Carlos Ruiz Zafón – Der dunkle Wächter

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Eine Schauergeschichte der alten Schule

Normandie, 1937. Die 15-jährige Irene zieht mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in einen kleinen Küstenort, da ihre Mutter für den dort ansässigen Spielzeugfabrikanten arbeiten soll. Dieser lebt auf dem riesigen Anwesen Cravenmoore inmitten hunderter unheimlicher Metallfiguren. Irene und ihr neuer Freund Ismael werden nach und nach immer tiefer in das Geheimnis von Cravenmoore hineingezogen und versuchen alles, um diesem albtraumhaften Ort zu entkommen.

Auch wenn Der dunkle Wächter wurde von Zafón im Rahmen der Nebel-Trilogie (zusammen mit Der Fürst des Nebels und Der Mitternachtspalast) eigentlich als Jungendbuch konzipiert ist, war der Roman auch für mich als Erwachsener sehr überzeugend. Seine Sprache wirkt überhaupt nicht so, als wolle sie nur Heranwachsende ansprechen, ich finde sie hier genauso bildhaft und malerisch wie in seinen anderen Werken. Stilistisch sind seine Romane um den Friedhof der vergessenen Bücher natürlich ein bisschen besser, denn Der dunkle Wächter war eines von Zafóns ersten Werken, die er deutlich vor dem Schatten des Windes schrieb. Trotzdem verliert man sich in den detailreichen Beschreibungen des Autors, der wieder einmal eine so düstere und mystische Atmosphäre erschafft, wie es heutzutage kaum einem anderen gelingt. Besonders berührend fand ich die beiden Briefe, die die Haupthandlung umrahmen. Sie sind so wunderschön geschrieben, dass mir mein Leserherz fast aus der Brust geplatzt ist vor lauter Freude über die Satzkompositionen:

Vor einer Ewigkeit, in den schlimmsten Tagen des Krieges, hatte ich einen Traum. Darin ging ich mit dir am Strand des Engländers entlang. Die Sonne ging unter, und die Leuchtturminsel war im Dunst zu erkennen. Alles war wie früher: das Haus am Kap, die Bucht… Sogar die Ruinen von Cravenmoore hinter dem Wald. Alles, nur wir nicht. Wir waren alt geworden. Du konntest nicht mehr zur See fahren, und meine Haare waren schlohweiß. Aber wir waren zusammen. Seit jener Nacht wusste ich, dass irgendwann, ganz gleich wann, unser Augenblick kommen würde. Dass an einem fernen Ort die Septemberlichter für uns aufleuchten würden und diesmal keine Schatten auf unseren Weg fielen. Diesmal würde es für immer sein.

Die Story ist ganz im Sinne der alten Schauergeschichten à la Edgar Allan Poe gestrickt: Natürlich weiß man, dass alles, was auf dem Anwesen von Cravenmoore passiert, total unrealistisch ist. Aber wenn einen das so sehr stört, sollte man vielleicht die Finger von phantastischen Geschichten lassen. Zafón bedient sich mehrerer übernatürlicher Elemente, unter anderem taucht auch wieder die Figur des Engels auf – ein wiederkehrendes Motiv bei ihm. Wer eine Geschichte mit vielen Wendungen erwartet, sollte bedenken, dass dies immer noch ein Jugendbuch ist: Die Handlung ist recht vorhersehbar, aber ich finde, dass bei einem solchen Buch nicht unbedingt die Handlung, sondern vielmehr die Atmosphäre im Vordergrund steht. Und was das angeht, war Zafón auch in seinen jüngeren Jahren schon ein Meister.

Die Charaktere sind relativ schlicht gehalten und weder tiefgründig noch philosophisch. Damit hätte ich allerdings auch nicht gerechnet, es würde überhaupt nicht zu der Story und dem gesamten Szenario passen. Stattdessen bezaubern Ismael und Irene vor allem durch ihre Freundschaft und die aufkeimende erste Liebe, die sich zwischen den beiden entwickelt, aber niemals auch nur annähernd kitschig dargestellt wird.

Ein wunderschön geschriebener Roman für die Abendstunden

Egal ob Jugendlicher oder Erwachsener: Wer Fan von Zafón oder klassischen Schauergeschichten ist, wird definitiv viel Freude an Der dunkle Wächter haben. Zafón hat einen stimmungsvollen und kurzweiligen Roman geschaffen, der mit seiner schnörkeligen Sprache einlullt und gut unterhält. Für mich ist dies der beste Band der Nebel-Trilogie.

4sterne

3 Kommentare zu „Carlos Ruiz Zafón – Der dunkle Wächter“

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