Ae-Ran Kim – Mein pochendes Leben

Ae-Ran Kim mein pochendes Leben Rezension

Die südkoreanische Autorin Ae-Ran Kim hat mit Mein pochendes Leben einen Roman von zärtlicher Schönheit geschaffen, der die berührende Geschichte eines kranken Teenagers erzählt.

Arum ist erst sechzehn Jahre alt, doch er steckt im Körper eines alten Mannes. Er leidet unter Progerie, der Krankheit des vorzeitigen Alterns. Auch wenn er halb so alt ist wie sein Vater, sieht er aus wie sein eigener Großvater. Auch die körperlichen Kräfte lassen langsam nach – Arum leidet unter den Gebrechen eines Senioren und die Behandlungskosten belasten seine Familie schwer. So beschließen sie, an einer Dokumentation teilzunehmen, die ihnen Spenden einbringen soll, mit deren Hilfe sie Arums Krankenhausaufenthalte finanzieren können. Doch nach Ausstrahlung der Doku meldet sich plötzlich ein Mädchen bei Arum. Zum ersten Mal fühlt er sich wirklich verstanden – und beginnt, Gefühle für So-Ha zu entwickeln.

Ich bin jedoch der Überzeugung, dass große Wunder immer im Gewöhnlichen geschehen. Nach einem normalen Leben in einem gewöhnlichen Alter zu sterben – das ist das eigentliche Wunder. In meinen Augen waren meine Mutter und mein Vater das eigentliche Wunder. Meine Onkel und Tanten, die Männer und Frauen in der Nachbarschaft – all das waren Wunder. Ebenso der Hochsommer und der tiefe Winter. Aber nicht ich.

Ae-Ran Kim war mir völlig unbekannt, bis sich der Cass-Verlag, bei welchem ihre Werke in deutscher Sprache erscheinen, bei mir meldete. Da ich ein großer Fan von Han Kangs Werken bin, dachte ich, dass ich mit einer weiteren südkoreanischen Autorin sicherlich nichts falsch machen kann – und siehe da: ich habe eine neue, vielversprechende weibliche Stimme aus Asien gefunden.

Kim erzählt gleichsam zurückhaltend wie einfühlsam die Geschichte eines besonderen Jungen, der eigentlich nur eines möchte: ganz normal sein. Mit klarer, aber dennoch an den richtigen Stellen poetischer Sprache schafft es die Autorin, die traurige Geschichte Arums auf eine emotionale und melancholische, aber niemals kitschige Art zu entfalten. Arum, der trotz seiner aussichtslosen Situation niemals komplett den Mut verliert, wächst einem als Leser wahnsinnig schnell ans Herz, was vermutlich auch an der großartigen Übersetzung Sebastian Brings liegt.

„Also Papa…“
„Ja?“
„Wenn du eines Tages sehr einsam sein solltest und dir die Welt unendliche Angst macht, so wie die Weiten des Pazifiks…“
„Ja?“
„Dann will ich dein Tiger sein.“

An manchen Stellen ist der knapp 300 Seiten kurze Roman tragikomisch, an vielen zärtlich. Er berührt und es ist tatsächlich nicht immer so leicht, das alles nicht zu nah an sich heran zu lassen.
Kim erzählt eine Geschichte voller Leid, aber auch voller Liebe. Arums Vater und Mutter sind erst 16 Jahre alt, als sie Eltern werden und sein Vater ist gerade von der Sporthochschule verwiesen worden. Keine leichte Aufgabe also für zwei Teenager, ein Kind mit Progerie großzuziehen. Dennoch opfern sie alles für ihren Sohn auf: Deasu hält die Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser und Mira kümmert sich rund um die Uhr um den kranken Arum. Diese bedingungslose Liebe, die die beiden ihrem Kind entgegenbringen, berührt genauso wie Arums Mut, seine Stärke und sein Wunsch nach Normalität.

„Meine Familie geht nicht in die Kirche.“
„Glaubst du an einen anderen Gott?“
„Hm… manchmal habe ich solche Gedanken… Aber ich glaube, Gott hat mich einfach vergessen.“
„…“
„Er hat bestimmt viel zu tun.“

In dem Roman verschwimmen die Grenzen zwischen Alt und Jung. Arum ist sechzehn, und auch, wenn er sich manchmal wie ein Teenager benimmt, besonders wenn er mit So-Ha chattet und sich in sie verliebt, wirkt er doch oft erwachsener als seine eigenen Eltern. Während der Gespräche mit seinem Vater wirken ihre Rollen oft vertauscht – wer Vater und wer Sohn ist, lässt sich manchmal kaum erkennen. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig, solange sie zueinander halten.

Ae-Ran Kims Roman Mein pochendes Leben aus dem Cass-Verlag ist zart, einfühlsam und wunderschön – aber auch melancholisch und tief berührend. Es ist eine Geschichte über das Altern, das Leben und die Liebe, keinesfalls kitschig aber auf seine eigene, ruhige Art sehr fesselnd. Ich werde die Autorin, von der außerdem noch ein Erzählband mit dem Titel Lauf, Vater, lauf erschienen ist, definitiv im Auge behalten!

Eine weitere Rezension findet ihr beim Readpack – Alexandra war ebenso begeistert wie ich!

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