Unsere Besten Bücher 2017

Lesehighlights 2017x

2017 steht kurz davor, für immer abzudanken. Der Vorhang fällt bald, das Publikum ist schon längst bereit zu gehen – ins verheißungsvolle Jahr 2018. Was aber bleibt, wenn alle fort sind, sind wundervolle Erinnerungen an unglaublich gute Bücher, die wir in diesem Jahr lesen durften.

Nadine:

Han Kang – Menschenwerk

Südkorea, Mai 1980: knapp 100.000 Menschen protestieren in den Straßen von Seoul gegen die herrschende Militärdiktatur unter General Chun Doo-hwan. Er ist an der Macht, seit im Oktober des vergangenen Jahres Diktator Park Chung-hee bei einem Attentat ums Leben kam. Vom 18. bis zum 27. Mai dann versammeln sich vorerst Studenten in Gwangju, um ebenfalls zu protestieren, sie werden aber schnell von den restlichen Bürgern der Stadt unterstützt. Doch die Militärregierung schlägt zurück: Soldaten bekämpfen unschuldige Bürger, Panzer rollen durch die Straßen, der Ausnahmezustand wird verhängt.

Menschenwerk von Han Kang ist ein episodenhafter Roman, der sich mit den Geschehnissen und auch den Folgen des Gwangju-Massakers in Südkorea im Jahr 1980 beschäftigt. Dokumentarisch und ehrlich brutal lässt er in die menschlichen Abgründe blicken. Kang porträtiert die Brutalität und Gewalt, zu der wir Menschen fähig sind, aber auch den Widerstand und den Zusammenhalt, diejenigen, die sich für andere einsetzen. Es ist oft nicht leicht zu lesen, aber es ist ein wichtiges Buch, das die Grausamkeiten der koreanischen Militärdiktatur auf Papier festhält und uns zeigt, dass alles gut werden kann, solange uns eine solche Geschichte noch zu erschüttern vermag.

Alex:

Viet Thanh Nguyen – Der Sympathisant

Im April des Jahres 1975 wird eine Gruppe von südvietnamesischen Offizieren in letzter Sekunde aus Saigon ausgeflogen und in die USA gebracht. Unter ihnen befindet sich auch ein als Adjutant getarnter Spion des Nordens. Seine Aufgabe ist es, in Los Angeles den Gegner weiterhin zu beobachten. In den USA angekommen, ringt er jedoch immer mehr mit seinem Doppelleben, seinem Dasein als Spion, der westlichen Konsumgesellschaft und seiner eigenen Identität.

Mit Der Sympathisant hat Viet Thanh Nguyen einen Roman geschaffen, der sowohl sprachlich als auch inhaltlich anspruchsvoll ist und gleichzeitig voller Spannung. Bewundernswert ist die Fähigkeit des Autors, politische Diskussionen und Thesen in die Handlung einzubauen. Wer schon immer einen Roman lesen wollte, der die Perspektive auf den Vietnamkrieg umdreht, wird hier fündig. Der Sympathisant ist ein außergewöhnliches Werk der Literatur.

Nadine:

Donna Tartt – Die geheime Geschichte

Richard Papen studiert am College von Hampden in Vermont. Dort gibt es eine Gruppe von Studenten – Henry, Francis, Charles, Camilla und Bunny – die eine große Faszination auf den jungen Mann ausüben. So groß, dass er beschließt, ihnen näher zu kommen. Sie studieren Altgriechisch bei Julian Morrows, nein, eigentlich leben sie für die antiken Sprachen, Philosophien und Ideen. Als Richard das Fach wechselt und in ihren inneren Kreis aufgenommen wird, zeigt sich jedoch schnell, dass nicht alles so perfekt ist, wie es von außen schien. Die fünf Studenten haben alle ihre Abgründe und niemand von ihnen spielt mit offenen Karten…

Die geheime Geschichte von Donna Tartt ist trotz Mordfall kein Kriminalroman, sie ist vielmehr ein Psychogramm der elitären Studenten, die der Schönheit in ihrer grausamsten Form huldigen und jeglicher Moral entbehren. Vor allen Dingen aber ist es ein großartiger Roman, der sich schon während der Lektüre als etwas ganz Besonderes herauskristallisiert, aber erst im Nachhinein richtig seine vollständige Kraft und Wirkung entfalten und mit seiner Komplexität beeindrucken kann.

Alex:

Tomas Espedal – Wider die Kunst

Das Leben des norwegischen Autors Tomas Espedal wird von zwei Schicksalsschlägen erschüttert: Zuerst stirbt seine Mutter und kurz darauf seine Frau Agnete. Er bleibt allein mit der Tochter zurück und versucht eine neue Art zu leben. Trost kann er ihr in seiner Trauer kaum spenden und der Versuch, die Mutter zu ersetzen, beraubt das Kind des Vaters. Halt findet Espeal in seiner Familiengeschichte. Eng verwebt Espedal sein Leben und sein Schreiben und erzählt von seinen eigenen Erfahrungen.

Wider die Kunst von Tomas Espedal ist erneut ein Roman, in dem der Autor seine Leser nah an sich heran lässt. Voller Erinnerungen an die eigene Familie, Verluste und Schmerz. Dazu Passagen, in denen er seine eigenen Schreibprozesse reflektiert und die Kraft, die er daraus ziehen kann. Aber allein die Sprache, die Espedal dafür findet, ist es wert, den Roman zu lesen. Ein Werk von großer Ehrlichkeit und einer glasklaren Sprache. Wie immer eine absolute Leseempfehlung!

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Nadine:

Margaret Atwood – Der Report der Magd

Offred lebt als Magd, als Handmaid, in Gilead. Die Stadt ist eingezäunt, man steht unter ständiger Beobachtung, man muss aufpassen, wem man sich anvertraut. Lesen und schreiben ist den Frauen verboten und es herrschen strikte Hierarchien. Ganz oben in der Nahrungskette steht ein Großteil der Männer, weiter unten kommen die Wives, also die Ehefrauen, die oftmals unfruchtbar sind, sowie die Aunts, welche für die religiöse und allgemeine Erziehung der jungen Frauen, der Mägde, zuständig sind. Diese sind einzig und allein zur Reproduktion gedacht, sie besitzen keinen anderweitigen Lebensinhalt. Ohne Identität, ohne jegliche Freiheiten leben sie vor sich hin und versuchen, den Männern, in deren Haushalten sie leben, Kinder zu gebären.

Der Report der Magd ist für mich von allen klassischen Dystopien, die ich bisher gelesen habe, mit Abstand die einnehmendste. Mitreißend, faszinierend, erschütternd greift Offred mit ihren behandschuhten Händen nach der Kehle des Lesers und schnürt sie ihm, nach einer ruhigen, auffällig unauffälligen Einführung in die Geschichte, für den gesamten Rest des Romans zu.

Alex:

Ted Chiang – Stories of Your Life and Others

In der Kurzgeschichtensammlung Stories of Your Life and Others finden sich acht ausgezeichnete Erzählungen des Autors Ted Chiang. In den Geschichten geht es um den Turmbau von Babel, die Folgen des Erstkontakts mit Außerirdischen, die die Erde besuchen, eine Therapie, die dazu führt, dass sich die kognitiven Fähigkeiten der behandelten Personen deutlich steigern und um Engel, die den Menschen tatsächlich erscheinen, allerdings mit heftigen Folgen.

Ted Chiangs Kurzgeschichtenband Stories of Your Life and Others gehört zu den besten Sammlungen, die ich bis jetzt gelesen habe. Der Autor entwickelt intelligente und tiefgründige Geschichten, die zum Nachdenken anregen und von einer großen Fantasie des Autors zeugen. Gleichzeitig schafft Ted Chiang es auch, die emotionalen Seiten seiner Figuren zu zeigen und diese sinnvoll mit den wissenschaftlichen Aspekten zu verbinden. Kurzum: Eine Sammlung von Kurzgeschichten, die aus der Masse herausragt!

Nadine:

Max Porter – Trauer ist das Ding mit Federn

Als die Ehefrau des nur als Dad bekannten Protagonisten einen plötzlichen Unfalltod stirbt, bricht für ihn und seine beiden Söhne eine Welt zusammen. Doch schnell tritt ein anderes Wesen in ihr Leben: die Krähe. Sie bleibt bei der Familie und unterstützt sie in ihrer Trauer, bis sie die Krähe nicht mehr brauchen. Bis dahin erzählen abwechselnd der Vater, die Söhne sowie die Krähe aus ihrem gemeinsamen Alltag.

Max Porter zeigt uns in seinem kurzen, aber dennoch bedeutungsvollen und emotionalen Roman Trauer ist das Ding mit Federn die verschiedenen Arten der Trauer und ihrer Bewältigung. Leben und Tod, Verzweiflung und Witz stehen sich direkt gegenüber. Vor allen Dingen der unglaublich kreative und gelungen konstruierte Charakter der Krähe sticht hervor und hindert durch seine Skurrilität das ein oder andere Mal die Tränen am Fallen – zumindest, bis sich das Weinen in der Schlussszene nicht mehr länger vermeiden lässt. Ein berührendes, trauriges, lustiges und im allerbesten Sinne merkwürdiges kleines Büchlein, das uns zeigt, dass auch Trauer und Schmerz ihre Zeit brauchen.

Alex:

Julian Barnes – Der Lärm der Zeit

Im Mai 1937 wartet ein Komponist jede Nacht am Fahrstuhl seiner Wohnung in Leningrad darauf, dass er von Stalins Männern abgeholt wird. Der Mann mit Namen Schostakowitsch möchte seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung ersparen. Während der Aufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ hat Stalin zur Pause die Aufführung verlassen. Durch Zufall entgeht der Komponist den Säuberungen. Doch fortan ist er kein freier Mann mehr und er kann keine eigenen Entscheidungen hinsichtlich seiner Musik treffen.

Mit seinem neuen Roman Der Lärm der Zeit hat Julian Barnes einen beeindruckenden Künstlerroman geschrieben. Anhand seines Protagonisten, dem russischen Komponisten Schostakowitsch, zeigt er eindrucksvoll das schwierige Verhältnis zwischen freier Kunst und staatlicher Macht. Barnes porträtiert einen Künstler, der seine Kunst und seine Seele verkauft, um sich und seine Familie zu schützen. Dabei spielt er mit dem Gedanken an Suizid und verachtet sich selbst für sein Verhalten.

4 Antworten auf „Unsere Besten Bücher 2017

  1. Huhu :)
    The Handmaid’s Tale habe ich mir heuer als Hörbuch über Audible gegönnt und ich muss sagen, es ist auch eines meiner Highlights. Trotz des unbefriedigenden Endes.
    Außerdem habe ich heuer The Goldfinch von Donna Tartt gelesen und Die geheime Geschichte wartet seit dem auf meiner Wunschliste ;) Ihr Schreibstil hat mich wahnsinnig beeindruckt, auch wenn mir der Protagonist alles andere als sympathisch war. Ich hoffe, dass ich 2018 dazu komme, mehr von ihr zu lesen.

    Alles Liebe,
    Smarty

    Gefällt 1 Person

    1. Sorry für die späte Antwort, aber die Feiertage hatten mich hier voll im Griff :D
      Bitte, bitte lies Die geheime Geschichte! Das ist sogar NOCH besser als der Distelfink! Das mit den unsympathischen Protagonisten ändert sich zwar nicht, aber trotzdem (oder gerade deswegen? Ich weiß nicht) faszinieren sie mich so und saugen mich in die Story ein. Das Buch hat echt eine einmalige Atmosphäre und ich kann’s dir nur allerwärmstens empfehlen, wenn du Donna Tartt sowieso schon magst! :)
      Guten Rutsch!
      Nadine

      Gefällt 1 Person

      1. Kein Problem, kenn ich nur zu gut ;)
        Hab ich für 2018 auf jeden Fall vor! Genau den Aspekt mit dem unsympathischen Protagonisten finde ich so faszinieren, weil normalerweise sind Autoren ja auf das Gegenteil aus.

        Dir auch einen guten Rutsch,
        Smarty :)

        PS: bis Mitternacht läuft bei mir noch ein brüchiges Gewinnspiel mit exzellenten Chancen – also solltest du Zeit haben, schau auf jeden Fall vorbei und mach mit :) würd mich freuen ^.^

        Gefällt 1 Person

  2. Huhu!

    Ich feiere es immer sehr, wenn eine Liste mit Lesehighlights viele Bücher enthält, die man nicht überall sieht und die dann noch eine Vielfalt von Themen abdecken.

    „Menschenwerk“ war für mich auch DAS Highlight von 2017, obeohl es mir wirklich an die Nieren ging. Aber solche Bücher müssen auch weh tun, damit man das Leid nachvollziehen kann, ohne ein reiner Voyeur der Ereignisse zu sein.

    „Der Sympathisant“ habe ich noch nicht gelesen, aber ich finde es interessant, den Vietnamkrieg mal aus anderem Blickwinkel zu sehen. Das werde ich mir auf jeden Fall merken!

    „Die geheime Geschichte“ habe ich 1995 gelesen, was ich noch so genau weiß, weil ich da gerade meine Lehre im Buchhandel angefangen hatte. Leider kann ich mich kaum noch daran erinnern, worum es in dem Buch ging – was blieb, ist ein vages Gefühl, dass ich beeindruckt war. Eigentlich will ich schon seit Ewigkeiten „Der kleine Freund“ und „Der Distelfink“ lesen.

    „Der Report der Magd“ ist für mich auch eine der denkwürdigsten Dystopien. Die klassischen Dystopien sind so anders als die modernen, die vor allem für junge Leser geschrieben sind! Nicht, dass diese automatisch schlecht wären, aber sie sind von Atmosphäre und Stil her doch deutlich anders.

    „Trauer ist das Ding mit Federn“ klingt nach einem Buch, das ich eigentlich noch lesen sollte – vielleicht im Jahr 2020 oder so. Mein Mann und ich haben gerade zwei Jahre hinter uns, in denen er beide Eltern, ich meinen Bruder und wir gemeinsam mehrere gute Freunde verloren haben, viele davon viel zu jung. Ich glaube, es braucht noch seine Zeit, bis ich wieder über Trauer lesen möchte. (Da war „Menschenwerk“ schon harter Tobak.)

    „Der Lärm der Zeit“ werde ich mit Sicherheit noch lesen!

    LG,
    Mikka
    Mein Blog auf Blogspot (2012-2017)
    Mein Blog auf WordPress (2017+)

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