Leigh Bardugo – Die Sprache der Dornen

Leigh Bardugo Die Sprache der Dornen Rezension

Moderne Märchen im traditionellen Stil: Leigh Bardugo erzählt in Die Sprache der Dornen sechs wunderschöne Geschichten, die von dunkler Magie und starken Protagonistinnen handeln und virtuos illustriert wurden.

Die hier versammelten Geschichten heißen Ayama und der Dornenwald, Der zu kluge Fuchs, Die Hexe von Duva, Kleines Messer, Der Soldatenprinz und Als das Wasser Feuer ersang und erzählen von starken Heldinnen, gar nicht so bösen Hexen, verschwundenen Kindern und lodernden Rachegelüsten.

There was a time when the woods near Duva ate girls. It’s been many years since any child was taken. But still, on nights like these, when the wind comes cold from Tsibeya, mothers hold their daughters tight and warn them not to stray too far from home. „Be back before dark,“ they whisper. „The trees are hungry tonight.“

So oder ähnlich beginnen alle von Bardugos Märchen aus diesem Sammelband. Die junge Autorin schafft es meisterlich, eine märchenhaft-düstere Atmosphäre zu kreieren, einen Anfang, der einen regelrecht in die Geschichte hineinsaugt und den beißend kalten Wind spüren und die Blätter der Bäume rascheln hören lässt. Sprachlich und auch inhaltlich orientiert sie sich an klassischen Märchen und Mythen – sie setzt ihre ganz eigenen, kreativen Ideen auf sehr traditionelle Weise um, und das hat mir wahnsinnig gut gefallen. So sind es keine modernen Märchen geworden, sondern klassische Märchen einer modernen Autorin.

Die Sprache der Dornen, deren Originaltitel The Language of Thorns – Midnight Tales and Dangerous Magic lautet, hat sechs wundervolle Geschichten versammelt, die zum Teil schon vorher publiziert wurden, unter anderem drei von ihnen in einem Band namens Folktales from Ravka im Jahr 2015. Wie auch schon Bardugos Grisha-Trilogie und ihre sehr erfolgreichen Fantasyromane Das Lied der Krähen und Das Gold der Krähen spielen die Märchen im selben Universum, in den Regionen Nowij Sem, Rawka, Fjerda und Kerch.

This is a problem with making a thing forbidden. It does nothing but build an ache in the heart.

Leigh Bardugo Language of Thorns Sprache der Dornen

Bardugo lässt sich von bekannten Geschichten inspirieren, wie zum Beispiel von Hans Christian Andersens Die kleine Meerjungfrau. In Als das Wasser Feuer ersang kann die Meerjungfrau Ulla mit der Sturmmagie, die ihr Gesang heraufbeschwört, den Prinzen davon überzeugen, sie mit an Land zu nehmen, wo sie schreckliche Entdeckungen macht. Die Hexe von Duva wiederum ist an Hänsel und Gretel angelehnt, doch, wie alle der sechs Geschichten, nimmt sie einen völlig anderen Lauf als die Originale. Gut und Böse sind hier nicht klar kategorisierbar, Bösewichte erhalten gütige Züge und die Heldinnen moralische Abgründe. So gesehen sind es keine Nacherzählungen der klassischen Märchen von Andersen, Grimm und Co., sondern eigenständige Stories, die auf bestimmten Ideen der Klassiker basieren.

Die Geschichten sind alle sehr düster und zum Teil recht brutal – hier darf aber auch nicht vergessen werden, dass traditionelle Märchen auch nicht so kinderfreundlich waren, wie man im ersten Moment denkt –, sie erzählen von dunkler Magie und von Rache. Jede der sechs Mitternachtsgeschichten enthält eine Moral, wobei diese deutlich von denen der Klassiker abweichen. Auch die Heldinnen sind trotz des traditionellen Settings ziemlich modern gehalten: sie möchten sich keinem Prinzen bedingungslos hingeben, sie sind stark und kämpfen für ihre Überzeugungen und die Menschen, die ihnen am meisten bedeuten. Somit ist Die Sprache der Dornen vermutlich, trotz der Brutalität und Düsternis, auch für junge Mädchen zu empfehlen – ähnlich wie die Good Night Stories for Rebel Girls.

Leigh Bardugo Die Sprache der Dornen Mitternachtsgeschichten

Was neben der sprachlichen und atmosphärischen Dichte ebenfalls überzeugt, ist die Visualisierung der Märchen. Sara Kipin hat die Geschichten mit ihren Motiven eingerahmt, alles in Blau- und Rottönen gehalten und wunderbar passend zum Inhalt. Je weiter eine Geschichte voranschreitet, desto mehr füllen sich die Seitenränder mit Illustrationen, bis sie am Ende der Geschichte eine komplette Doppelseite ergeben – hier haben die Autorin und die Illustratorin wirklich großartig zusammengearbeitet und eines der ästhetischsten Bücher geschaffen, die in meinem Regal stehen.

Seit dem 1. Oktober ist Die Sprache der Dornen von Leigh Bardugo auch auf Deutsch erhältlich. Es ist eine wunderschön illustrierte Sammlung kreativer Märchen im klassischen Stil, die den altbekannten Geschichten von den Gebrüdern Grimm in nichts nachstehen – gerade die starken Heldinnen sind eigentlich sogar viel gelungener als ihre Vorgängerinnen.

Nächstes Jahr im Herbst soll der Anfang einer neuen Reihe Bardugos erscheinen: sie entführt ihre Leser auf einen Universitätscampus, auf dem eine Studentin auf okkultistische Aktivitäten geheimer Clubs stößt.

Wer auf der Suche nach einer ähnlichen Lektüre wie dieser hier ist, dem sei ganz dringend Katherine Ardens The Bear and the Nightingale ans Herz gelegt, das zwar bisher nur auf Englisch erhältlich ist, aber eine wunderschöne, dunkle und märchenhafte Geschichte aus dem mittelalterlichen Russland erzählt.

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