre ich das erste Mal, muss ich gestehen. Was das Ganze ja irgendwie umso erschreckender macht, wo doch so viele Menschen ihr Leben lassen mussten. Werde diese Wissenslücke füllen und mir das Buch auf jeden Fall auf den Merkzettel packen. – Wieder mal eine ganz tolle und sehr ehrliche Rezension! Danke dafür! LG Stefan

    Gefällt 1 Person

    1. Ich muss gestehen, dass ich davon auch nichts gehört hatte.
      Dieses Ereignis wurde allerdings, soweit ich weiß, damals von den internationalen Medien kaum beachtet und auch heute spricht niemand darüber…außer jetzt im Zusammenhang mit diesem Roman.
      Insgesamt sind ca. 2000 Menschen gestorben – ich finde, darüber kann man sich mal ruhige drüber informieren, und dieses Buch ist perfekt dafür. Ein großartiges Stück Literatur! Freut mich, dass es vielleicht auch bald bei dir landet! 🙂

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  2. Auf Han Kang bin ich ja zuerst durch „Die Vegetarierin“ aufmerksam geworden, was ich sehr gerne noch lesen will. Ihr neues Buch klingt aber auch sehr interessant. Deine Rezension hat mich jetzt auf jeden Fall noch neugieriger auf die Autorin gemacht. 🙂
    Liebe Grüße
    Anka

    Gefällt 1 Person

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