Michail Bulgakow – Meister und Margarita

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Buchvorstellung: Mit seiner Neuübersetzung des Klassikers Meister und Margarita bietet Alexander Nitzberg eine neue Lesart des Werkes von Michail Bulgakow an, die versucht, die poetische Seite des Romans hervorzuheben.

Moskau zu Beginn der 1930er Jahre: Gemeinsam mit seinen Gehilfen begibt sich der Teufel in die Stadt und wirbelt die Metropole durcheinander. Im Varietétheater hinterlassen sie nicht nur Chaos, sondern stellen die Schwächen der Bürger der Stalinzeit bloß. Die Behörden sind mit ihren rationalen Versuchen der Erklärung zum Scheitern verurteilt. Die einzigen, die scheinbar der Unordnung entgehen können, sind der Meister, ein Schriftsteller, und seine Geliebte Margarita.

Der 1891 geborene Michail Bulgakow arbeitete zwölf Jahre lang an seinem Roman Meister und Margarita. Die letzte Fassung diktierte er seiner Frau kurz vor seinem Tod 1940. Das Buch konnte erst 1966 veröffentlicht werden, wurde durch die Zensur allerdings um ungefähr ein Achtel der Handlung gekürzt. Trotzdem verbreiteten sich auch die zensierten Seiten schnell unter den Lesern und wurden heimlich weitergereicht und gedruckt. Heute gilt der Roman als einer der wichtigsten Werke der russischen Literatur und als ein Meilenstein des magischen Realismus. Innerhalb kürzester Zeit wurde Meister und Margarita zu einem Kultbuch, das sich schnell verbreitete.

Der Teufel kommt in Gestalt des Magiers Woland nach Moskau und wird dabei von seinen Gehilfen begleitet, unter anderem dem sprechenden Kater Behemoth. Gemeinsam stellen sie das Leben in Moskau auf den Kopf. Für das Treiben findet keine offizielle Stelle eine Erklärung, die den fantastisch-satanischen Ereignissen gerecht wird. Hier wird die Bürokratisierung und die Korruption der Stalinzeit satirisch festgehalten. Eingebettet in die Handlung in Moskau ist ein Roman im Roman. Das Buch des Meisters. Hier wird erzählt, wie Pontius Pilatus Jesus eher unfreiwillig zum Tode verurteilt. Als Reaktion auf sein Buch wird der Meister in die Psychiatrie eingewiesen, wo er auf die Opfer des Teufels trifft. Margarita langweilt sich ohne ihren Geliebten und geht mit Woland einen Pakt ein, der es ihr ermöglichen soll, den Meister wiederzusehen.

Meister und Margarita wurde 2012 von Alexander Nitzberg neu übersetzt. Für ihn war der Text immer mehr poetisch und weniger prosaisch gewesen, was er versucht in seiner Übersetzung herauszuarbeiten. Sehr gut gelingt es ihm, die stilistischen Mittel und die poetischen Besonderheiten des Romans zu zeigen. So wird die Vielzahl an Metaphern ebenso deutlich wie die Besonderheit der Dialoge, in denen zu erkennen ist, dass der Autor ebenso als Dramatiker gearbeitet hat, und der besondere Rhythmus des Textes, der mit verschiedenen Klängen spielt. Zum Vergleich hier die ersten Sätze von Nitzberg im Gegensatz zur alten Übersetzung von Thomas Reschke. Bei Nitzberg heißt es:

Es war Frühling, eine heiße Dämmerstunde am Patriarchenteich. Zwei Herren zeigten sich. Der erste im grauen Sommeranzug. Ein brünetter Vierziger, klein, rundlich, beglatzt. Seinen recht ansehnlichen Hut hielt er zusammengedrückt in der Falte. Das glattrasierte Gesicht zierte eine überdimensionale dunkle Hornbrille. Der zweite ein junger Mann. Breite Schultern, struppiges rotes Haar unter einer weit nach hinten gezogenen Schirmmütze mit Schachmuster. Kariertes Hemd, zerknitterte weiße Hose, schwarze Latschen.

Wohingegen es in der alten Übersetzung lautet:

An einem ungewöhnlich heißen Frühlingstag erschienen bei Sonnenuntergang auf dem Moskauer Patriarchenteichboulevard zwei Männer. Der eine, etwa vierzig Jahre alt, trug einen mausgrauen Sommeranzug, war von kleinem Wuchs, dunkelhaarig, wohlgenährt und hatte eine Glatze; seinen gediegenen Hut, der wie ein Brötchen aussah, hielt er in der Hand und das glattrasierte Gesicht war mit einer überdimensionalen schwarzen Hornbrille geschmückt. Der andere, ein breitschultriger junger Mann mit wirbligem rötlichem Haar, hatte die gewürfelte Sportmütze in den Nacken geschoben und trug ein kariertes Hemd, zerknautschte Hosen und schwarze Turnschuhe.

Da ich selbst kein Russisch kann, ist es mir nicht möglich zu beurteilen, welche Übersetzung näher am Original ist und die Sprache Bulgakows am besten einfängt. Zumal im Jahr 2012 ebenfalls eine weitere Übersetzung von Eric Boerner erschienen ist, in der die ersten Sätze noch einmal deutlich anders klingen:

Eines Frühlings, zu der Zeit eines nie dagewesenen, heißen Sonnenuntergangs in Moskau, erschienen an den Patriarchenteichen zwei Bürger. Der erste von ihnen war mit einem sommerlichen grauen Zweiteiler bekleidet, war von kleinem Wuchs, wohlgenährt, kahl, seinen dazu passenden Hut trug er wie eine Pirogge in der Hand und auf dem gut ausrasierten Gesicht befand sich eine schwarze Hornbrille von übernatürlichen Ausmaßen. Der zweite – ein breitschultriger, rotblonder, zotteliger junger Mann mit einem keck in den Hinterkopf geschobenen kariertem Käppi – trug ein Cowboyhemd, zerknautschte weiße Hosen und schwarze Turnschuhe.

Mir persönlich gefällt der Ton des letzten Beispiels am wenigsten, da er für mich zu modern klingt. Was mir an der Ausgabe von Nitzberg sehr gut gefallen hat, ist der ausführliche Anhang, in dem der Übersetzer viel zu seiner persönlichen Motivation erzählt, den Roman und seine Geschichte einordnet, Probleme der Übersetzung aufzeigt und sich ausführlich mit den verschiedenen Versionen des Werks auseinandersetzt. Die Arbeit und die Gedanken, die er sich bei diesem Projekt gemacht hat, werden so sehr gut sichtbar. Nitzberg schreckt auch nicht davor zurück, Fehler und Ungereimtheiten im Text aufzuzeigen. Ebenso empfehlenswert ist das Nachwort von Felicitas Hoppe.

Alexander Nitzbergs Neuübersetzung des Klassikers Meister und Margarita lädt dazu ein, dieses Werk der modernen Literatur für sich zu entdecken. Und für alle, die den Roman bereits kennen, bietet er eine neue poetischere Lesart an. Alleine der Satansball, an dem Margarita teilnimmt und bei dem sie dank einer Salbe wie eine Märchenhexe durch die Luft fliegt, ist eigentlich Grund genug, das Werk von Michail Bulgakow (neu) zu lesen.

9 Antworten auf „Michail Bulgakow – Meister und Margarita

  1. Mir gefällt ja die alte Übersetzung wesentlich besser als die neue. Wobei da ja unterschiedliche Leser unterschiedliche Präferenzen haben, und mein Chef war von der Neuübersetzung begeistert. Ständig lagen wir uns deshalb in den Haaren (ganz freundschaftlich natürlich) bis ich eines Tages eine russische Kundin hatte, die tatsächlich viel von Bulgakow im Original gelesen hatte. Ich hab ihr also beide Übersetzungen gegeben und sie hat meinte, daß die alte näher am Original wäre.
    Aber wie gesagt, wenn man schon die Wahl hat kann man sich ja einfach für das entscheiden, was einem am meisten liegt. ☺️

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    1. Ich finde es hier wirklich interessant, wie sehr sich der Anfang in den jeweiligen Übersetzungen an manchen Stellen unterscheidet. Mir gefällt sowohl die alte als auch die neue Version gut. Und wie du schon sagst, hat so jeder Leser die Wahl und kann selbst entscheiden, was ihm besser gefällt. Die ältere Übersetzung von Reschke ist ja immerhin von 1967, da war es vielleicht auch mal an der Zeit eine neuere Version zu bieten, die eben andere Besonderheiten des Stils betont. Und für große Bulgakow-Fans ist es sicherlich auch interessant, die verschiedenen Ansätze und Interpretationen miteinander zu vergleichen und so andere Lesarten für sich (neu) zu entdecken.

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  2. Meine aktuelle Lektüre! – Umso mehr freue ich mich darüber auf eurem Blog zu lesen.
    Ich studiere im dritten Semester Russisch und kann es kaum erwarten irgendwann die russischen Klassiker in ihrer Originalsprache zu lesen. Das wird dann nochmal ein ganz neues Erlebnis. :)

    Ganz liebe Grüße und noch viel Lesevergnügen
    Natascha

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