Haruki Murakami – Wenn der Wind singt / Pinball 1973

Rezension Haruki Murakami Wenn der Wind Singt Pinball 1973

Haruki Murakamis zwei frühesten Werke wurden 2015 erstmals auf Deutsch übersetzt und in einem gemeinsamen Band mit dem Titel Wenn der Wind singt / Pinball 1973 veröffentlicht.

Das Buch beginnt mit einem kurzen Vorwort, in welchem Haruki Murakami erklärt, wie er zum Schreiben kam (er entschied es spontan bei einem Baseballspiel), wie die beiden Geschichten Wenn der Wind singt und Pinball 1973 entstanden und was sie für ihn bedeuten.
Wenn der Wind singt begleitet den jungen, namenlosen Protagonisten einige Wochen durch sein Leben als Student im Sommer des Jahres 1970. Die meiste Zeit verbringt er Bier trinkend mit seinem Freund Ratte in Jays Bar, bis er ein Mädchen kennenlernt, das an der einen Hand nur vier Finger hat. Pinball 1973 setzt drei Jahre später ein, als der Protagonist sein Studium beendet hat und als Übersetzer arbeitet. Er lebt mit Zwillingen zusammen, die eines Tages einfach so bei ihm eingezogen sind – und entwickelt plötzlich einen unglaublich starken Hang zum Flippern.

Eines Tages nimmt etwas unser Herz gefangen. Es kann alles sein, jede Kleinigkeit. Eine Rosenknospe, eine verlorene Mütze, ein Pullover, den man als Kind mochte, eine alte Gene-Pitney-Platte… Es gibt eine ganze Liste von Winzigkeiten, von denen man nicht weiß, wohin man sie stecken soll. Zwei oder drei Tage lang beschäftigen sie uns und kehren dann dorthin zurück, wo sie hergekommen sind… in die Dunkelheit. In unseren Herzen werden ein paar Brunnen gegraben. Und Vögel fliegen über sie hinweg.

Ich bin nicht wirklich sicher, was ich zu diesem Buch sagen soll. Das mag vielleicht daran liegen, dass ich schon wahnsinnig viele Bücher von Murakami gelesen und auch rezensiert habe, und man sich irgendwann ja doch nur wiederholt. Eventuell liegt es aber auch an diesem ganz speziellen Buch hier. Es kommt für mich persönlich nicht an Werke wie Südlich der Grenze, westlich der Sonne, Afterdark, Sputnik Sweetheart oder die richtig durchgeknallten Murakamis heran, ist aber auch schwieriger zu betrachten als seine Kurzgeschichtensammlungen. Nichtsdestotrotz ist es ein gutes Buch, unterhaltsam, zwar nicht herausragend, aber dennoch auf hohem Niveau.

An vielen Stellen haben die beiden Geschichten etwas sehr Rohes, vielleicht auch Unvollständiges. Ein richtiger Plot fehlt, aber man merkt, wie der junge Haruki Murakami sich ausprobiert und experimentiert, einfach mal drauf los schreibt, manche Kapitelabschnitte aus nur einem Absatz bestehend. Dieses Gefühl, dass etwas fehlt, bleibt nach der Lektüre – ich kann nicht genau sagen, was es ist, aber es ist da, oder besser gesagt, eben nicht da, im Gegensatz zu den anderen Romanen des Schriftstellers. Dennoch spürt man ihn tief in den Texten drin, das Ausnahmetalent, noch unerfahren, etwas orientierungslos, aber er schlummert dort versteckt und blitzt immer wieder zwischen den Zeilen auf. Dieses typische Murakami-Feeling, das sich beim Lesen seiner Bücher einstellt, ist auch hier schon vorhanden, wenn auch etwas milder und zaghafter.

Auch thematisch bewegt sich Murakami hier schon in dem Gebiet, das er später nie verlassen wird. Passive Protagonisten, Einsamkeit, Verlorensein, Ziellosigkeit, Beziehungen und ihr Scheitern, Distanzierung und Isolation prägen die beiden Geschichten, sowohl was den Helden betrifft, als auch seinen Kumpel Ratte. Leider sind diese Themen eher fragmentarisch verarbeitet, ohne großen roten Faden und ohne richtigen Plot, ja, manchmal wirken die beiden Texte so wie Murakamis Romancharaktere selbst, nämlich etwas ziel- und orientierungslos.

Der Geruch des Meeres, den der leichte Südwind zu mir herübertrug, und des heißen Asphalts beschworen vergangene Sommer. Die warme Haut eines Mädchens, alter Rock’n’Roll, frisch gewaschene, durchgeknöpfte Hemden, der Geruch von Zigaretten in der Umkleidekabine des Schwimmbads, leichte Vorahnungen und die süßen Träume des Sommers, die sich nie erfüllten. Und eines Sommers dann (wann war es gewesen?) kehrten die Träume nicht zurück.

Die Charaktere, die in Wenn der Wind singt und Pinball 1973 auftauchen, also der Protagonist, Ratte und der Barkeeper Jay, kommen allesamt auch in Murakamis erstem richtigen Roman Wilde Schafsjagd vor, der den Abschluss der „Trilogie der Ratte“ bildet. Ich habe in den letzten Jahren chronologisch völlig wild gelesen und mit Tanz mit dem Schafsmann begonnen, welches quasi der Nachfolger der Trilogie ist. Weiter ging es mit Wilde Schafsjagd und nun erst Wenn der Wind singt / Pinball 1973. Das ist an sich unproblematisch, da keinerlei inhaltliche Schwierigkeiten auftreten, sollte man eines der Bücher nicht vor dem anderen gelesen haben. Trotzdem habe ich jetzt unbändige Lust, noch einmal die Schafsbücher in Angriff zu nehmen, um diese mit meinem jetzigen Wissensstand vielleicht noch einmal in einem völlig anderen Licht wahrnehmen zu können.

Wenn der Wind singt / Pinball 1973 sind zwei gut geschriebene und interessante Geschichten, die definitiv schon den typischen Murakami-Sound mit sich bringen. Ganz so begeistern wie seine späteren Werke konnten sie mich allerdings nicht, da sie sich irgendwie unausgereift anfühlen. Da das Buch, wie auch Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, eher ruhig vor sich hin dümpelt, aber weniger Storyline als ebenjenes besitzt, würde ich es nicht unbedingt Murakami-Neulingen empfehlen, die sich sonst schnell langweilen und abschrecken lassen könnten. Für bestehende Fans ist dieses Buch aber wirklich unterhaltsam und sehr spannend in Murakamis Gesamtwerk einzuordnen.

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