Martin Suter – Elefant

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Martin Suter ist zurück. Mit seinem neuen Roman Elefant begibt er sich auf ungewohntes Terrain – die Genmanipulation. Er hat eine temporeiche Geschichte über Moral und Profitgier, über zwischenmenschliche Beziehungen und den Zusammenhalt für eine gute Sache geschaffen.

Ein Kinderspielzeug. Ein Elefäntchen, rosarot, wie ein Marzipanschweinchen, aber intensiver. Und es leuchtete wie ein rosarotes Glühwürmchen.

Zürich. Schoch ist obdachlos und schläft in einer Höhle über dem Fluss. Als er eines Tages aufwacht, traut er seinen Augen kaum: ein kleiner, rosafarbener Elefant sitzt vor ihm und leuchtet schwach im Dunkeln. Wahrscheinlich zu viel oder zu wenig getrunken, lautet seine Selbstdiagnose. Doch der Elefant ist wirklich da, er kann ihn anfassen und ihn füttern. Schnell hat Schoch sein Herz verloren an die kleine Dame, die er Sabu tauft. Die Ruhe währt allerdings nicht lang. Der profitorientierte Genforscher Dr. Roux ist hinter Sabu her, seinem Experiment, das ihm entwendet wurde. Mit Hilfe des Zirkusdirektors Pellegrini und eines skrupellosen chinesischen Unternehmens versucht er, sein Experiment wieder zurückzuholen – notfalls mit allen Mitteln.

Als er an einer Überdosis starb, war sie im vierten Monat. Der untergewichtige Junge, den sie zur Welt brachte, wurde gleich nach seinem Drogenentzug zur Adoption freigegeben. Lilly blieb bei den Hündelern und verkaufte sich auf dem Drogenstrich, erhöhte ihre Dosen und vernachlässigte sich immer mehr. Inzwischen sah sie aus wie vierzig und fand keine Freier mehr mit ihren mageren zerstochenen Armen und ihren schlechten Zähnen.

Anfangs entführt Suter seine Leser in die Zürcher Obdachlosenszene – ein Ausflug, der für mich sehr viel neues bereithielt. Doch schnell wird klar, dass noch mehr folgt. Während zwischen Schoch und dem kleinen Elefanten eine wunderbare Freundschaft entsteht, wird, unter anderem in Rückblicken, immer wieder aus der Perspektive von Roux, dem Zirkusdirektor Pellegini oder dem Tierarzt, der sich um Sabus Geburt kümmern soll, berichtet. Nach und nach erfahren wir immer mehr über das fragwürdige Projekt, dass Roux durchführen möchte, über die Beteiligten und ihre verschieden ausgeprägten Moralkodexe. Gleichzeitig wird der Roman zum spannenden, ja rasanten Katz und Maus-Spiel. Roux gegen Schoch, wer schafft es, den anderen auszutricksen und das Forschungsobjekt Sabu für sich zu gewinnen?

Natürlich sagte er sich immer wieder, dass seine Motive durchwegs ethischer Natur waren. Hier hatte einer nicht in die Natur eingegriffen, um einen wissenschaftlichen Fortschritt zu erzielen, der Krankheiten heilen oder Leben retten sollte. Er hatte es getan, um eine Sensation zu erzeugen und damit womöglich ein Vermögen zu machen.

Die Protagonisten in Elefant sind großartig gestaltet. Der machthungrige Dr. Roux, die skrupellosen Chinesen und der sympathische Elefantenflüsterer Kaung tragen enorm zur Qualität der Geschichte bei. Einer jedoch steht unangefochten auf dem ersten Platz: Schoch. Trotz seines Alkoholproblems ist er äußerst liebenswürdig. Er ist eigen und hat gewiss auch seine Macken, aber als er den kleinen Elefanten bei sich aufnimmt, wird sein großes Herz sichtbar. Er kümmert sich mit Fürsorge um die kleine Sabu und macht sich mehr Gedanken um sie als um sich selbst. Er liebt das kleine Wesen und ist bereit, für dessen Sicherheit jedes Opfer zu bringen – ein wahrer Held.

Wir haben es hier zwar mit einer klassischen schwarz-weiß-Trennung der Charaktere zu tun, dennoch schmälert dies meines Erachtens weder den literarischen Wert noch das Lesevergnügen des Romans. Gerade weil Dr. Roux und Schoch so perfekt gegenteilig sind. Der Obdachlose, der alles tun würde, um Sabu zu beschützen, und sein Gegenspieler Dr. Roux, der der Welt sein Können beweisen und sich für die Demütigung in seiner Vergangenheit rächen möchte. Der selbstlose Held und der unmoralische Bösewicht. Sie sind nicht neu in der Literatur, aber hier komplementieren sie sich auf wunderbare Weise.

Je mehr er erfuhr, desto überzeugter war er, dass das, was Kaung und er getan hatten und taten, nicht nur vertretbar war. Es war ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, um die Lieblingsformulierung seines alten Professors für biomedizinische Ethik zu benutzen..

Nüchtern und schnörkellos schreibt Martin Suter, eine Sprache, die zu der wissenschaftlichen Thematik passt, auch wenn ganz viele Gefühle gegenüber der kleinen Elefantendame im Spiel sind. Immerhin geht es hier auch um ein wichtiges Thema – Genforschung – und vor allem um die moralischen Fragen, die damit einhergehen. Sollten wir rosa leuchtende Minielefanten „herstellen“, nur weil wir es potentiell können? Ein rosafarbener, im Dunkeln leuchtender Elefant in Schoßhündchen-Größe ist natürlich die Krönung der Überspitztheit, womöglich das beste Tier, was Suter hätte einfallen können. Trotzdem ist es nicht völlig realitätsfremd. 2015 wurde bekannt, dass chinesische Forscher menschliche Embryos genetisch verändert haben, um z.B. Erbkrankheiten schon vor der Geburt eines Kindes zu stoppen. Das klingt vernünftig, sinnvoll, „richtig“. Doch wann und wo hören wir dann auf? Vor allem, wenn Geld im Spiel ist? Was ist, wenn reiche Familien sich bei bestechlichen Unternehmen Kinder nach ihrem Geschmack erzeugen lassen? Haustiere nach ihrem Geschmack? Wo ziehen wir moralische Grenzen? Oder gibt es sie überhaupt?Martin Suters Roman schafft es, die alten Diskussionen wieder aufflammen zu lassen, denn sie sind keineswegs veraltet. Jahr für Jahr entwickelt sich die Forschung weiter und wir werden nicht zum letzten Mal mit solchen Fragen konfrontiert sein.

Ganz hoch anrechnen muss man Martin Suter seine Recherche für diesen Roman. In seiner Danksagung erfährt man, dass er mit Hirnforschern, Genforschern, Elefantenexperten, Obdachlosen und Experten für die künstliche Befruchtung von Elefanten gesprochen hat und ich muss sagen, dass sich die Vorarbeit ausgezahlt hat. Der Roman wirkt, trotz rosa Minielefant, authentisch.

Auch wenn es in Martin Suters großartigem Roman Elefant primär um Genforschung und Genmanipulation geht, ist es aber auch eine Geschichte über den Menschen, über Freundschaften und Beziehungen, über den Zusammenhalt von Individuen, gemeinsam „das Richtige“ zu tun, über die Hoffnung, die wir niemals aufgeben dürfen, und über solche – ob Mensch oder Tier – die plötzlich in unser Leben treten und es völlig auf den Kopf stellen, selbst in den dunkelsten Zeiten.

 

Interessanterweise wurde der Roman so gut wie gar nicht auf WordPress besprochen – zu Unrecht, wie ich finde. Zwei Rezensionen, beide positiv, findet ihr bei masuko13 und Livricieux.

6 thoughts on “Martin Suter – Elefant

  1. ICH WILL UNBEDINGT DIESES BUCH LESEN. „Elefant“ steht schon auf meiner Wunschliste seit ich es zum ersten Mal auf der „wird-bald-veröffentlicht“-Liste gesehen habe, ABER ES IST SO TEUER. Das Cover ist schlicht, aber traumhaft schön. PS: tolle Rezi! Ich bin auch überrascht, dass es so still um Martin Suter’s Buch ist und nicht viele bis jetzt hier auf WordPress darüber gesprochen haben. Happy reading! ❤

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    1. Danke dir! 🙂 Ich weiß auch gar nicht, was da los ist. Martin Suter ist ja einer der ganz großen deutschsprachigen Autoren, aber vielleicht schrecken viele das Cover und/oder die Thematik ab? Wirklich keine Ahnung. Das mit dem Preis stimmt leider, mittlerweile kommen Neuerscheinungen ja auch gar nicht mehr als Taschenbücher sondern nur noch gebunden raus (zumindest ein Großteil). Das geht ganz schön ans Geld. Wenn du Glück hast, gibt es Elefant ja in deiner Stadtbücherei oder so?! Auf jeden Fall viel Spaß, wenn es bald den Weg zu dir findet!

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  2. Ich hab Suter auf der Messe beim Leipzig liest-Abend gesehen. Hatte da schon mit dem Elefanten geliebäugelt – ihn dann aber nach der Messe und ihm Unistress wieder vergessen. Da muss ich wohl demnächst doch mal in der Buchhandlung vorbeischauen…
    Danke für die Erinnerung 🙂
    Vg Jennifer

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    1. Ui, toll! Wie war’s denn? 🙂
      Sehr gerne, es ist ein fantastischer Roman und sollte definitiv nicht in Vergessenheit geraten. Und so lang ist er ja auch nicht, außerdem mit ziemlich kurzen Kapiteln, also selbst wenn man gerade viel zu tun hat schnell verschlungen. 🙂

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      1. Bald sind eh Semesterferien 😉
        Toll war der Abend! Suter war wirklich sehr spannend (ich kannte ihn vorher gar nicht) und auch was er so zum Buch erzählt hat, klang super…
        Ich war eigentlich wegen Jostein Gaarder da, der leider nicht so überzeugend war…

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  3. […] Atwood verbindet moralische Aspekte der Genforschung, des Menschenhandels, des Eingriffs in die Natur, des Kapitalismus, des Strebens nach Perfektion und Unsterblichkeit sowie der Zerstörung unseres Ökosystems mit den Ängsten um eine untergehende Zivilisation. Klug bewegt sie sich zwischen den Zeiten, der hochtechnologisierten nahen Zukunft und der unzivilisierten fernen Zukunft, welche gar nicht mal so lange auseinander zu liegen scheinen. Ihr ist erneut eine intelligente Zukunftsvision gelungen, die gar nicht so abwegig ist. Auch jetzt beschäftigt sich die Forschung mit dem Klonen von Tieren, sowie der Züchtung menschlicher Körperteile an den Körpern von Mäusen. Warum also keine Schweine, an denen in kürzester Zeit menschliche Organe wachsen (daran wird schon gearbeitet)? Warum keine Schlatten, Kreuzungen aus Schlangen und Ratten, oder Hunölfe – halb Hunde, halb Wölfe, ohne Grund, einfach weil wir es können, ähnlich wie der rosafarbene Minielefant aus Martin Suters Roman? […]

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