J. R. R. Tolkien – Beren und Lúthien

BerenundLúthien

Vermutlich ein letztes Mal kehrt Christopher Tolkien in die Welt seines Vaters J. R. R. Tolkien zurück. Beren und Lúthien erzählt von einer unsterblichen Liebe und zeigt die ganze Tiefe und Komplexität der von Tolkien geschaffenen Mythologie.

Die Liebe von Beren und Lúthien wird von einem traurigen Schicksal überschattet. Sie ist eine unsterbliche Elbenprinzessin, er ist nur ein Sterblicher. Ihr Vater, der König, hegt eine tiefe Abneigung gegen alle Menschen. Daher stellt er Beren vor eine unlösbare Aufgabe: Um sein Einverständnis zur Hochzeit zu erhalten, muss Beren einen legendären Silmaril erlangen. Diese befinden sich an der Krone des bösen Melkor.

Mit Beren und Lúthien liegt nun ein weiterer Band aus der Welt von J. R. R. Tolkien vor, der von seinem Sohn Christopher Tolkien editiert und veröffentlicht wurde. Da dieser nun selber bereits über neunzig Jahre alt ist, wird es wohl auch das letzte von ihm bearbeitete Werk seines Vaters sein. Jeder, der sich für diesen Roman interessiert, sollte sich vorher klar machen, worum es sich bei diesem Werk handelt. Es lässt sich kaum mit dem Herrn der Ringe, dem kleinen Hobbit und auch nicht mit den Kindern Húrins vergleichen. Es ist, wie im Einband beschrieben, eine Sammlung von Texten, die sich um das Schicksal von Beren und Lúthien drehen. Die Geschichte der beiden war bereits Bestandteil des Silmarillion,  des Buch der Verschollenen Geschichten und des Leithian Liedes. Christopher Tolkien hat in dem vorliegenden Buch versucht, die Geschichte aus den anderen Werken loszulösen. Das Märchen hat für seinen Vater eine besondere persönliche Bedeutung. So schreibt Tolkien in einem Brief an seinen Sohn, dass er sich wünscht, den Namen Lúthien unter den Namen seiner verstorbenen Frau auf deren Grabstein eingravieren zu lassen. Während eines Krankheitsurlaubs im Jahr 1917 trug sich die Szene zu, die ihn zum Schreiben der Geschichte inspirierte und auch in der Erzählung selbst auftaucht: Seine Frau tanzt für ihn auf einer Waldlichtung in Yorkshire, inmitten von weißen Blüten.  Die Erzählung von Tinúviel, wie Tolkien sie ursprünglich betitelte, war für ihn eine der grundlegenden Geschichten in seiner ‚Mythologie‘. Christopher Tolkien versucht, die Entwicklung der Geschichte in den Fokus zu rücken, weshalb er sie aus der komplexen Rahmendhandlung löst.

Sehr freundlich war des Königs Rede
zu Beren, und von Krieg und Fehde
begann der bald schon zu berichten,
von seinem Fußmarsch. Die Geschichten
von Doriath erzählte Beren
im Rat hinter verschlossenen Türen –
doch unbeschreiblich Lúthien war,
wie sie mit weißen Rosen im Haar
getanzt und wie ihr Elbensang
in jener Sternennacht erklang.

Beren und Lúthien1

Die eigentliche Erzählung macht von dem knapp 300 Seiten umfassenden Buch nur etwa 50 Seiten aus. Ein großer Teil des Werkes besteht aus dem sogenannten Leithian Lied. Ein Heldengedicht in Versform, das ab 1925 von Tolkien geschrieben wurde, dabei allerdings unvollendet blieb. Das Gedicht beschreibt auch die Liebe zwischen Beren und Lúthien, sowie Teile der Vorgeschichte und den Ereignissen nach der zuvor dargestellten Erzählung. Christopher Tolkien verortet so das Märchen um die Elbenprinzessin und den sterblichen Beren im mythologischen Kosmos seines Vaters. Er macht deutlich, wie sich die Geschichte innerhalb der verschiedenen Versionen unterscheidet, zitiert aus Briefen seines Vaters, anderen Werken und zeigt so auf, wie sich die Romanze um Lúthien und Beren entwickelt hat. Das ist vielleicht nicht immer spannend zu lesen, sprachlich weit entfernt vom Herrn der Ringe, aber dennoch vor allem für Fans und Interessierte am Tolkienschen-Kosmos unheimlich interessant. Wer aber noch nie Geschichten aus der Altvorderenzeit gelesen hat und sich auch sonst nicht mit der Mythologie Tolkiens auseinandergesetzt hat, dürfte sich mit Beren und Lúthien schwer tun. Zwar liefert Christopher Tolkien im Vorwort und vielen anderen Anmerkungen Erklärungen zu Namen, Orten und Hintergründen, aber komplett ohne Vorwissen lässt sich die Bedeutung der vorliegenden Geschichte nur schwerlich verstehen. Was sich aber ganz klar zeigt, ist der unglaubliche Ideenreichtum und die Erfindungsgabe von J. R. R. Tolkien. Zudem liefert es einen Einblick in seine Arbeitsweise und macht an verschiedenen Stellen deutlich, wie oft er über Jahrzehnte Teile seiner Arbeit veränderte und überarbeitete. Wie schon in einigen vorigen Veröffentlichungen ist das Buch erneut mit kunstvollen und atmosphärischen Illustrationen von Alan Lee gestaltet.

Nicht immer spannend, aber vermutlich vor allem für Kenner interessant, erzählt die Geschichte Beren und Lúthien von einer starken und unsterblichen Liebe. Christopher Tolkien zeigt, wie sich das Werk seines Vaters wandelte und welche Tiefe die von ihm geschaffene Mythologie hat. Ein Buch, das Einblick in die Arbeitsweise seines Vaters liefert und die Entwicklung eines für J. R. R. Tolkien wichtigsten Texte nachzeichnet. Auf dem Grabstein von Tolkien selbst und seiner Frau finden sich die Namen Beren beziehungsweise Lúthien. Ein weiterer Beleg für die persönliche Bedeutung dieser Erzählung.

Wo der Strom durch den Waldgrund floss
und alle Bäume regungslos
hoch ragten und mit Schattentanz
auf ihrer Rinde überm Glanz
des grünen Flusses schwer und düster
herabhingen, strich Windesflüstern
durchs kühle Schweigen und ein Zittern
urplötzlich durch die stillen Blätter
und leise wie Tiefschläfers Hauch
ein todeskaltes Echo auch:
„Lang sind die schattenhaften Wege,
von keines Fußes Spur zu prägen,
ob Berg und Meer zum Weltenrand.
Weit liegt, so weit, das Friedensland.
Der Toten Land noch weiter ist;
sie warten, während ihr vergesst.
Kein Mondschein, keiner Stimme Tönen,
kein Herzschlag ist dort; nur ein Stöhnen
wird jeweils laut, wenn eine Zeit
untergeht. Weit das Land liegt, weit,
wo in Gedanken Schatten sühnen
die Toten, nicht vom Mond beschienen.“

Beren und Lúthien2

1 Kommentar zu „J. R. R. Tolkien – Beren und Lúthien“

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