Einar Kárason – Die Sturlungen. Die grosse Isländer-Saga

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Familienfehden, Schlachten, Verrat und Intrigen: Einar Kárason lässt in seinem Roman Die Sturlungen das mittelalterliche Island wiederaufstehen und porträtiert eine der wichtigsten Epochen der isländischen Geschichte.

Das 13. Jahrhundert gehört zu den kriegerischsten Zeiten, die Island je ertragen musste. Um die Vorherrschaft auf der Insel kämpfen zwei Familienclans. Schlachten, Rachefeldzüge und politische Intrigen bestimmten den Alltag der Menschen.

Was sich auf den ersten Blick wie eine komprimierte Inhaltsangabe der TV-Serien Game of Thrones oder Vikings liest, ist eine Tetralogie des isländischen Autors Einar Kárason, an welcher dieser viele Jahre gearbeitet hat. Das Buch umfasst insgesamt vier Teile, von denen die Titel Feindesland und Versöhnung und Groll (eine Rezension nur zu diesem Teil haben wir bereits hier geschrieben) bereits als eigenständige Romane veröffentlicht wurden. Erstmals auf Deutsch erscheinen hier die Teile Zeit der Schwerter und Skalde.

Im Vorwort beschreibt der Autor, was die Epoche der Sturlungen für ihn so besonders und einzigartig macht: während des dreizehnten Jahrhunderts wurden in Island über dreihundert Bücher geschrieben. Das Besondere daran ist, dass diese nicht auf Latein sondern auf Altnordisch verfasst wurden, der Sprache die zu der Zeit von den Bewohnern Islands gesprochen wurde. Das größte Werk dieser Zeit ist die Saga von den Sturlungen, die aus vielen verschiedenen Büchern und Geschichten besteht, die später zusammengesetzt wurden. Die Autoren der Bücher waren teilweise selber an den Kämpfen beteiligt. Kárason schreibt, dass die Sagen sehr anstrengend und sperrig zu lesen sind. Er selbst hat vor 25 Jahren damit angefangen und dabei ist sein Wunsch entstanden, aus der Saga einen zeitgenössischen Roman zu entwickeln.

Manche behaupten, sie könnten Zeichen deuten, den Flug der Vögel, die Rufe des Raben, ein Flirren der Luft. Sie glauben, sie könnten daran erkennen, ob Friede herrschen wird oder Unfriede. Andere deuten unsere Träume und erkennen daran, was uns angeblich bevorsteht. Doch um dieser Tage in die Zukunft zu sehen brauchte es keinen Aberglauben.

Um die Ereignisse darzustellen, orientiert sich Kárason, wie er selbst sagt, an der Erzähltechnik William Faulkners in dessen Roman Als ich im Sterben lag. Die Kapitel sind immer nur wenige Seiten lang und jeweils aus der Sicht einer anderen Person geschrieben. Jede Figur erzählt ihre eigene Perspektive. Diese Herangehensweise ist geschickt gewählt, denn so vermeidet der Autor eine Einteilung in Gut und Böse und kann gleichzeitig die Motivation der Beteiligten darstellen. Dadurch entsteht ein komplexes Bild von Ereignissen, die zu immer mehr Kämpfen führen, bis letztlich die Frage im Raum steht, wie das alles eigentlich passieren konnte und wo der Anfang liegt. Beschrieben wird eine Zeit voller Kämpfe, brüchigen Allianzen, Intrigen und Verrat. Die Blickwinkel, aus denen erzählt wird, sind sehr vielfältig: Mitglieder der Sturlungen-Familie, ihre Feinde, Bischöfe, einfache Krieger, der norwegische König und Bauern, die unter den fortwährenden Kämpfen und Raubzügen am meisten leiden. Dadurch wird aber auch die menschliche Seite in all den Auseinandersetzungen offenbart.

Der Ton der Erzähler ist dabei eher distanziert und an anderen Stellen wieder sehr emotional. Dazu kommen Zeitsprünge und plötzliche Ortswechsel. Problematisch ist teilweise die Darstellung der Figuren, die mit ihrem Denken nicht immer ins Mittelalter passen und zu modern wirken. Es sind Menschen wie du und ich, nur mitten in der Sturlungen-Zeit mit all ihren Kämpfen.

Zweifel stiegen herauf wie Dunst von der Oberfläche eines Sees am Ende eines heißen Sommertages. Hoffnungslosigkeit hüllt mich ein, wenn das Gelächter des Tages verstummt. Sobald es dunkel wird, wiegt das Verlorene  stärker als das Erreichte. Vielleicht sieht man im Dunkeln einfach nur klarer…

Mit seinem historischen Roman Die Sturlungen schafft Einar Kárason ein eindrucksvolles Werk über diese kriegerische Zeit der isländischen Geschichte. Mithilfe vieler verschiedener Perspektiven zeigt er die unterschiedlichen Akteure und ihre Beweggründe, aber gleichzeitig auch die menschliche Seite. Problematisch wird diese Darstellung, wenn die Figuren dabei zu modern wirken. Ein Buch, das besonders für Freunde von anspruchsvolleren historischen Romanen und für Interessierte der isländischen Geschichte sehr zu empfehlen ist.

 

3 Antworten auf „Einar Kárason – Die Sturlungen. Die grosse Isländer-Saga

  1. Hallöchen :)
    vielen Dank für die Rezension. Ich habe dieses Buch selbst noch ungelesen im Regal stehen. Das liegt vor allem daran, weil mich die Dicke abschreckt und ich aus irgendeinem Grund immer dachte, dass es sich dabei um ein Sachbuch handelt. Aber da es ein Roman ist, werde ich es wohl doch bald in Angriff nehmen. Mich interessiert Island seit ich selbst vor 3 Jahren eine Rundereise machte und einfach nur faszniert von allem war.
    Liebe Grüße
    Jule

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo,
      da es ja aus vier Büchern besteht, könntest du es auch in mehreren Etappen lesen. Leider fehlt ein Namensverzeichnis, was vielleicht den Wiedereinstieg etwas erschweren könnte. Ich glaube aber, dass der Roman gerade für Island-Fans absolut zu empfehlen ist.
      Liebe Grüße
      Alex

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  2. […] In seinem historischen Roman erweckt der isländische Autor eine der wichtigsten Epochen seines Heimatlandes zum Leben. Das 13. Jahrhundert war in Island geprägt von Familienfehden, die sich zu einem Bürgerkrieg entwickelt haben. Eine der beteiligten Familien trug den Namen Sturlungen. Die Ereignisse der Zeit wurden von den Zeitgenossen in den Sturlungen-Sagen festgehalten, wobei einige Autoren selbst an den Auseinandersetzungen beteiligt waren. Einar Kárason hat sich über zwanzig Jahre mit dem Werk beschäftigt und einen vielstimmigen Roman geschaffen, der die Kämpfe, die Intrigen und Verwicklungen deutlich werden lässt. Gerade für Interessierte der isländischen-Geschichte eine Empfehlung. Zur ausführlichen Rezension geht es hier. […]

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