Jeff Vandermeer – Auslöschung

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Die Schrecken des Unbekannten. Im Auftakt seiner Southern Reach Trilogie spielt Jeff Vandermeer mit der Fantasie seiner Leser. Auslöschung ist ein spannendes und forderndes Leseerlebnis.

Seit einem mysteriösen Ereignis ist das Gebiet, das Area X genannt wird, von einer unsichtbaren Grenze umgeben. Was dahinter geschieht, weiß niemand genau. Gerüchte besagen, dass sich die Natur immer weiter ausbreitet und die Reste der menschlichen Zivilisation überwuchert. Zuständig für das Gebiet ist die Organisation Southern Reach, die immer wieder Expeditionen in die Area X entsendet. Die nun zwölfte Gruppe, die in das Gebiet geschickt wird, besteht aus vier Frauen: einer Psychologin, einer Biologin, einer Landvermesserin und einer Anthropologin. Ihre Aufgabe ist es, die Geheimnisse der Region zu erforschen.

In Jeff Vandermeers Mystery-Thriller Auslöschung begegnen dem Leser Rätsel und Geheimnisse an jeder Ecke. Die genaue Lage der Area X wird nicht genannt, vermutlich irgendwo in Nordamerika. Unter Leitung der Psychologin sollen die vier Frauen die Gegend erkunden und Messungen durchführen und ihre jeweiligen Beobachtungen möglichst genau in einem Tagebuch festhalten. Wie schwer sich die Erforschung gestaltet, wird schon bald klar. Die Natur wirkt ungezügelt, holt sich zurück, was von Menschen bebaut wurde und verändert alles Leben. Auch das der menschlichen Eindringlinge. Bei ihren Erkundungen stoßen die Frauen auf einen geheimnisvollen Tunnel oder Turm, in dem etwas an die Wand geschrieben wurde, in Form von Pflanzen. Die Worte erinnern an altertümliche Prophezeiungen:

Wo liegt die alles erstickende Frucht die aus der Hand des Sünders erwuchs Ich werde die Saat der Toten gebären und mit den Würmern teilen die in der Dunkelheit sich versammeln und die Welt mit der Macht ihrer Leben umzingeln während in düsteren Gängen anderer Orte Formen die niemals waren und niemals sein durften sich mit der Ungeduld der Wenigen krümmen die nie erblickten was hätte sein können…

Jeff Vandermeer gelingt es unheimlich gut, mit der Phantasie des Leser und dem verborgenen Horror der Area X zu spielen. Selten war mir beim Lesen so mulmig zu Mute wie hier. Es passieren eigentlich selten ‚schlimme‘ Dinge, aber ständig war ich in Erwartung der drohenden Katastrophe und Schrecken. Viel dazu beigetragen hat die gut konstruierte Erzählperspektive. Der Leser liest den Bericht der Biologin. Erst nach und nach werden ihre eigenen ganz persönlichen Gründe deutlich, die sie dazu bewogen haben, sich freiwillig für die Mission zu melden. Die Informationen gibt sie dabei nur selektiv preis: bereits zu Beginn schreibt sie, dass zwei der anderen Frauen bald tot sind. Dabei nähert sie sich der Area X scheinbar mit Distanz, trotzdem blieb bei mir immer das Gefühl, dass sie etwas verschweigt und eigentlich schnell von dem Gebiet korrumpiert wurde. Sie entdeckt fremde Organismen, sieht in den Gesichtern der Tiere menschliche Augen und ist völlig im Bann der Küstenlandschaft und der Schönheit der Natur. Dabei muss sie feststellen, dass der Expedition längst nicht die ganze Wahrheit über das Gebiet mitgeteilt wurde. Hinter jedem Motiv scheint eine tiefere Bedeutung zu stehen, dabei werden viele Fragen aufgeworfen, die aber oft unbeantwortet bleiben müssen. Hier wird vieles dem Leser und seiner eigenen Interpretation überlassen.

Bei aller Sachlichkeit gelingt Vandermeer aber auch ein sehr stimmungsreicher Roman, der seine Schrecken nicht so einfach offenbart. Das Grauen liegt hier im Unbekannten. Ein großer Reiz beim Lesen liegt darin, die Biologin in ihren Überlegungen zu beobachten und ihr zu folgen. Ständig habe ich mir die Frage gestellt, ob sie in der Area X die Grenze zum Wahnsinn überschritten hat und wenn ja, an welcher Stelle es passiert ist. Denn dass sie sich immer mehr verändert, ist nicht zu übersehen. Ihr Hauptproblem ist, dass sie über keine Möglichkeit verfügt, die Natur zu beschreiben oder ihren Zustand zu analysieren. Anscheinend lässt sich ihr Erleben nicht mit rationalen Sätzen beschreiben. Damit stellt sich aber auch die Frage, inwiefern sie als Erzählerin überhaupt vertrauenswürdig ist und was sie vielleicht in ihrem Bericht aus verschiedenen Gründen verschwiegen hat.

Das Meer erstrahlte im Licht, aber die reine Schönheit konnte mich nicht mehr täuschen. Dieser Ort hatte im Laufe der Zeit viele Menschenleben gehen sehen, Menschen, die freiwillig ins Exil oder Schlimmeres gegangen waren. Über allem lag der grausige Geist ungezählter verzweifelter Kämpfe. Warum wurden wir immer noch hierher geschickt? Und warum gingen wir immer noch? Eine Zeile aus einem Song fiel mir wieder ein: All this useless knowledge.

Auslöschung ist ein sehr gut gelungener Auftakt der Southern Reach Trilogie. Mithilfe der Perspektive schafft Jeff Vandermeer eine spannende Mischung aus Science-Fiction, Fantastik und Mystery, die ihre Schrecken erst nach und nach offenbart und zu keinem Zeitpunkt plump daherkommt. Die Figuren stoßen an ihre Grenzen, sowohl körperlich als auch in Hinsicht auf ihren Erkenntnishorizont. Ein stimmungsvoller und intensiver Roman, der nicht nur für Genre-Fans interessant ist.

Auslöschung wurde vor kurzem mit Natalie Portman in der Hauptrolle verfilmt und läuft in Deutschland vermutlich ab dem 12. März auf Netflix. Inszeniert und adaptiert wurde die Verfilmung von Ex Machina-Autor und Regisseur Alex Garland.

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