J. R. R. Tolkien – Der Fall von Gondolin

J.R.R. Tolkien Der Fall von Gondolin Rezension

Mit Der Fall von Gondolin liegt nun auch die letzte der drei Großen Geschichten des ersten Zeitalters in einem Einzelband vor. Nun wohl wirklich zum letzten Mal entführt uns Christopher Tolkien in die Welt seines Vaters.

Gondolin ist die letzte Stadt der Elben, die noch nicht von dem dunklen Morgoth gefunden wurde. Hierhin sendet Ulmo, der Herr des Meeres, der Flüsse und der Seen den Menschen Tuor mit einer Warnung zu König Turgon. Turgon hört nicht auf den Menschen, doch Tuor bleibt in Gondolin und heiratet Idril, die Tochter des Königs, die einen Sohn mit Namen Earendil gebiert. Während die Jahre vergehen sucht Morgoth immer weiter nach der verborgenen Stadt, die seinem endgültigen Sieg im Weg steht, bis eines Tages ein Verräter in seine Festung gebracht wird…

Was mit Die Kinder Húrins begann und mit Beren und Lúthien fortgesetzt wurde, findet nun mit Der Fall von Gondolin seinen Abschluss: die drei Großen Geschichten des ersten Zeitalters. Diesmal wohl wirklich zum letzten Mal hat Christopher Tolkien das Werk seines Vaters editiert und herausgegeben. Im Alter von 93 Jahren.

Zeitlich gesehen bewegt sich die Geschichte mit Der Fall von Gondolin auf das Ende des ersten Zeitalters zu. Der Aufbau des Buches ist ähnlich wie bei seinem Vorgänger Beren und Lúthien. Christopher Tolkien stellt verschiedenen Versionen der Geschichte vor, ihre unterschiedlichen Entwicklungsstufen und die jeweiligen Unterschiede. Doch hat er sich dazu entschieden, die Versionen stärker voneinander abzugrenzen, was es dem Leser deutlich einfacher macht, den Überblick zu behalten und im ersten Schritt einfach nur die Geschichte zu genießen und sich wohl ein letztes Mal in die Welt von J. R. R. Tolkien entführen zu lassen. Der Großteil der Anmerkungen und auch einige Erklärungen zu den Vorgängen finden sich dann erst im Anhang. Eine sehr gute Entscheidung, die es ermöglicht, erstmal nur den eigentlichen Text auf sich wirken zu lassen.

Da blickten sie auf und konnten sehen, und siehe, sie befanden sich am Fuße steiler Berge, und diese Berge beschreiben einen großen Kreis, der eine ausgedehnte Ebene einschloss und darauf erhob sich – nicht genau in der Mitte, sondern eher näher dem Fleck, wo sie standen – ein großer Berg mit einer flachen Kuppe, und auf dieser Höhe erhob sich eine Stadt im neuen Lichts des Morgens.

Von den drei Großen Geschichten ist Der Fall von Gondolin die, die mir am besten gefallen hat. Verkürzt gesagt, geht es um die ewigen Themen Liebe, Verrat und den Kampf zwischen Gut und Böse. Doch Tolkien liefert hier viel mehr. Seien es die wunderbaren Reisebeschreibungen von Tuor und seinem Begleiter, ihr Eintreffen in der versteckten Stadt oder die aufopferungsvollen Kämpfe gegen die Übermacht von Morgoth. Für mich funktioniert die Geschichte für sich betrachtet deutlich besser als ihre Vorgänger. Dabei bietet sie Einblicke in die Mythologie Mittelerdes und erfüllt letztlich dadurch auch das Anliegen Christopher Tolkiens, die Bedeutung des Silmarillions hervorzuheben.

Tolkien Der Fall von Gondolin illustrierte Ausgabe

Wie bereits die anderen Geschichten, so ist auch diese Tolkien-Fans natürlich schon aus dem Silmarillion bekannt. Daneben finden sich wieder zahlreiche Erklärungen, Kommentare und Einschätzungen zum Schaffensprozess von J. R. R. Tolkien, sowie Einblicke in seine Arbeitsweise, auch was Der Herr der Ringe und das Silmarillion angehen. Christopher Tolkien zitiert aus Briefen seines Vaters an den Verleger und zeigt den Kampf um die Veröffentlichung des Werkes, das ursprünglich nur als eine Fortsetzung zum Hobbit gedacht war. Aus der Sicht Tolkiens war es aber nur mit Hilfe des Silmarillions vollständig zu verstehen, weshalb er sie unbedingt zusammen veröffentlichen wollte, sich aber letztlich dem Verleger geschlagen geben musste.

Hier gilt also wieder, wer auf der Suche nach einem „neuen“ Roman von Tolkien ist, wird sich wohl eher enttäuscht zeigen. Die Geschichte von Gondolin wird in sechs Versionen erzählt, wovon zwei deutlich länger sind. Mich hat dieser Band stärker als seine beiden Vorgänger an das Silmarillion erinnert, mit seinen vielen Namen und den immer wiederkehrenden starken Landschafsbeschreibungen. Dazu ist die altertümlich anmutende Sprache, die einen in ihren Bann zieht, immer wieder aufs Neue ein Genuss für den Leser. Das Buch enthält ebenfalls wieder stimmungsvolle Illustrationen von Alan Lee. Über den Illustrator und seine Arbeit hat der Guardian einen Artikel veröffentlicht.

„Doch hell standen die Sterne am Rande der Welt, wenn sich die Wolken im Westen gelegentlich verzogen hatten. Freilich, weiß ich nicht, ob wir nur ferne Wolken sahen oder in der Tat, wie manche glaubten, die Berge der Pelóri erblickten, die sich über den ausgestorbenen Stränden unserer alten Heimat erheben. Fern, unendlich fern standen sie, und mich dünkt, keiner von den Sterblichenlanden wird jemals wieder dorthin gelangen.“

Für Tolkien-Fans und solche, die es noch werden wollen, bietet Der Fall von Gondolin erneut einen tiefen Einblick in die Arbeit des Autors und zeigt, wie er die Geschichte immer wieder veränderte, neu dachte und in seine Welt integrierte. Dank der hilfreichen Kommentare seines Sohnes lassen sich die Arbeitsschritte und die verschiedenen Versionen jederzeit gut zuordnen. Für die Leser, die das Silmarillion nicht kennen, finden sich im Anhang Erläuterungen einiger der wichtigsten Begebenheiten, so dass jeder die Bedeutung von der Weissagung des Mandos für die Geschichte einschätzen kann. Aber auch zum Herrn der Ringe lassen sich Verbindungen herstellen, von denen nur eine ist, dass Tuor der Großvater von Elrond war.

Weitere Informationen zum Werk findet ihr auf der Seite der Hobbit-Presse.

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