Jeff Vandermeer – Borne

Jeff Vandermeer Borne Rezension

Eine Welt voller mutierter Kinder und einem riesigen fliegenden Bären. Auch mit Borne zeigt Jeff Vandermeer, dass Genre-Grenzen für ihn keine Rolle spielen.

In der nahen Zukunft überlebt Rachel, indem sie in einer zerstörten Stadt nach Überresten von Biotech-Abfall sucht. Dabei wird der Ort von dem riesenhaften Bären Mord heimgesucht. Im Fell von Mord findet Rachel eines Tages ein Wesen, dessen Anziehung sie nicht widerstehen kann. Sie nennt es Borne und ahnt nicht, wie sehr es nicht nur ihr Leben verändern wird, sondern auch die ganze Stadt.

Bereits mit seiner Southern-Reach-Trilogie hat Jeff Vandermeer bewiesen, dass er in der Lage ist, ein außergewöhnliches Szenario voller Geheimnisse zu kreieren. Dasselbe gelingt ihm auch mit seinem Werk Borne. Der Mix aus Sci-Fi, Fantasy und Postapokalypse spielt in einer nicht näher benannten Stadt, die von einem riesigen, fliegenden Bären namens Mord kontrolliert wird. Die einzige, die sich traut Widerstand zu leisten, ist die ominöse Magierin, die immer mächtiger wird und dabei allerdings auch nicht gerade rücksichtsvoll vorgeht. In dieser Welt müssen Rachel und ihr Partner Wick überleben.

Rachel hat nur wenige Erinnerungen an ihren Weg in die Stadt. In einem Gebäude namens Balcony-Cliffs leben sie und Wick unter ständiger Vorsicht. Der Bär Mord ist eine Erschaffung einer namenlosen Biotech-Firma, deren Experimente zu Verwerfungen geführt haben. Und anders als der Name vermuten lässt, sorgt Mord nicht nur für Tod, sondern auch für Leben. Im Fell des hochhausgroßen Bären sammeln sich Essenreste, Kadaver und andere Dinge, welche die ums Überleben kämpfenden Einwohner der Stadt gebrauchen können. Hier findet Rachel auch ein Wesen, das sie zunächst an eine Seeanemone denken lässt und auf den Namen Borne tauft.

Ich fand Borne an einem sonnigen, stahlblauen Tag, als der riesige Bär Mord sich in der Nähe unseres Zuhauses herumtrieb – Zunächst war Borne für mich etwas, das wir vielleicht verwerten konnten. Ich wusste nicht, was Borne für uns bedeuten würde. Ich konnte nicht wissen, dass er alles verändern würde. Mich inklusive.

Schnell wird klar: Borne ist intelligent, wissbegierig und beschützt Rachel. Doch was er genau ist, weiß wohl niemand. Während Rachel sich immer mehr zu dem Wesen hingezogen fühlt, das seine Formen beliebig wechseln kann und immer größer wird, ist Wick von Beginn an misstrauisch. Vandermeer setzt vor allem auf Beschreibungen, wer unbedingt für alles Erklärungen braucht, wird mit Borne nicht glücklich. Vieles muss sich der Leser selber erschließen, wenn es denn überhaupt möglich ist. Dabei steht vor allem das Innenleben von Rachel im Mittelpunkt, die auch als Ich-Erzählerin fungiert und so lesen wir in erster Linie ihre Geschichte, die viel von ihren Beziehungen zu Wick und Borne handelt. Einen Großteil seiner Spannung bezieht der Roman ebenso aus den Geheimnissen, welche die Protagonisten voreinander haben, so dass manchmal ein Thriller-Gefühl aufkommt. Denn auch wenn Rachel und Wick zusammenarbeiten und miteinander schlafen, ist ihr Verhältnis sehr undurchsichtig.

Vertrauen aber bedurfte auch eines gewissen Verrats. Lange bevor ich auf Borne stieß, hatte ich Wicks Quartier durchsucht, während er draußen seine Drogen verkaufte. Ich nehme an, er hatte dasselbe bei mir getan, aber wer weiß? Über diesen Aspekt des Vertrauens redet man nicht mit demjenigen, den es betrifft.

Auch was die Umstände der Welt angeht, finden sich nur Andeutungen, die in Richtung Klimawandel und Krieg weisen. Ebenso ist es mit Borne. Wofür wurde er erschaffen? Was ist er überhaupt? Woher kommt er? Alles drängende Fragen, die einer Antwort bedürfen. In manchen Abschnitten scheut der Roman auch nicht vor schwierigen Fragen zurück, wie etwa danach, was ein Monster ist und ob der Mensch nicht das größte Monster von allen ist.

Mit Borne bewegt sich Jeff Vandermeer gekonnt zwischen verschiedenen Genres und erzählt sowohl spannend als auch intelligent von Beziehungen und dem Überleben in einer zerstörten Welt. Dabei überlässt er vieles der Fantasie seiner Leser und verzichtet darauf, alles zu erklären.

1 comment

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  1. Rückblick: Lesemonat Mai – Letusredsomebooks

    […] In einer nahen Zukunft überlebt Rachel als Sammlerin von Überresten in einer zerstörten Stadt, die von einem Riesenbären heimgesucht wird. Bei ihren Streifzügen findet sie im Fell des Bären das Wesen Borne, das nicht nur Rachels Leben, sondern das der ganzen Stadt verändern wird. Vandermeer erzählt spannend, in einem abwechslungsreichen Szenario von Beziehungen, die auf die Probe gestellt werden. Dabei überlässt er vieles der Fantasie und der Interpretation seiner Leser. Ein sehr lesenswerter postapokalyptischer Roman, den wir hier bereits rezensiert haben. […]

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