Haruki Murakami – Afterdark

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©btb Verlag

Nach der Dunkelheit kommt immer das Licht

Es ist Nacht in Tokyo. Die Menschen entfliehen der Einsamkeit und tun Dinge, bei denen sie sich ob der Tageszeit unbeobachtet fühlen. Mari sitzt alleine in einem Restaurant, Takahashi probt mit seiner Band, Maris Schwester Eri liegt beständig in einem unnatürlich tiefen Schlaf, und in einem Love Hotel ganz in der Nähe wird eine chinesische Prostituierte von einem Freier geschlagen. Ihre Wege kreuzen sich im Laufe der Nacht und ihre Leben werden sich verändern.

In der Zeit zwischen Mitternacht und den ersten hellen Streifen am Himmel tut sich die geheime, dunkle Pforte dieses Ortes auf, an dem unser rationales Denken außer Kraft gesetzt ist. Niemand kann voraussehen, wann und wo sein Abgrund einen Menschen verschlingen und wann und wo er ihn wieder ausspucken wird.

Ich hatte bisher von vielen Leuten gehört, dass sie Afterdark nicht mögen, dass es mit diesem Roman bergab ginge und alles danach sowieso nicht mehr so gut sei. Ich war auf das Schlimmste gefasst und muss sagen, dass ich leider enttäuscht wurde. Die Warnungen konnten mich überhaupt nicht davon abhalten, diesen doch recht ungewöhnlichen Murakami zu mögen. Murakami hat nicht das Rad neu erfunden, auch nicht das seines eigenen Wagens: die Charaktere sind ähnlich schrullig-liebenswert wie in seinen anderen Romanen und glücklicherweise fehlt auch nicht das Verschwimmen der Realität. Trotzdem hat er etwas gewagt.

In der Nacht vergeht die Zeit auf ihre Weise. Es ist zwecklos, sich dagegen zu wehren.

Neu ist die Erzählweise und -perspektive, die Murakami anwendet. Es ist sehr spannend, was der Autor hier mit dem Leser macht: durch den nullfokalisierten Erzähler, welcher keinerlei Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonisten hat, werden Erzähler und Leser gemeinsam zu Beobachtern. Der Erzähler betrachtet und beschreibt lediglich als Außenstehender, was er wahrnimmt – die Absichten der Charaktere kann er nur erraten. Somit ist er auf genau demselben Wissensstand wie wir. Oftmals vergleicht er sich selbst mit einer Kamera, die über allem schwebt, heran- und herauszoomt. Es wirkt also weniger wie ein Roman, sondern vielmehr wie ein Film oder vielleicht auch ein Beschattungsprotokoll eines Detektivs. Insgesamt ist der Schreibstil so natürlich extrem deskriptiv und nüchtern-sachlich, was anfangs gewöhnungsbedürftig ist. Nach einiger Zeit kommt man jedoch gut rein und kann sich darüber freuen, dass auch ein Haruki Murakami irgendwann noch einmal etwas neues ausprobiert und herumexperimentiert.

Wir sind unsichtbare, namenlose Eindringlinge. Wir sehen. Wir lauschen. Wir riechen. Ohne indes physisch anwesend zu sein und Spuren zu hinterlassen.

Durch die Art des Erzählens bzw. Beschreibens fühlte ich mich als Leser doch recht voyeuristisch. Dies wird verstärkt durch die Tatsache, dass Menschen nachts beobachtet werden, wenn sie sich unentdeckt fühlen. In der Regel schlafen wir nachts, wir können nur erraten, was andere Leute währenddessen treiben. In Afterdark werden wir jedoch Zeugen ihrer geheimnisvollen Aktivitäten und haben so das Gefühl, in ihre Privatsphäre einzudringen. Die herrschende Dunkelheit und Nacht, welche den Leser von Anfang bis Ende des Romans begleiten, verkörpern die Einsamkeit der in ihr agierenden Personen, aber auch gleichzeitig die Abgründe ihrer Seelen. Mari und Eri haben sich voneinander entfernt und Eri scheint ernsthafte Probleme zu haben, die Mari nicht einmal ansatzweise erahnen kann. Der Freier, der die Prostituierte schlug, hat anscheinend auch eine sonderbare Verbindung zu Eri.

Besonders interessant wird es dann, wenn die Grenzen der Realität gedehnt werden. In der einen Wirklichkeit hat unser Erzähler immer noch keinen Einblick in seine Charaktere. In der anderen Wirklichkeit jedoch weiß er, was Eri denkt, fühlt und plant. Wir, die Leser und der Erzähler, beobachten sie in der anderen Wirklichkeit wie durch eine Barriere, wir bekommen mit, dass sie spricht, doch ihre Worte erreichen uns nicht und unsere erreichen sie nicht. Ich glaube, dass genau hier tiefere Bedeutungen versteckt sind und einiges an Interpretationen zulassen.

So etwas wie eine Mauer, die verschiedene Welten trennt, existiert in Wirklichkeit gar nicht. Und wenn doch, dann ist sie wahrscheinlich aus dünnem Papiermaché. Wenn man sich plötzlich dagegenlehnt, bricht man möglicherweise durch und landet auf der anderen Seite. Vielleicht merken wir bloß nicht, dass sich die andere Seite schon in unser Inneres hineingestohlen hat…

Murakami sagte einmal, dass das Schreiben für ihn wie Träumen sei. Seine Werke zu lesen ist auch immer ein bisschen wie träumen, aber meistens kein leichtfüßiger, angenehmer Traum, sondern ein verwirrender, überwältigender, der einen nach dem Aufwachen nicht loslässt. Sobald man das Buch zuklappt, erwacht man und ist durcheinander, aber auch immer noch euphorisiert. Gerade bei den Romanen, in welchen Realität und Traum ineinander übergleiten, ist dies der Fall. Auch hier. Nachdem in der fiktiven Welt von Afterdark der neue Tag beginnt, beginnt ebenfalls in der Realität des Lesers mit dem Umblättern der letzten Seite ein neuer Tag. Viele Fragen bleiben zurück, ein wenig Benommenheit, Desorientiertheit. Und dann beginnt das Gehirn zu arbeiten.

Untypisch Murakami und gerade dadurch gelungen

Haruki Murakamis Afterdark ist wirklich schwer mit seinen anderen Romanen wie z.B. Hardboiled Wonderland und das Ende der Welt oder Kafka am Strand zu vergleichen, schon alleine auf Grund der Länge und des Stils. Für mich haben sich vielmehr Parallelen zu seiner Erzählung Schlaf gezeigt. Auf den sehr deskriptiven und sachlichen Stil muss man sich einlassen, dann belohnt der Autor einen allerdings mit einem gekonnten Porträt der nächtlichen Großstadt und ihren einsamen, sich am Abgrund bewegenden Bewohnern. Ein durchaus spezieller Roman, der mich aber einen wunderbaren Traum träumen ließ.

 

4,5sterne

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