Einar Kárason – Versöhnung und Groll

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© Verlagsgruppe Random House

Der schwere Weg zum Frieden…

Island im 13. Jahrhundert ist von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt, die kein Ende finden wollen. Der Mord an Snorri Sturlursson, dem Politiker und Dichter, Autor der Edda und Egils-Saga, hat für bürgerkriegsähnliche Verhältnisse gesorgt. Die Machtkämpfe zweier verfeindeter Familienclans haben zur Spaltung geführt. Nach dem Eingreifen des norwegischen Königs will Gissur Porvaldsson, einer der Anführer, seinen Feinden, dem Clan der Sturlungen, die Hand zu Frieden reichen. Durch eine Heirat soll der Frieden besiegelt werden, doch nicht alle sind von der Idee überzeugt.

Für seinen historischen Roman Versöhnung und Groll geht der isländische Autor zurück in die sogenannte Sturlungen-Zeit. Die Geschehnisse dieser Zeit wurden in der Sturlungen-Saga festgehalten und die Autoren waren selber Zeugen der heftigen Auseinandersetzungen dieser Epoche. Die Ausgangslage zu Beginn des Romans ist einfach und klar: auf der einen Seite Gissur, der Anführer seines Clans und auf der anderen Seite die Sturlungen, die sich ohne Rücksicht bekriegen und jeden Racheakt mit erneuter Rache beantworten. Die Form, die der Autor Einar Kárason für seinen historischen Roman wählt, ist eher ungewöhnlich. Das recht kurze Buch (190 Seiten) besteht aus vielen kurzen Kapiteln, die aus der Sicht der beteiligten Personen geschildert werden. Diese Darstellungen haben mich an Tagebucheinträge erinnert. Dabei hält der Autor sich nicht lange mit Beschreibungen auf, sondern taucht direkt in die Gedanken- und Gefühlswelt der Figuren ein, wodurch sich bei mir das Gefühl einer Unmittelbarkeit der Handlung eingestellt hat. Was ich sehr reizvoll finde, ist, dass die Charakterisierung der Protagonisten immer durch die Perspektive eines anderen Charakters erfolgt. Neben Gissur kommen verschiedene führende Mitglieder der Sturlungen-Familie zu Wort, sowie weitere Angehörige, Mägde, Bauern und einfache Krieger. Diese vielen Perspektiven sorgen dafür, dass der Leser häufig mehr weiß als die Figuren, was gerade das Ende sehr spannend macht. Das Denken der meisten Personen schwankt zwischen der Sehnsucht nach Frieden und dem immer weiter währenden Wunsch nach Rache:

„Kolbeinn, ich weiß, wie wütend dich das macht. Und ich verspreche dir, wenn sich irgendwann eine Gelegenheit ergibt, an den Dreckskerlen Rache zu nehmen, die unseren Bruder Björn Kaegill geköpft haben, wird uns nichts aufhalten.“

„Und wenn wir nicht zu dieser Hochzeitsfeier nach Flugumýri gehen und stattdessen mit unseren Männern auf eine Gelegenheit warten, Gissur anzugreifen?“, fragte ich.

„Diese Zeiten sind vorbei, mein Bruder, du hast doch diese wunderschöne Braut und ihren Bräutigam gesehen, wie sie den ganzen Tag da gesessen und Händchen gehalten haben. Gissur anzugreifen wäre ein Angriff auf sie. Und da mache ich nicht mit.“

Die tragischste Figur ist Eyjólfur. Er ist verheiratet mit einer der Töchter des ermordeten Snorri und kämpft sein Leben lang um Anerkennung. Doch die wird ihm von seiner Frau und den anderen Männern immer verwehrt. In Alpträumen wird er von abgeschlagenen Köpfen und Hunden verfolgt, versinkt in Schwermut und versteckt sich tagelang im Bett. Doch eigentlich will er ein Held sein und allen zeigen wie tapfer und stark er eigentlich ist – vor allem seiner Frau, die ihn beständig beschimpft und verlacht. So ist bereits nach wenigen Seiten die Katastrophe abzusehen, aber traut man sie als Leser wirklich einem so wankelmütigen und schwachen Charakter wie Eyjólfur zu?

Was mir beim Lesen sehr geholfen hat, sind die Briefe, die der norwegische Bischof Holar an seinen König in Norwegen schickt. Die vielen nordischen Namen waren am Anfang doch recht verwirrend. Die Briefe erklären zum Glück sehr einfach, wer gegen wen warum kämpft und wer welche Interessen verfolgt. Zudem sind die Briefe stilistisch anders gestaltet als die Gedankenwelt der Isländer, was mir gut gefallen hat. Grundsätzlich ist der Stil einfach und klar gehalten, dabei aber sehr präzise, weswegen zumeist wenige Sätze ausreichen, um das Innere einer Figur zum Leben zu erwecken. Gelegentlich sind mir allerdings Wörter aufgefallen, die mir zu modern klangen, wie etwa „Lachnummer“. Ob das nur ein Problem der Übersetzung ist, kann ich nicht beurteilen. Die Suche nach einem klaren Protagonisten und seinem Antagonisten ist vergebens, denn sehr schnell wird deutlich, dass es hier kein gut oder böse gibt, sondern viele Schattierungen und jeweils ganz eigene Interessen und Sichtweisen der Figuren. Das Bild, das so von Island der Sturlungen-Zeit entsteht, ist vor allem durch Härte geprägt und dem Zwiespalt zwischen der Hoffnung auf Frieden und Einigkeit, aber auch von dem fortdauernden Wunsch nach Rache und Macht.

Zeitlose Themen, hervorragend umgesetzt

Was mit historischen Romanen möglich ist, zeigt Einár Karason mit seinem Buch Versöhnung und Groll eindrücklich. Durch einfache Mittel, wie etwa der Multiperspektivität und einem gekonnten dramaturgischen Bogen, setzt der Autor die zeitlosen Themen Rache, Sühne und Schuld gekonnt Szene. Obwohl der Roman (leider) nur 190 Seiten umfasst, kann sich der Autor deutlich von der Masse an historischen Romanen absetzen.

Für Versöhnung und Groll erhielt Einar Karáson 2008 den isländischen Literaturpreis

4,5sterne

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