Katherine Arden – The Bear and the Nightingale

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Magisch und düster: In ihrem Debütroman The Bear and the Nightingale entführt Katherine Arden ihre Leser in das mittelalterliche Russland.

Russland im 14. Jahrhundert. Vasilisa Petrovna, kurz Vasya, ist die Tochter des Adligen Pyotr Vladimirovich. Sie lebt mit ihrem Vater, ihrer Stiefmutter, ihren Geschwistern und ihrer Kindsmagd Dunya in einem kleinen Dorf am Rande des Waldes. Ihre leibliche Mutter starb bei ihrer Geburt, und die neue Frau ihres Vaters, Anna Ivanovna, begegnet ihr nicht gerade mit Freundlichkeit. Die Winter in dem Dorf sind hart und eisig, doch schon bald stellt sich heraus, dass die Kälte nicht der einzige Feind ist, der ihnen auflauert. Während der Geistliche Konstantin Nikonovich ins Dorf gesandt wird, um die Seelen der armen Bewohner zu retten, lassen diese sich von den christlichen Bräuchen und Versprechungen einlullen und vergessen ihre eigenen Geister – und das kurz vor der Wintersonnenwende, wenn der Wald um sie herum am gefährlichsten sein wird.

She is not afraid, Konstantin thought dourly. She does not fear God, she fears nothing. He saw it in her silences, her fey glance, the long hours she spent in the forest. In any case, no good Christian maid ever had eyes like that, or walked with such grace in the dark.

Vasya ist für ihre Zeit ein sehr ungewöhnliches Mädchen. Ständig läuft sie barfuß herum, sie ist keine Schönheit, kann schneller rennen, als die meisten Jungs und Männer in ihrem Dorf und hält nicht viel davon, verheiratet zu werden, um dann ihr restliches Leben lang eingesperrt und unterdrückt zu sein. Freiheit und Entfaltung sind für sie neben ihrer Familie das Wichtigste, selbst wenn sie dies mit ihrem Leben bezahlen muss. Schon als Kind ist sie anders, jungenhaft, ein Rotzlöffel allererster Klasse. Sie gibt Widerworte, rennt davon und lässt sich von niemandem etwas sagen, erst recht nicht von den Männern.

Zeitweise erinnert sie ein wenig an die ebenfalls eigenwillige Prinzessin Merida aus dem gleichnamigen Pixar-Streifen. Auch Vaysa ist stur, ungestüm, ein Wildfang. Da ich selbst meine halbe Kindheit auf Fahrrädern, Inlinern, Bäumen, in Höhlen und Buden und mit Legos verbracht habe, finde ich sie deshalb äußerst sympathisch und kann mich wirklich gut mit ihr identifizieren. Abgesehen von ihrer Aufmüpfigkeit zeichnet sich das Mädchen vor allem durch Ihre Gabe aus, mit Geistern sprechen zu können, mit dem Hausgeist, mit dem Geist, der die Ställe und die Tiere beschützt oder mit der Wassernymphe im See. Dass dies sowohl Fluch als auch Segen zugleich sein kann, lernt Vasya recht schnell.

„Fairy tales are for children, but you are a woman, and soon you will be a wife. To wed a decent man and be safe in his house, to worship God and bear strong sons – that is real and right. It is time to put aside dreaming. Fairytales are sweet on winter nights, nothing more.“

Einen großen Stellenwert nimmt in diesem historischen Fantasyroman neben der Emanzipation Vasyas die Christianisierung der Dorfbewohner ein. Obwohl sie von Anfang an an Gott glauben und in ihrer kleinen Kirche beten gehen, huldigen sie ebenfalls ihren traditionellen Naturgeistern. Sie glauben an den Domovoi, den Hausgeist, der ihre Hütte beschützt, und lassen ihm stets etwas zu Essen da, auch wenn sie ihn noch nie gesehen haben. Doch als Konstantin in das Dorf kommt, ködert er die Menschen mit ihren eigenen Ängsten. Tod, eine schlechte Ernte oder ein schlimmer Winter sind die Strafen Gottes, sie müssen ihren Glauben festigen, sie müssen Gott mehr Opfer bringen und sollen aufhören, ihre Kraft und ihre Nahrungsmittel an die Naturgeister zu verschwenden. Doch Vasya, die Einzige, die die heimischen Geister und Dämonen wirklich sehen kann, bleibt ihnen treu und lässt sich nicht bekehren.

„My people,“ said Vaya, very low. „They wept before the icons while the domovoi starved. I do not know them. They have changed and I have not.“

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Ich hatte bisher keinerlei Ahnung von russischer Folklore, slawischen Märchen, Sagen und alldem. Die Welt, die Arden mir mit diesem Buch eröffnet hat, ist also völlig neu für mich – und wahnsinnig beeindruckend. Die Autorin, die französische und russische Literatur studierte und eine Zeit lang in Moskau lebte, benutzt viele russische Begriffe, um das Geschehen authentischer und greifbarer zu machen. Hier hilft dem Leser Gott sei Dank ein Glossar, in dem alle wichtigen Wörter von Baba Yaga (eine alte Hexe, die in vielen russischen Märchen auftaucht) über Domovoi (der Hausgeist, der das Haus und seine Bewohner beschützt) bis hin zum Vodianoy (ein bösartiger Wassergeist) erklärt werden.

„It is easy to die. Harder to live.“

Geister, Hexen, Vampire, Dämonen – in Ardens Geschichte verschmilzt die historisch recht akkurate Realität des spätmittelalterlichen russischen Dorflebens mit der Folklore von Fabelwesen, Beschützern und Feinden. Viele der übernatürlichen Elemente sind Anlehnungen an alte russische Märchen. Da ich auf diesem Themengebiet ahnungslos bin, habe ich Goodreads konsultiert, wo Katherine Arden selbst rund 50 Fragen zu ihrem Buch beantwortet hat. Hauptsächlich ist das Buch beeinflusst von den Märchen „Twelve Months“ und „Morozko“. Wer sich von The Bear and the Nightingale noch überraschen lassen möchte, sollte sich aber vielleicht nicht unbedingt vorher so genau durchlesen, worum es bei diesen Märchen geht. Alle andere Gestalten entstammen ebenfalls verschiedenen Märchen und Sagen. So wie die Wassernymphe, die sogenannte Rusalka, die von der Geschichte „The Sea King’s Daughter“ inspiriert wurde. Doch es sind nicht nur die freundlich gesinnten Geister, die im Dorf und im Wald leben – je tiefer der Winter, desto größer ist die Gefahr, die zwischen den Schatten der Bäume lauert.

Der Titel des Buchs The Bear and the Nightingale spielt einerseits auf zwei Charaktere an, die allerdings erst später eingeführt beziehungsweise als Bär und Nachtigall erkenntlich gemacht werden, andererseits verinnerlicht er auch den starken Kontrast vieler Elemente der Geschichte: Tradition und Wandel, Glaube und Angst, Unterdrückung und Rebellion, Liebe und Tod – der große, wilde, mächtige Bär und die kleine, zarte Nachtigall.

The day wound on to dusk and past, so that the only light was the pale glow of summer that lit the nights like morning.

Das Buch besticht mit einer wunderschönen, dichten Atmosphäre, die aber auch oft sehr düster und brutal ist, sowie mit einer märchenhaft-magischen Sprache. Man kann als Leser die kalten, russischen Winter in den Wäldern förmlich spüren. Gerade die Naturbeschreibungen Ardens sind sehr malerisch und wahnsinnig passend für das Setting. Auch hier merkt man, dass die Autorin sich eingehend mit russischer Literatur im Allgemeinen und russischen Märchen im Besonderen beschäftigt hat, denn die Sprache und Darstellung wirken jederzeit authentisch.

Katherine Arden hat mit The Bear and the Nightingale ein wunderschönes, magisches Buch geschaffen, das sich im Bereich historische Fantasy/Magischer Realismus bewegt. Es ist ein sprachlich exzellent ausgearbeitetes Märchen, basierend auf alten russischen Märchen und Sagen. Vasya ist eine faszinierende und starke Protagonistin, die man gerne auf ihren Streifzügen durch die Wälder begleitet. Ein perfektes Buch für lange, dunkle Winterabende, das mit großartiger Atmosphäre überzeugt. Es ist Teil einer Trilogie, Band 2 ist gerade im Original erschienen, Band 3 folgt noch dieses Jahr. Wann die Bücher ins Deutsche übersetzt werden, konnte ich leider nicht herausfinden.

7 Antworten auf „Katherine Arden – The Bear and the Nightingale

  1. Oh wow, dieses Buch klingt so gut! Das hat mich an die Nachmittage erinnert, an denen ich mich früher von diesen alten, russischen Märchenfilmen habe verzaubern lassen. Da spürte man auch eine magische, irgendwie dunkle und märchenhafte Atmosphäre, und genauso scheint das Buch zu sein. Noch ein Grund, es ganz weit oben auf meine Wunschliste zu packen. :)
    Liebste Grüße,
    Ida

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  2. Huhu :)
    Würde das Buch nicht bereits auf meiner Wunschliste stehen, würde es das spätestens nach dieser wundervollen Rezension tun! Jetzt habe ich es noch eiliger, das Buch endlich zu bekommen :) Und das trotz der Tatsache, dass ich gerade meinen SUB gezählt habe :D

    Alles Liebe,
    Smarty

    Gefällt 1 Person

    1. Hehe, das freut mich! Und vielen vielen Dank! <3
      Ich finde, das sollte ganz, ganz weit rauf auf deinen SUB – erstens, weil es dir quasi gar nicht nicht gefallen kann, und zweitens weil es ein must-read im Winter ist, und der geht ja (hoffentlich) nicht mehr allzu lange! ;)

      Liebe Grüße,
      Nadine

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      1. Absolut nichts zu danken :)
        Mal schauen, ob sich das noch ausgeht – ich genieße gerade die Philip Pullman Reihe und hab auch danach schon Pläne :D Aber ich liebäugle mit dem eBook, also würde es sich unter Umständen schon noch ausgehen ;)

        Alles Liebe,
        Smarty

        Gefällt 1 Person

  3. Ich habe zwar nicht alles von deiner Rezension gelesen, weil der Anfang mich schon so neugierig gemacht hat, dass ich Angst hatte zu viel zu erfahren ! :D aber es hat mich so angesprochen, dass es erstmal auf meine Wunschliste wandern 😁 vielen Dank dafür ❤

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