Skandinavische Literatur

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Die Schönheit und Weite der Natur der nordischen Länder verzaubert jedes Jahr die Besucher aus aller Welt. Doch da wir uns ja mit Literatur beschäftigen, gibt es hier (leider) keinen Reisebericht zu lesen, sondern einen kleinen Beitrag zur skandinavischen beziehungsweise nordischen Literatur.

In den letzten Jahren hat unser Interesse für Literatur aus nordischen Gefilden immer mehr zugenommen. Im Folgenden möchten wir euch einige Autoren und Autorinnen sowie ausgewählte Romane vorstellen, die wir für besonders erwähnenswert halten und die uns aus verschiedenen Gründen gut gefallen haben.

Tomas Espedal – Wider die Kunst

Was bleibt, wenn die Geliebten fort sind? Zwei Schicksalsschläge erschüttern das Leben des norwegischen Autors Tomas Espedal: Zuerst verstirbt seine Mutter, kurz darauf auch seine Frau Agneta. Die Verluste verlangen ihm eine neue Art zu leben ab, denn er bleibt mit seiner jüngsten Tochter allein zurück. Trost kann er dem Mädchen nicht spenden, der verzweifelte Versuch, die Mutter zu ersetzen, beraubt das Kind des Vaters. Espedal beginnt Halt zu suchen in der Erkundung seiner Familiengeschichte. Woraus, fragt er, erwächst eine Familie, was bedeuten Liebe und Verrat, was Mutterschaft und Vatersein. Seine Kunst, das Schreiben, stellt sich somit in den Dienst des Lebens. Selten verweben sich in der Literatur Schreiben und Leben derat eng und unausweichlich wie in den Büchern Espedals.

Worte und Sätze gingen mir durch den Kopf, als wäre das Innere meiner Augenlider ein umgedrehtes Blatt Papier, auf dem jemand schrieb, ein dunkles Papier, auf dem die Wörter mit voller Kraft einschlugen, sie leuchteten.

Wider die Kunst von Tomas Espedal ist ein Roman, in dem der Autor seine Leser nah an sich heran lässt. Voller Erinnerungen an die eigene Familie, Verluste und Schmerz. Dazu Passagen, in denen er seine eigenen Schreibprozesse reflektiert und die Kraft, die er daraus ziehen kann. Aber allein die Sprache, die Espedal dafür findet, ist es wert, den Roman zu lesen. Ein Werk von großer Ehrlichkeit und einer glasklaren Sprache.

Von Espedal rezensiert haben wir außerdem Wider die Natur, Gehen, oder die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen und Biografie, Tagebuch, Briefe. Im Zusammenhang mit Espedal ist ebenso sein Freund Karl Ove Knausgard interessant, der ebenfalls sehr autobiografisch schreibt. Gemeinsam haben die beiden bei Jon Fosse studiert.

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Jon Fosse – Trilogie

Zwei junge Leute, Alida und Asle, irren durch einen norwegischen Küstenort. Es ist Spätherbst, es ist kalt, und Alida ist hochschwanger. Bei sich haben sie nichts als die zwei Bündel, die Asle geschnürt hat, und den Kasten mit der Geige, einem Erbstück seines Vaters. Aber niemand will den beiden eine Herberge geben. Irgendwann lässt sich Asle nicht mehr abweisen und dringt mit Alida gewaltsam bei einer alten Frau ins Haus.
Nicht lang darauf sind Asle und Alida, um Spuren zu verwischen, zu Olav und Asta geworden und verstecken sich mit ihrem kleinen Sohn in einem leer stehenden Bauernhaus.

Trilogie war das erste Buch von Jon Fosse, das ich gelesen habe und es hat mir auf Anhieb sehr gut gefallen. Vor allem das Mysteriöse, das über allem schwebt und teilweise nicht gänzlich aufgeklärt wird, hat mich in seinen Bann geschlagen. Der Stil ist natürlich sehr eigen und nicht jedermanns Sache, für mich war es aber großartig, diesen außergewöhnlichen Sprachgebrauch zu lesen. Somit ist Trilogie für mich ein Buch, das sich gar nicht an die sonstigen Neuerscheinungen anpassen will und mir mit seiner Eigenwilligkeit einige tolle Lesestunden bereitete, die auch noch einige Zeit später nachwirken.

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Jón Kalman Stefánsson – Fische haben keine Beine

An einem Dienstag verlässt der Verleger und Schriftsteller Ari seine Frau und Kinder ohne jede Vorankündigung. Er findet für kurze Zeit Unterkunft in einem Hotel, bevor es ihn nach Kopenhagen zieht. Doch warum hat er sich zu diesem Schritt entschlossen? Drei Jahre später kehrt Ari zurück, auf die Bitte seines Vaters. Ein altes Foto von ihm und seiner Mutter wecken alte Erinnerungen. Seine Familie und die eigene Jugend in der abgelegenen Stadt Keflavík: zwischen Beatles, der US-Army, Pink Floyd und den ersten Begegnungen mit Mädchen.

Er guckt die Postkarten an und denkt: Sie zeigen unsere Träume. Traurig denkt er, manchmal sind unsere Träume nichts als Täuschungen, Ausflüchte, Beweis dafür, dass wir uns nicht trauen, der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen, uns mit der Welt auseinanderzusetzen und mit uns selbst in ihr.

Ruhig und mit großer Sprachkunst erzählt Jón Kalman Stefánsson von einfachen Menschen und Themen, die letztlich jeden betreffen. Er zeigt deutlich, wie einzigartig und verletzlich das Leben ist und bietet viele Gelegenheiten, um über das Gelesene nachzudenken und auch zu diskutieren.

Im Februar erschien der zweite Band der Reihe unter dem Titel Etwas von der Größe des Universums.

Einar Kárason – Versöhnung und Groll

Island im 13. Jahrhundert ist von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt, die kein Ende finden wollen. Der Mord an Snorri Sturlursson, dem Politiker und Dichter, Autor der Edda und Egils-Saga, hat für bürgerkriegsähnliche Verhältnisse gesorgt. Die Machtkämpfe zweier verfeindeter Familienclans haben zur Spaltung geführt. Nach dem Eingreifen des norwegischen Königs will Gissur Porvaldsson, einer der Anführer, seinen Feinden, dem Clan der Sturlungen, die Hand zu Frieden reichen. Durch eine Heirat soll der Frieden besiegelt werden, doch nicht alle sind von der Idee überzeugt.

Was mit historischen Romanen möglich ist, zeigt Einár Karason mit seinem Buch Versöhnung und Groll eindrücklich. Durch einfache Mittel, wie etwa der Multiperspektivität und einem gekonnten dramaturgischen Bogen, setzt der Autor die zeitlosen Themen Rache, Sühne und Schuld gekonnt Szene. Obwohl der Roman nur 190 Seiten umfasst, kann sich der Autor deutlich von der Masse an historischen Romanen absetzen.

Im Sommer wurde Die Sturlungen – die große Isländer Saga veröffentlicht. Der Band umfasst mehrere bereits erschiene historische Romane des Autors und eine bisher unveröffentlichte Erzählung, die sich alle mit der Sturlungen-Zeit beschäftigen, einer Phase, die für die isländische Geschichte von großer Bedeutung ist.

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Wer sich für isländische Literatur interessiert, dem empfehlen wir, auf dem Blog Wortspiele: Ein literarischer Blog zu stöbern. Hier findet ihr viele Informationen, auch zur isländischen Lyrik, sowie sehr lesenswerte und persönliche Beiträge!

Per Petterson – Ich verfluche den Fluss der Zeit

Im November 1989, als die Mauer fällt, erfährt Arvids Mutter, dass sie an Krebs erkrankt ist. Sie beschließt, einige Tage in ihrer Heimat in einem Ferienhaus auf Jütland zu verbringen. Sie will allein sein, ohne ihren norwegischen Mann und ohne ihre Söhne. Arvid reist ihr nach, er selbst steht kurz vor der Scheidung und war schon immer das Sorgenkind der Mutter. Einzig die Liebe zur Literatur und zu Filmen verbindet die Mutter mit ihrem Sohn.

Per Petterson versucht in Ich verfluche den Fluss der Zeit nicht, das menschliche Verhalten zu verstehen und auszuleuchten, sondern beschreibt es nur anhand einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung. Durch den traurig-melancholischen Ton der Erzählung ist die Lektüre alles andere als einfach. Die seelischen Schmerzen und die Verzweiflung macht der Autor geradezu spürbar. Wer sich auf das schwierige Thema einlässt, wird mit einem Roman von poetischer Klarheit und inhaltlicher Tiefe belohnt.

Vorstellen möchten wir euch ebenso gerne die beiden Autorinnen Sofi Oksanen und Majgull Axelsson, deren Bücher wir gelesen, aber nicht rezensiert haben.

Majgull Axelsson – Ich heiße nicht Miriam

An ihrem 85. Geburtstag bekommt Miriam Guldberg von ihrer Familie einen silbernen Armreif geschenkt, in den ihr Name eingraviert ist. Beim Anblick entfährt ihr der Satz: „Ich heiße nicht Miriam“. Niemand in ihrer Familie kennt die Wahrheit über sie. Niemand in ihrer Familie ahnt etwas von ihren Wurzeln. Doch an diesem Tag lassen sich die Erinnerungen nicht länger zurückhalten, und sie erzählt zum ersten Mal von ihrem Leben als Roma unter den Nazis, im KZ und als vermeintliche Jüdin in Schweden.

Sofi Oksanen – Fegefeuer

Wer Äußerstes erlebt hat, ist auch Äußerstes zu tun im Stande – das zeigt dieser vielfach ausgezeichnete und hoch spannende Roman über zwei Frauen, die sich wie zufällig begegnen und die doch eine gemeinsame Geschichte verbindet.

Als Aliide Tru, eine alte Frau, die allein in einem Bauernhaus auf dem estnischen Land lebt, ein Bündel in ihrem Garten findet, das sich als junge Frau entpuppt, schluckt sie ihre Skepsis und Menschenverachtung herunter und nimmt Zara in ihr Haus auf. Zara ist auf der Flucht vor ihren Zuhältern, die sie mit brutalster Gewalt zu Willfährigkeit gezwungen haben und ihr schon dicht auf den Fersen sind. Doch Zara sucht keineswegs so zufällig Unterschlupf bei Aliide, wie diese glaubt: Aliide könnte die Schwester ihrer Großmutter sein.

Die hier genannten Autoren und Autorinnen sind natürlich nur ein Bruchteil der nordischen Schriftsteller. Wir freuen uns sehr über weitere Empfehlungen von euch, genauso wie über eure Leseerfahrungen mit der nordischen Literatur.

9 thoughts on “Skandinavische Literatur

      1. Nach meiner Nordland Reise in diesem Sommer bin ich eindeutig und unwiderruflich in Island „spontanverliebt“ – daher musste die „Isländer Saga“ auf meine WuLi. Von den Norwegern spricht micht Jon Fosse „Trilogie“ sehr an – weil ich genau das an Norwegen liebe – das Mystische … LG Petra

        Gefällt 1 Person

  1. Wunderbarer Beitrag! Ich habe zu Anfang dieses Jahres auch wieder den schwedischen Schriftsteller Mats Wahl für mich entdeckt, nachdem ich ihn lange aus den Augen verloren hatte. Einfacher, klarer, und doch so mitreißender Erzählstil – sehr empfehlenswert!
    Liebe Grüße,
    Ida

    Gefällt 1 Person

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