Haruki Murakami – Sputnik Sweetheart

Rezension Buch Bücher lesen Literatur Murakami

Der Protagonist, nur als K bekannt, Mitte zwanzig, ist hoffnungslos in seine beste Freundin Sumire verliebt. Sie haben sich an der Uni kennengelernt, jetzt arbeitet der Erzähler als Lehrer, während Sumire immer noch versucht, ihren ersten Roman fertig zu stellen. Eines Tages begegnet sie der anmutigen und faszinierenden Miu, einer verheiraten Frau, die wesentlich älter ist als sie selbst. Anfangs bewundert sie sie bloß, doch dann scheinen sich stärkere Gefühle anzubahnen. Sumire beginnt, für Miu zu arbeiten und viel Zeit mit ihr zu verbringen – bis K einen Anruf von Miu bekommt, dass Sumire spurlos verschwunden sei.

Wer halbwegs regelmäßig Romane von Haruki Murakami liest, kann nach einiger Zeit bei jeder neuen Lektüre eine Checkliste abarbeiten. Lehrer? Check. Ältere Liebhaberin? Check. Seltsame Situation, die Katzen involviert? Check. Alles veränderndes Telefongespräch? Check. Leidenschaft für klassische und/oder Jazzmusik? Check. Ein Mädchen hat verdammt schöne Ohren? Check. Ob man das jetzt mag oder nicht, sei jedem selbst überlassen. Unkreativ und repetitiv sagen die einen, ich finde es schön, gewisse Konstanten durch Murakamis Bücher hindurch feststellen zu können, Dinge, die für seine Romane nicht wegzudenken sind.

Im Frühling ihres zweiundzwanzigsten Lebensjahres verliebte sich Sumire zum allerersten Mal. Heftig und ungezügelt, wie ein Wirbelsturm über eine weite Ebene rast, fegte diese Liebe über sie hinweg. Ein Sturm, der alles niedermäht, vom Boden fegt und hoch in die Lüfte schleudert, wahllos in Stücke reißt, wütet, bis kein Ding mehr auf dem anderen ist. […] Kurzum, es ging um eine Leidenschaft von monumentalen Ausmaßen. Sumires Liebe war siebzehn Jahre älter als sie und verheiratet. Überdies, so sollte man hinzufügen, handelte es sich um eine Frau. Der Ort an dem die Geschichte beginnt, ist zugleich der Ort, an dem (fast) alles zu Ende ging.

Obwohl der Anfang rasant zu werden verspricht, wird direkt im Anschluss das Tempo enorm gedrosselt. Im Vergleich zu anderen seiner Werke dauert es in Sputnik relativ lange, bis das geheimnisvolle Ereignis eintritt, also bis Sumire verschwindet. Auch als sie spurlos verschwunden ist, braucht es einige Zeit bis die Geschichte ihres Verschwindens sich dem Erzähler sowie dem Leser entfaltet. Dafür, dass der Roman ohnehin recht kurz ist, war es ungewohnt, so viel Einführung zu bekommen und so langsam an das Thema herangeführt zu werden. Zäh oder langweilig ist das Buch dennoch nicht, denn wir lernen den Protagonisten K (dessen Initial übrigens nur ein einziges Mal im ganzen Buch erwähnt wird) und seine kauzige, aber liebenswürdige Freundin genau kennen.

Im Laufe des Romans treten gewisse Parallelen zu anderen Büchern von Murakami auf – insbesondere zu Kafka am Strand, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt, sowie 1Q84. Vor allem einer David Lynch-ähnlichen Szene lässt Verknüpfungen zu diesen Werken spinnen, nämlich als Miu in einem Riesenrad sitzt und die Realität zu verschwimmen scheint. Hier, und auch an anderen Stellen, wird es magisch-realistisch bis surreal und meiner Meinung nach ist es genau das, worin Murakami als Schriftsteller so brilliert. Allerdings finde ich, dass das Surreale noch ein wenig mehr Platz in diesem Buch verdient hätte. So lang die realistische, sich in der „normalen“ Welt abspielende Einführung ist, so kurz ist der Part, in dem die Realität und Welt in Frage gestellt werden. Dabei ist es genau letzteres, was mir bei Murakami immer besonders gut gefällt und was mir am meisten Spaß zu lesen bereitet.

Ein zentrales Thema des Romans ist die Einsamkeit: Miu ist verheiratet und dennoch einsam. Der Erzähler, K, ist unglücklich in Sumire verliebt und hat außer ihr niemanden. Sumire liebt Miu, doch sie ist ihr spüßer Sputnik, ihr Satellit, der sie umkreist und sie begleitet, dessen Umlaufbahn sie für einen Moment kreuzen kann, ohne dass sie sich jemals gemeinsam in einer Umlaufbahn bewegen werden. Wie Hunter S. Thompson schon sagte:

We are all alone, born alone, die alone, and—in spite of True Romance magazines—we shall all someday look back on our lives and see that, in spite of our company, we were alone the whole way. I do not say lonely—at least, not all the time—but essentially, and finally, alone.

Haruki Murakamis Roman Sputnik Sweetheart ist wie ein Traum. Er beginnt ruhig und scheinbar normal, bis Sumire verschwindet. Ab hier wird es surreal, der Leser wird mit viel mehr Fragen konfrontiert, als er jemals Antworten erhalten wird. Ein normaler Murakami eben. Da Sumires Verschwinden von Anfang an feststeht, wird die Spannung bis zu den letzten Seiten aufrecht erhalten. Ich fand es lediglich schade, dass die Verwischung der Grenze zwischen Realität und Phantastischem vergleichsweise wenig Platz im Roman eingenommen hat. Für mich hätte Murakami ruhig noch 100 Seiten mehr schreiben können.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s