Ryan Gattis – Safe

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Drogen, Gangs und Los Angeles. Mit seinem zweiten Thriller Safe gelingt Ryan Gattis ein weiterer außergewöhnlicher Roman, der aber nicht das Niveau des Debüts erreicht.

Er selbst nennt sich nur Ghost. Eigentlich heißt er Ricky Mendoza und arbeitet für die DEA als Tresorknacker. In Los Angeles ist er der Beste. Doch so lebte Ghost nicht immer. Früher war er ein Gangster und Junkie, bis er an einem Tumor erkrankte und sein Leben änderte. Er plant Geld abzuzweigen, so viel wie möglich und es Menschen mit Geldproblemen geben. Rudy Reyes, den alle nur Glasses nennen, ist der engste Vertraute eines Drogenbosses. Er will ein neues Leben beginnen, gemeinsam mit seiner Frau und ihrem Sohn. Dafür liefert er der DEA eine Liste mit den Safes der Gang, die über Umwege bei Ghost landet…

Was auf den ersten Blick wie ein moderner Robin-Hood Aufguss klingt, in dem sich ein ehemaliger Verbrecher zum Guten verändert und um Wiedergutmachung bemüht ist, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein temporeicher Thriller. Unter dem schlichten Titel Safe ist der zweite Roman von Ryan Gattis erschienen, dessen Erstlingswerk In den Straßen die Wut einen bleibenden Eindruck hinterlassen konnte. Wieder spielt die Geschichte in der Heimatstadt des Autors, Los Angeles. Und wieder stehen Gangs im Mittelpunkt der Handlung. Dabei geht es aber längst nicht so heftig zu, wie noch in Gattis Debütroman.

Gattis erzählt abwechselnd aus der Perspektive von zwei Männern, Ghost und Glasses, die sich an einem Wendepunkt in ihrem Leben befinden. Bei Ghost ist ein Tumor wieder zurück, sein Leben wird bald zu Ende sein. Während seines ersten Klinikaufenthalts lernte er die junge Rose kennen und lieben, die auch nach ihrem Tod immer präsent bleibt und mit ihren Ansichten Ghost beeinflusst. In seinem Jeep, dasselbe Modell das Rose fuhr, hört Ghost immer das Mixtape mit Punksongs, das sie für ihn aufgenommen hat. Nicht am Ende seines Lebens, aber an einem wichtigen Punkt, befindet sich der andere Erzähler, Glasses, der aufgrund der ständig wachsenden Brutalität im Drogenkampf, vor allem in Mexiko, aussteigen will und seinen Boss verrät. Ausgerechnet Ghost könnte seinen Plan zunichtemachen.

Im Leben vertraut man manchen Leuten, manchen nicht. Manchmal hat man keine Wahl. Man muss einfach.

Auch wenn die Handlung schnell voranschreitet, liegt doch der Fokus auf den beiden Männer und ihren Entscheidungen. Beide kämpfen mit persönlichen Problemen, die sie mit niemand wirklich teilen können. In einer Welt der Gangs, Drogen und Polizei sind sie auf der Suche nach den richtigen Wegen und Lösungen. Gattis wählt wieder einen direkten und atemlos anmuten Stil, der bestens zu den Ereignissen passt. Er schreibt ohne Schnörkel, eher umgangssprachlich und kurze, knappe Sätze. Sowohl Ghost als auch Glasses sind Figuren mit Tiefgang, an deren Gedanken und Gefühle der Leser teilhat. Sie haben unterschiedliche Möglichkeiten und Hoffnungen. Dabei entsteht ein starker Kontrast, denn beide zeigen nach außen hin kaum eine Regung, nur der Leser erfährt, wie es in ihnen brodelt. Leider unterscheidet sich der Stil bei den unterschiedlichen Perspektiven kaum.

Vielleicht habe ich mehr Löcher als die meisten Menschen, so, wie ich aufgewachsen bin. Oder eben nicht. Vielleicht stopft es die Löcher, wenn man Eltern hat, die immer da sind, die dir Liebe und Freundlichkeit geben und die dich innerlich stärken. Und wenn dieses Fundament später vielleicht mal Risse bekommt, dann ist es an dir, die zu kitten. Doch wenn du nie ein Fundament hattest, dann bist du vielleicht nur eine leere Hülle. Du gehst herum, und die Leute denken, dass du intakt bist, einfach weil du aufrecht herumläufst und redest.

Was Gattis sehr geschickt macht, ist die Handlung und die Motivation von Ghost und Glasses in einen größeren Kontext einzubetten. Mal direkt, mal eher zwischen den Zeilen, sind hier besonders zwei Themen präsent. Zum einen die beginnende Finanzkrise 2008, dem Handlungsjahr, und zum anderen die Opioid-Krise. Beide werden kritisch behandelt. Dennoch muss eingestanden werden, dass Gattis mit Safe trotz hohem Tempo, zwei Figuren mit Tiefgang und passendem Stil nicht die Intensität und Klasse von In den Straßen die Wut erreicht. Wobei die Messlatte hier auch unglaublich hoch hängt.

Ich sitze zwar am Steuer, aber in Wirklichkeit bin ich bloß Passagier auf einem Gruseltrip.

Einen passenderen Titel als Safe hätte es wohl kaum geben können. So verweist er einmal auf den Safe als Tresor oder Geldschrank, aber eben im Englischen auch auf den Begriff sicher. Sicherheit sowohl emotional als auch physisch und finanziell, sind bestimmende Themen des Romans. Obwohl  Safe nicht ganz an seinen Vorgänger herankommt, ist das Buch mehr als nur ein unterhaltsamer und spannender Thriller. Gattis versteht es, zwischen äußerer und innerer Handlung zu wechseln, ohne dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Erneut ein Buch des noch jungen Autors, das aus der Masse heraussticht.

Weitere Information zum Autor und seinem Werk findet ihr hier auf der Seite des Rowohlt-Verlags.

 

Eine Antwort auf „Ryan Gattis – Safe

  1. […] In seinem zweiten Roman Safe erzählt Ryan Gattis von zwei Männern, die zunächst höchst unterschiedlich erscheinen, aber bei genauerem Hinsehen einige Ähnlichkeiten aufweisen. Der eine ist der beste Tresorknacker in Los Angeles und arbeitet für die Polizei, der andere ist die rechte Hand eines Drogenbosses, der aus dem Gangleben aussteigen will. Ein Thriller über richtige und falsche Entscheidungen im Leben, der aber nicht das Niveau des Debüts erreicht. Zur Rezension gelangt ihr hier. […]

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