Haruki Murakami – Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten

Der namenlose Held lebt im Tokyo der nahen Zukunft. Er ist bei einer großen Organisation als Datenwäscher angestellt und lebt sonst ein ruhiges Leben ohne viele soziale Kontakte. Eines Tages wird er von einem alten aber genialen Wissenschaftler in dessen unterirdisches Labor eingeladen. Er soll für den Professor Daten verarbeiten, die der strengsten Geheimhaltung unterliegen. Es sind Forschungsergebnisse, die die Welt aus ihren Angeln heben könnten. Doch dann wird der Professor entführt…. Gleichzeitig befindet sich ein anderer namenloser Mann am Ende der Welt in einer Stadt, die komplett von allem und jedem abgeschnitten ist. Seine Aufgabe ist es, alte Träume zu lesen, doch er hat noch nicht die geringste Ahnung, wie und wozu er das anstellen soll…

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt ist ein meisterhaftes Konstrukt. Am Anfang ist alles noch ziemlich verwirrend, wenn abwechselnd aus den beiden Welten erzählt wird. Dennoch genießt man jede der beiden Geschichten für sich. Ab Seite 250 in etwa lichtet sich der Schleier langsam. Murakami macht erste große Andeutungen und sofort spinnt man seine Vermutungen weiter und überlegt, wie der Rest zusammenhängen könnte. Spätestens dann ist man völlig gefangen in Murakamis Welten. Der einzige Ausweg: Das Buch bloß nicht beiseite legen und es so schnell wie möglich zu beenden, damit man endlich weiß, wie der Hase läuft!

Dieser Roman gilt nicht umsonst als Murakamis Opus Magnum. Alles, was er hier erschaffen hat, lässt sich eigentlich nur mit einem einzigen Wort beschreiben: Genial. Die Idee des Datenshufflings, welches der Protagonist beruflich betreibt, sowie alle damit zusammenhängenden Prozesse, die erst später deutlich werden, sind raffiniert kreiert. (Besonders wenn man bedenkt, dass das Buch von 1985 ist!) Genauso die Art des Traumlesens am Ende der Welt und die Art, auf welche die zwei so unterschiedlichen Welten miteinander verbunden sind. Es ist nicht immer ganz einfach, die Datenverarbeitungen und Erklärungen des Professors zu verstehen, Murakami gibt sich allerdings große Mühe, es so nachvollziehbar wie möglich zu machen.

Die Charaktere sind typische Murakami-Charaktere: Einfache, aber intelligente Typen, Menschen wie du und ich. Ihre spezielle Begabung ist ihnen nicht angeboren, sondern wird ihnen erst gegeben. Sie werden durch Schicksal oder Zufall blind ins Abenteuer gestoßen, statt freiwillig den großen Helden spielen zu wollen. Das macht es so schön, ihnen zu folgen, mit ihnen zu zittern und zu bibbern und bis zur allerletzten Seite zu hoffen, dass es gut für sie ausgeht.

Sprachlich ist dieser Roman völlig anders als zum Beispiel Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Besonders in den Kapiteln, die am Ende der Welt spielen, zeigt Murakami, wie poetisch seine Sprache sein kann:
Frühling und Sommer gingen vorüber, und als das Licht matte Klarheit bekam und die ersten Herbstwinde im stockenden Flusswasser kleine Wellen aufwarfen, machte sich der Wandel im Aussehen der Tiere bemerkbar. Die goldenen Stellen tauchten zunächst vereinzelt auf, wie ein paar zufällig und zur Unzeit sprießenden Pflänzchen, doch bald wurden daraus unzählige Fühler, die das kurze Fell durchsetzten, um schließlich alles in leuchtendes Gold zu hüllen.

Murakami auf seinem Höhepunkt

Wer noch keinen Roman von ihm gelesen hat, sollte mit Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt einsteigen – er wird begeistert sein. Wer die Pilgerjahre gern gelesen hat, wird sich ganz neu verlieben. Wer sie nicht mochte, wird seine Meinung über Murakami durch diesen Roman ändern. Sympathische Charaktere, eine tolle Sprache, unglaublich interessant gestaltete Welten und eine Geschichte, die einen bis zur letzten Seite fesselt – das ist Murakamis Meisterwerk.

5sterne

7 thoughts on “Haruki Murakami – Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

  1. Das allergrößte Buch von Murakami!
    Alles was nach After Dark kam, war sehr enttäuschend für mich. Besonders die IQ-Bücher und diese faden Pilgerjahre.
    Aber dieses hier würde ich immer wieder lesen und uneingeschränkt jedem weiter empfehlen.

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      1. Also von Murakami selbst kann ich noch ganz dolle Wilde Schafsjagd empfehlen, Tanz mit dem Schafsmann und Naokos Lächeln, aber die sind alle wieder ganz ganz anders als HBW. Aber auch wunderschön!

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      2. Danke! 🙂 Wilde Schafsjagd und Tanz mit dem Schafsmann hatte ich bisher noch nicht auf dem Schirm, aber sie klingen wunderbar verrückt! Hier steht noch Kafka am Strand herum und wartet darauf, endlich von mir gelesen zu werden. Hast du das auch schon gelesen?

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