William T. Vollmann – Arme Leute

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In seinen Reportagen unter dem Titel Arme Leute versucht William T. Vollmann sich auf Augenhöhe mit armen Menschen zu begeben und direkt von ihnen die Gründe für ihre Armut zu erfahren.

„Warum bist du arm?“ Mit dieser Frage ist der amerikanische Schriftsteller William T. Vollmann (u.a. Europe Central) um die Welt gereist und hat Menschen am Rande der Gesellschaft portraitiert. Das Ergebnis sind Reportagen, die einerseits schonungslos sind und andererseits den Menschen eine eigene Stimme geben. Das Original von Arme Leute ist bereits im Jahr 2007 erschienen. Die Berichte umfassen den Zeitraum der 1990er bis Mitte der 2000er Jahre.

Am Ende des Buches befinden sich Fotografien in Schwarzweiß, die die Personen zeigen. Unweigerlich blättert man zu diesen Seiten zurück und betrachtet die Menschen, von deren Leben man gerade erfahren hat. Manche werden nur am Rande erwähnt, andere wiederum in einem eigenen Kapitel dargestellt. So trifft Vollmann etwa in Thailand auf die Frau Sunee, die nach zwei gescheiterten Ehen und mehreren Kindern aufgrund ihrer Armut bei ihrer Mutter in einem Slum in Klong Toey lebt. Ihr weniges Geld verdient sie als Reinigungskraft bei einer nicht angemeldeten Firma, die ihr keinen Urlaub zuspricht. Zuflucht hat sie im Alkohol gefunden. Während der Gespräche in der Behausung wird Sunee immer wieder von ihrer Mutter als Lügnerin bezeichnet. Auf die Frage, warum manche Menschen arm und andere reich sind, antwortet sie: „Wir glauben auf die buddhistische Weise. Manche Menschen sind reich, weil sie in einem früheren Leben großzügig waren. Was sie gegeben haben, bekommen sie in diesem Leben zurück.“

Vollmann entwirft hier kein Programm, um die Armut zu bekämpfen. Er entwickelt auch keine Theorien. Vielmehr ist es die Darstellung von einzelnen Fällen aus den verschiedensten Regionen der Welt, die er hier präsentiert und dabei versucht, sowohl Muster aber auch Bedingungen von Armut erkennen. Der Autor hält sich dabei wohltuend zurück, verzichtet auf die Darstellung von unwichtigen Details und betätigt sich auch nicht als Hobbypsychologe. Vielmehr sind seine ehrliche Neugier und sein aufrichtiges Interesse an den Menschen jederzeit spürbar. Zur Beschreibung der Phänomene von Armut benutzt er die Kategorien Unsichtbarkeit, Missbildung, Unerwünschtsein, Abhängigkeit, Unanfälligkeit, Schmerz, Abstumpfung und Entfremdung.

In manchen Fällen sind also die Reichen an meiner Armut schuld, und in anderen bin ich gar nicht so arm, und auch die noch ärmeren Menschen sind nicht arm. Alle diese Behauptungen können sehr wohl zutreffen. Aber genauso gut können sie alle ein angenehm betäubender Ausdruck von falschem Bewusstsein sein.

Vollmann zitiert auch zuvor gelesene Autoren wie Jean-Jacques Rousseau, Adam Smith und Henry David Thoreau. Außerdem bezieht er sich auf sozialwissenschaftliche Studien oder beruft sich eben auf die Armutskriterien der Vereinten Nationen. Meistens muss er allerdings diese trügerische Deckung verlassen und begibt sich direkt zu den Menschen. Fast könnte man sagen, er befindet sich auf Augenhöhe und setzt sich der Realität leibhaftig aus. Dabei ist er sich, wie er zu Beginn sehr deutlich macht, sich seiner Privilegiertheit jederzeit bewusst. Bei seinen Begegnungen stellt er den Menschen zumeist Fragen nach ihrem Status („Bist du arm oder reich?“) und fragt sie aber ebenso nach Begründungen für die existierende Ungleichheit („Warum sind manche Menschen arm und andere reich?“)

Dabei kommen die unterschiedlichsten Antworten heraus: Schicksal, Krankheit, Gottes Wille, mangelnde Arbeit oder die Bestrafung für Verfehlungen aus einem vorigen Leben. Völlig offen geht Vollmann mit den Bedingungen um, unter denen die Treffen und Gespräche zustande kommen. Er spricht nicht nur über die Bezahlung der Dolmetscher, sondern schildert ebenso, dass er die Menschen für die Bereitschaft mit ihm zu sprechen bezahlt.

Bei seinen Beschreibungen und Darstellungen hält sich Vollmann mit eigenen Urteilen zurück. Obwohl sich seine Gesprächspartner in Widersprüchen verfangen und offen alkoholabhängig sind, erlaubt sich der Autor darüber kein Urteil. Er belässt seine Gesprächspartner mit all ihren Ambivalenzen. So entsteht eine ungefilterte Stimmenvielfalt, die von ihren Leben und den Gründen für ihre Armut berichten. Vollmann schreibt an einer Stelle, dass er sich aus Respekt weigert, die Menschen zu bemitleiden oder besser zu wissen, was gut für sie ist. Womit er wiederum sehr offen umgeht, sind seine eigenen Zweifel und seine Scham. Er schämt sich, als reicher Mensch über die Armen zu schreiben. Er schämt sich dafür, reich zu sein. Und so steht auch die Frage im Raum, ob nicht erst sein Blick und seine Beobachtung die Armen zu Armen macht?

Solange die Armen etwas anbieten können – billige Arbeitskraft, rasche Verfügbarkeit für ein Projekt (Krieg oder Prostitution), vorteilhaften Gehorsam –, werden sie toleriert werden, sogar „erwünscht“ sein. Sobald aber ihre Nachfrage nach Ressourcen der Allgemeinheit ins Spiel kommt, sind sie unerwünscht. Entfremdung, ein Phänomen, das am Ende dieser Liste in Betracht gezogen werden muss, ist die natürliche Reaktion auf das Unerwünschtsein.

Wer aber ist der Autor? Am nächsten kommt man ihm wohl im Kapitel „Ich weiß, dass ich reich bin.“ Hier berichtet er von seinem Zuhause, einem ehemaligen Lokal, auf dessen ehemaligen Parkplatz sich ständig Obdachlose aufhalten. Auf der einen Seite möchte er ihnen helfen, auf der anderen Seite ist er in Sorge um seinen Besitz. So bringt er ihnen Essen und zu trinken, lässt aber auch Stahlgitter an den Fenstern anbringen. Sein größtes Problem sind aber die Exkremente, die nur mit Hilfe von teuren Geräten beseitigt werden können.

Mit Arme Leute versucht William T. Vollmann armen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und möchte von ihnen selbst die Gründe für ihre Lebenssituation erfahren. Das Ergebnis sind ehrliche und offene Portraits von Menschen, die vom Autor nicht beurteilt werden und so ganz für sich stehen können. Vollmann bietet keine Lösungen, aber einen Blick, der zu oft nicht möglich ist oder verwehrt wird. Es sind Reportagen, die nichts beschönigen und gerade deshalb so besonders sind.

Erschienen ist das Buch im Suhrkamp-Verlag, hier findet ihr weitere Informationen zum Autor und seinem Werk.

3 Antworten auf „William T. Vollmann – Arme Leute

  1. Ein leider sehr aktuelles Thema. Erst gestern lief auf ORF2 eine Doku mit konkreten Beispielen, die mich sehr berührt hat (ist unter „Am Schauplatz“ noch ca. eine Woche auf tvthek.orf.at abrufbar). Lösung konnten die allerdings auch keine anbieten.

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  2. […] Warum sind Menschen arm? ist die zentrale Frage in den Reportagen von Vollmann. Der Autor ist um die ganze Welt gereist und hat arme Menschen getroffen und ihnen diese Frage gestellt. Das Ergebnis sind eindringliche Porträts von verschiedensten Personen, die unterschiedlichste Erklärungen für ihre Lebenssituation haben. In einem Kapitel erzählt Vollmann zudem sehr offen über seinen privaten Umgang mit Außenseitern der Gesellschaft. In den Reportagen begegnet er den Menschen auf Augenhöhe, ohne ihr Verhalten zu bewerten und lässt sie ganz für sich sprechen. Die Rezension findet ihr hier. […]

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