Ray Bradbury – Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Ray Bradbury Das Böse kommt auf leisen Sohlen Rezension Roman Diogenes VerlagDas Böse kommt auf leisen Sohlen ist ein atmosphärisch wie sprachlich dichter Schauerroman des vor allem durch Fahrenheit 451 bekannten Schriftstellers Ray Bradbury. Die Geschichte ist eine gelungene Allegorie des allseits beliebten Gut gegen Böse-Konflikts.

Jim und Will sind beste Freunde. Sie wohnen direkt nebeneinander, sind beide dreizehn Jahre alt und entdecken kurz vor Halloween, dass ein mysteriöser Zirkus in die Stadt kommt. Neugierig wie sie sind, schleichen sie sich des Nachts auf das Gelände, da es ihnen seltsam vorkommt, dass der gesamte Zirkus heimlich in der Nach anreist und seine Zelte aufbaut. Doch was sie dort entdecken, wird sie so schnell nicht wieder loslassen… Gemeinsam versuchen Jim und Will, die bösartigen Machenschaften der Zirkusbesitzer Mr. Dark und Mr. Cooger aufzudecken und ihre kleine Heimatstadt vor dem Verderben zu retten.

Bei Jim war es so, dass er stets die Welt vor Augen hatte und nie den Blick abwenden konnte. Wenn man sein ganzes Leben lang niemals wegsieht, dann hat man mit dreizehn schon so viel gesehen wie andere mit zwanzig.

Bradbury benutzt eine unglaublich lebendige und detailreiche Sprache in diesem Roman. Er erschafft Bilder, die sowohl ungewöhnlich als auch kreativ sind: „Vielleicht drehte sich oben in den Wolken ein Donner im Schlaf auf die andere Seite.“ Diese besondere Sprache ergänzt das stimmungsvolle Setting rund um den gefährlichen Zirkus und erzeugt eine wirklich tolle, düstere Atmosphäre. Es erinnert zeitweise ein wenig an Carlos Ruiz Zafón oder Edgar Allan Poe, also ist es eher im klassischen Sinne gruselig und beklemmend als wirklich schockierend oder horrorhaft.

Das Karussell kreiste, ein riesiger, verkehrtherum ablaufender Alptraum, die Pferde galoppierten rückwärts, die Musik war ein Einatmen, während Mr. Cooger – einfach wie der Schatten, einfach wie das Licht, einfach wie die Zeit – immer jünger wurde. Immer jünger und jünger.

Teilweise strahlen Bradburys Sätze – trotz ihrer Schönheit – eine Rastlosigkeit aus, die den Leser nur so durch die Seiten fliegen lässt. Je größer die Gefahr, desto höher das sprachliche Tempo. Gerade, als es für Jim und Will so richtig ernst wird, übermannt einen der Sog der Sprache und man wird vollends in die turbulente Handlung eingesogen.

Seine Augen waren wie braune Marmorsplitter, jetzt leuchtend in offenem Wahnsinn, im nächsten Augenblick tieftraurig in einem Wahnsinn des für ewig Verlorenen, ewig Vergrabenen, so suchte er nach etwas, das er nicht finden konnte, nach etwas Verlorenem, vielleicht nach zwei Jungen, dann wieder nach seinem verlorenen Ich; der kleine, zusammengedrückte Mann zwang seinen Blick hierhin, dorthin, hinauf, hinunter; ein Teil seines Ichs suchte die verlorene Vergangenheit, das andere die unmittelbare Gegenwart.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen ist eine wundervolle Allegorie des ewigen Konflikts Gut gegen Böse – Bradbury spielt gekonnt mit diesem Thema. Während die Zirkusbesitzer Mr. Cooger und Mr. Dark das abgrundtief Böse verkörpern, das sich mithilfe übernatürlicher Fähigkeiten holt, was es will, sind Jim, Will und dessen Vater Charles das Gute in Person. Mit reinem Herzen und unverdorbenem Verstand kämpfen sie gegen das Böse, das ihre Stadt bedroht. Ambivalente Charaktere gibt es hier nicht, außer man zählt vielleicht Jim dazu, der sich zu dem Bösen hingezogen fühlt und sich von ihm einwickeln lässt, in der Hoffnung auf die Erfüllung seiner innigsten Wünsche. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Walt Disney den Roman im Jahr 1983 verfilmte – Ray Bradbury hat selbst das Drehbuch dazu geschrieben.

Angst und Alter sind ebenfalls zwei wichtige Themen in diesem Schauerroman. Der Zirkus nährt sich von den Ängsten der Menschen, er spielt mit ihnen und er nutzt sie, um seine Opfer anzulocken. Jim wäre gerne endlich älter, nur ein paar Jahre, und es fällt ihm schwer, dem Angebot von Mr. Dark zu widerstehen. Auch Charles hat große Probleme mit seinem Alter. Da er erst spät Vater wurde, hat er stets das Gefühl, viel zu alt für seine Familie zu sein, nichts mit ihnen unternehmen zu können, kein guter Vater zu sein. Auch er spielt mit dem Gedanken, auf das geheimnisvolle Karussell zu steigen, um wieder ein kleiner Junge zu werden. Doch würde ihn das wirklich glücklich machen? Vielleicht ist Alter ja wirklich nur eine unbedeutende Zahl, und die Falten unserer Haut können uns nicht daran hindern, uns tief in unserem Herzen jung und frei zu fühlen.

Mit Das Böse kommt auf leisen Sohlen hat Ray Bradbury einen Schauerroman der alten Schule geschaffen – also ein starker Kontrast zu seiner legendären Dystopie Fahrenheit 451. Das Werk überzeugt mit einer spannenden Geschichte, liebenswürdigen Charakteren und interessanten Bösewichten. Vor allem die lebendige Sprache und düstere Atmosphäre machen das Buch zu einem ganz besonderen literarischen Genuss.

4 thoughts on “Ray Bradbury – Das Böse kommt auf leisen Sohlen

    1. Das ist ja cool, dann passt das ja ziemlich gut. 😉 Ich habe Fahrenheit auch noch nicht gelesen, kam irgendwie bisher noch nicht dazu, möchte das jetzt aber definitiv nachholen. Auch ohne das gelesen zu haben, kann man „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ ziemlich gut wertschätzen – wenn du also eher Lust auf das hier hast, lies Fahrenheit danach 😀

      Liebe Grüße,
      Nadine

      Gefällt 1 Person

  1. Wahnsinn, das trifft ja zu 100 Prozent meinen Buchgeschmack! Fahrenheit 451 fand ich ja schon überragend (vor allem wegen Bradburys sprachlichem Talent), und dann auch noch eine Schauergeschichte, die richtig old school ist? Ich bin begeistert! Danke für die Inspiration!
    Liebste Grüße,
    Ida

    Gefällt 2 Personen

    1. Das freut mich wirklich total! :)) Fahrenheit muss ich zugegebenermaßen immer noch lesen, ich wollte immer, aber habe es irgendwie nie – aber nach diesem Buch habe ich noch mehr Lust darauf. Bradbury kann wirklich verdammt gut schreiben!
      Liebe Grüße,
      Nadine

      Gefällt 1 Person

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