Monatsrückblick: Unsere Bücher im August

Hallo September, hallo Herbst!
Pünktlich zum Monatswechsel haben wir unseren aktuellen literarischen Rückblick für euch. Der August brachte uns zwei tolle Neuerscheinungen – Ryan Gattis und J. R. R. Tolkien – sowie einige andere bekannte (Jonathan Franzen, Donna Tartt, Karl Ove Knausgård, Amélie Nothomb) und weniger bekannte (Ae-Ran Kim, Stephen Fry, William T. Vollmann) Autoren. Was wir genau gelesen haben und wie unsere Eindrücke der Bücher waren, erfahrt ihr im Folgenden.

J. R. R. Tolkien – Der Fall von Gondolin

Mit Der Fall von Gondolin liegt nun auch die letzte der drei Großen Geschichten aus dem ersten Zeitalter vor. Die verborgene Elbenstadt Gondolin kann sich als letzte Stadt noch gegen Morgoth behaupten, doch sie ist in Gefahr und König Turgon schlägt die Warnungen des Menschen Tuors in den Wind. Die Struktur des Bandes ist für Einsteiger in die Welt Tolkiens deutlich einfacher als noch in Beren und Lúthien, was vor allem an der Entscheidung von Christopher Tolkien liegt, der die verschiedenen Entwicklungsstufen des Textes stärker voneinander trennt und einen Großteil der Anmerkungen und Erklärungen erst im Anhang liefert. Der Band enthält wieder die besonderen Illustrationen von Alan Lee. Die vollständige Rezension erfolgt in Kürze.

Ae-Ran Kim – Mein pochendes Leben

Arum ist erst sechzehn Jahre alt, hat aber den Körper und die Gebrechen eines alten Mannes. Er leidet an Progerie, der Krankheit des vorzeitigen Alterns, was nicht nur ihn, sondern vor allem seine Eltern enorm belastet. Um die kostspieligen Krankenhausaufenthalte zu finanzieren, lässt sich die Familie auf eine Reportage ein, die ihnen Spenden bringen soll – und Arum endlich eine Freundin, die ihn versteht. Der Roman der Südkoreanerin Ae-Ran Kim aus dem mir bisher unbekannten Cass-Verlag hat mich sehr positiv überrascht. Zurückhaltend und doch poetisch beschreibt die Autorin das Leben und die Probleme dieses besonderen Jungen, lässt uns an seinem schweren Schicksal und an dem Leid seiner Familie teilhaben. Es ist ein sehr emotionaler kurzer Roman, bei dem es wirklich schwer fällt, den Stoff nicht zu nah an sich heranzulassen. Traurig und doch von zarter Schönheit – noch eine südkoreanische Schriftstellerin, die mich beeindrucken konnte.

Karl Ove Knausgård – Leben

Im vierten Band seines autobiographischen Projekts beschäftigt sich der norwegische Autor mit seiner Abizeit und dem darauf folgenden Jahr, in dem er als Aushilfslehrer in Nordnorwegen arbeitete. Leben ist bis jetzt der Band von Knausgård der mir wohl am besten gefallen hat. Er erzählt von seinem exzessiven Alkoholkonsum, seiner Familie und dem Wunsch, endlich keine Jungfrau mehr zu sein. Eine ausführliche Rezension gibt es in den nächsten Wochen.

Stephen Fry – Mythos

Der britische Schauspieler, Komiker und Schriftsteller Stephen Fry (der übrigens auch die englischen Hörbücher von Harry Potter spricht) hat sich, ähnlich wie Neil Gaiman in seinem Buch Nordische Mythen und Sagen, an die Nacherzählung alter Göttergeschichten gewagt. In seinem ganz eigenen Stil gibt er die Mythen der griechischen Götter und Helden wieder, erzählt vom liebeshungrigen Zeus und seinen Eskapaden, von verfluchten Liebespaaren, Vätern, die ihre Söhne verspeisen und was auf und um den Olymp sonst noch so alles anstand. Auf rund 400 Seiten versammelt Fry alles, was man über die griechische Mytholgie wissen muss bzw. möchte – ein extrem unterhaltsames Buch für Freunde von Göttern, Halbgöttern, Musen, Nymphen und Königen.

Ryan Gattis – Safe

In seinem zweiten Roman Safe erzählt Ryan Gattis von zwei Männern, die zunächst höchst unterschiedlich erscheinen, aber bei genauerem Hinsehen einige Ähnlichkeiten aufweisen. Der eine ist der beste Tresorknacker in Los Angeles und arbeitet für die Polizei, der andere ist die rechte Hand eines Drogenbosses, der aus dem Gangleben aussteigen will. Ein Thriller über richtige und falsche Entscheidungen im Leben, der aber nicht das Niveau des Debüts erreicht. Zur Rezension gelangt ihr hier.

Donna Tartt – Der kleine Freund

Donna Tartt, deren Bestseller Die geheime Geschichte für mich der Inbegriff des perfekten Roman ist, erzählt die Geschichte einer Familie in einer Kleinstadt in den amerikanischen Südstaaten. Mit nur neun Jahren stirbt der kleine Robin Cleve während einer Familienfeier – ein tragischer Unfall oder Mord? Jahre später ist die Familie nicht mehr dieselbe, der Vater weg, die Mutter ständig unter Einfluss von Medikamenten. Die zwölfjährige Harriet jedoch hält es nicht länger aus: um jeden Preis will sie Robins Mörder ausfindig machen. Südstaatenroman trifft Familiensaga trifft Kriminalgeschichte – Tartt vereint erneut viele Elemente in ihrem Roman, in dem eigentlich gar nicht viel passiert, der aber trotzdem nie unter mangelnder Spannung leiden muss. Wie auch schon in ihrem enorm erfolgreichen Erstling sind ihre Charaktere nicht wirklich sympathisch, alle sind ambivalent, die „Guten“ habe ihre Schattenseiten und die „Bösen“ verdienen sich ihr Mitleid. Sprachlich dicht und extrem atmosphärisch hat Tartt einen sehr guten Roman geschaffen, dessen Ende seine Leser aber leider irgendwie unbefriedigt zurücklässt.

William T. Vollmann – Arme Leute

Warum sind Menschen arm? ist die zentrale Frage in den Reportagen von Vollmann. Der Autor ist um die ganze Welt gereist und hat arme Menschen getroffen und ihnen diese Frage gestellt. Das Ergebnis sind eindringliche Porträts von verschiedensten Personen, die unterschiedlichste Erklärungen für ihre Lebenssituation haben. In einem Kapitel erzählt Vollmann zudem sehr offen über seinen privaten Umgang mit Außenseitern der Gesellschaft. In den Reportagen begegnet er den Menschen auf Augenhöhe, ohne ihr Verhalten zu bewerten und lässt sie ganz für sich sprechen. Die Rezension findet ihr hier.

Amélie Nothomb – Quecksilber

Auf einer kleinen Insel nahe der Küste lebt ein alter Mann seit fünf Jahren in völliger Abgeschiedenheit mit dem Mädchen Hazel, das er nach einem Bombenangriff im ersten Weltkrieg bei sich aufgenommen hat. Als sie Fieber bekommt, lässt der Alte eine Krankenschwester vom Festland kommen, die sich fortan um das Mädchen kümmern soll. Doch Françoise, die Krankenschwester, und Hazel beginnen sich zu verbünden und mehr über den alten Mann herauszufinden, der sie beide in seiner Gewalt hat. Amélie Nothomb schafft es wie kaum ein/e andere/r Autor/in, merkwürdige bis makabere Szenarien zu kreieren, sie aber gleichzeitig unglaublich humorvoll darzustellen. Zwischen Hazel, dem Alten und Françoise beginnt ein Spiel voller Intrigen, ein Spiel um Macht, Betrug und Illusion. Am Ende des kurzen Romans steht fest: alle drei Protagonisten sind schrecklich, keiner ist sympathisch, alle scheinen verrückt. Es ist ein Buch über Liebe, Gewalt, die Frage nach sexuellem Einvernehmen und das Stockholm-Syndrom. Es ist absurd, düster und überspitzt, es schockiert, macht wütend und unterhält. Für mich eines der besten Bücher, die ich bisher von Nothomb gelesen habe. Eine Besprechung folgt demnächst.

Jonathan Franzen – Die Korrekturen

Jonathan Franzens Roman Die Korrekturen gilt als bedeutender Gesellschafts- und Familienroman. Schon länger wollte ich das Buch auch (endlich) lesen und habe es diesen Monat geschafft. Der größte Wunsch von Enid Lambert ist es, ein letztes Mal mit ihrer Familie in ihrem Haus Weihnachten zu feiern. Doch zwischen den Familienmitgliedern gibt es Differenzen und starke Spannungen. Stilistisch und inhaltlich anspruchsvoll hat Franzen einen besonderen Roman geschaffen, in dem er tief in die unterschiedlichen Beziehungen eindringt und außergewöhnliche Psychogramme entwirft. Völlig zu Recht ein hochgelobtes Buch, das wir bald ausführlich rezensieren.

2 Antworten auf „Monatsrückblick: Unsere Bücher im August

  1. Was würde ich dafür geben „Die Korrekturen“ noch einmal „erstmalig“ zu lesen! Für mich persönlich eines der Lieblingsbücher und schlichtweg bestmögliche Lektüre. Auch der Nachfolgeroman „Freiheit“ konnte mich überzeugen.
    Eine schöne Auswahl( wie immer), die Ihr gelesen habt! Es macht mir immer Freude, Eure Beiträge zu lesen!

    Gefällt 1 Person

    1. Für mich war „Die Korrekturen“ bis jetzt auch eindeutig das beste Buch von Franzen. Vorher hatte ich schon „Freiheit“ gelesen, wobei ich da mit dem Ende Probleme hatte und mit „Unschuld“ konnte ich dann nach knapp 150 Seiten überhaupt nichts anfangen. Werde dem Roman aber sicherlich noch eine neue Chance geben.

      Liebe Grüße
      Alex

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