Unsere besten Bücher 2020

Unsere besten Bücher 2020 - literarische Jahreshighlights

2020 – was für ein Jahr! Nicht nur in der Welt hat sich viel getan, sondern auch bei uns. Unser Lesetempo hat zwischendurch ordentlich abgenommen und auf dem Blog erscheinen deutlich seltener neue Beiträge. Dafür haben wir in diesem Jahr unsere Leidenschaft für Sachbücher zu gesellschaftlichen Themen entdeckt und unser Interesse für Kurzgeschichten vertieft. Trotz zahlreicher mittelmäßiger Lektüren konnten wir ein paar eindeutige Highlights ausmachen und wollen sie euch im Folgenden vorstellen.

Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

Das Buch ist zwar als Roman benannt, ist formell gesehen aber ein Brief, den Vuong an seine Mutter schreibt, obwohl, oder vielleicht auch gerade weil, diese ihn als Analphabetin mit spärlichen Englischkenntnissen nicht lesen kann. Fragmentarisch und assoziativ folgt der junge vietnamesisch-amerikanische Schriftsteller seinen Erinnerungen an seine Kindheit, entfremdet und von anderen Schülern ausgegrenzt, sprach- und machtlos, während seine Mutter Rose sich in den Nagelstudios körperlich zugrunde schuftet und seine Großmutter, Lan, versucht mit ihrem Kriegstrauma zu leben, zu überleben.

Ocean Vuong, der schon für seine Lyrik mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde, hat mit seinem Debütroman Auf Erden sind wir kurz grandios ein, wie der Titel schon verrät, grandioses Werk über Identität, Heimat, Familie, Gewalt, Erinnerungen und Liebe geschaffen. Am liebsten möchte man sich in seine poetische Prosa einwickeln wie in eine Decke. Und nie mehr darunter hervorkommen.

Julia Armfield – Salt Slow

Neun Kurzgeschichten, neun Protagonistinnen: Julia Armfield beleuchtet alltägliche und nachempfindbare Themen wie Veränderung, Liebe, Tod, Zweifel, Erwachsenwerden und Trauer in völlig ungewohnten Szenarien. Eine Frau verbarrikadiert sich während des Scheidungsprozesses im Strandhaus ihres Noch-Ehemannes, ein Mädchen lebt fortan mit ihrer Stiefschwester, dem Wolf, zusammen, ein Paar bringt auf einem Boot in einer postapokalyptischen Welt ihr Kind zur Welt, eine Girlband tourt durch Großbritannien und scheint ihre ausschließlich weiblichen Fans durch ihre Musik zu manipulieren, die vor wenigen Wochen verstorbene Partnerin klopft plötzlich an die Wohnungstür – schlammbeschmiert, die Knochen durch die Haut scheinend und immer noch verdammt tot.

Mit Julia Armfield habe ich ein völlig neues literarisches Talent im Bereich der Short Stories entdeckt. Salt Slow ist einer der besten Kurzgeschichtenbände, die ich in den letzten Jahren gelesen habe: sprachlich und atmosphärisch dicht, voller Symbolik und düster-verrückter Ideen. Ich bin schon sehr darauf gespannt, was als nächstes von ihr erscheinen wird und hoffe, dass ihre großartigen Erzählungen irgendwann auch ins Deutsche übersetzt werden.

Caroline Criado-Perez – Unsichtbare Frauen

„Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ fasst der Untertitel Caroline Criado-Perez‘ Sachbuch Unsichtbare Frauen perfekt zusammen. Denn genau darum geht es hier: um zahlreiche Daten, Statistiken und Informationen, die uns zeigen, dass Entscheidungen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft aus verschiedenen Gründen auf den Erfahrungen, Erlebnissen und auch körperlichen Konstitutionen von Männern basieren. Medikamente werden hauptsächlich an Männern getestet, Produkte der Verkehrs- und Arbeitssicherheit sind ebenfalls fast gänzlich am männlichen Körper orientiert und selbst Voice Assistant Technologien sind nicht auf die Stimmen von Frauen abgestimmt, sodass sie potenzielle Gefahrenquellen im Alltag darstellen.

Caroline Criado-Perez Sachbuch Unsichtbare Frauen ist eine interessante Lektüre, die vollgepackt mit spannenden Fakten und Daten ist. Sie ist wahnsinnig informativ, gleichzeitig offenbart sie auch schockierende Ergebnisse, die einen beim Lesen extrem frustrieren können. Ein wichtiges Buch, das uns die geschlechterspezifische Datenlücke vor Augen führt und zeigt, dass es schon lange an der Zeit ist, daran etwas zu ändern.

Nana Kwame Adjei-Brenyah – Friday Black

Friday Black versammelt zwölf verschiedene Geschichten mit unterschiedlichen Protagonisten. Alle von ihnen sind PoC und erleben in ihrem Alltag Rassismus und eskalierende Gewalt. Ein Black Friday läuft komplett aus dem Ruder, ein Vergnügungspark à la Westworld wird gegründet, in dem Weiße „Problembewältigung, Recht und Urteilsvermögen“ lernen, indem sie Schwarze töten. Es gibt ein haarsträubendes Rechtsurteil, das zu gewalttätigen Ausschreitungen und Morden führt, ein angehender Autor verfügt durch einen Pakt mit dem zwölfzüngigen Gott über ungeahnte Kräfte, zwei Föten bleiben nach der Abtreibung bei ihren „Eltern“. Eine Gesellschaft, in der nach den großen Kriegen nur noch die Wahrheit ausgesprochen wird, pumpt alle mit chemischem „Glück“ voll (man denke an das Soma aus Schöne neue Welt oder die Seife aus Der Wolkenatlas) und eine Stadt erlebt immer wieder, gefangen in einer Zeitschleife, ihre eigene Zerbombung, während zwei Jugendliche die Freiheit von jeglichen Konsequenzen dazu nutzen, ihre Mitbürger zu foltern.

Nana Kwame Adjei-Brenyahs Storys in Friday Black sind harte Kost, keine Frage. Es sind bizarre und schockierende Szenarien, die der Autor hier entwirft. Auf extrem innovative wie beeindruckende Art setzt er sich mit den Themen Konsum, Gewalt und Rassismus auseinander und auch wenn seine Geschichten auf den ersten Blick unheimlich überspitzt wirken, zeigen sie dennoch ein trauriges Bild unserer jetzigen Realität.

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Sibylle Berg – GRM

Der neue Roman GRM – Brainfuck von Sybille Berg beginnt in Rochdale, Großbritannien, in einer nahen Zukunft. Rochdale ist ein Ort, in dem der Neoliberalismus gründlich gearbeitet hat. Die vier Jugendlichen und Protagonisten Don, Karen, Peter und Hannah haben es am eigenen Leib erfahren. Sie sind Außenseiter in einer Gesellschaft, in der sie keinen Platz mehr finden. Das einzige was ihnen scheinbar noch Hoffnung gibt, ist die neue Musikrichtung Grime, die täglich Stars bei YouTube hervorbringt und der Jugend ständig neue Vorbilder bietet, im Roman als „wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben“ charakterisiert. Als die vier erkennen, dass es in ihrer sogenannten Heimat keine Zukunft mehr gibt, brechen sie nach London auf, um außerhalb des Systems eine Möglichkeit des Überlebens zu finden.

Auch wenn Berg keine Lösung für die von ihr geschilderten Probleme bieten kann, trifft einen der Roman mit seiner ganzen Wucht. Die größte Stärke ist allerdings nicht die Handlung, sondern die umfassende Gesellschaftsdarstellung mit ihrer Vielstimmigkeit. Der scharfe Blick der Autorin ist dabei ebenso aufrüttelnd wie besorgniserregend. Sybille Bergs GRM ist ein bemerkenswerter Roman der Gegenwart, um den kein Weg herumführt.

George Saunders – Zehnter Dezember

Ob White Trash, eine Mittelschicht-Familie mit Aufstiegswünschen, die Kapitalisierung von Gefühlen oder der einsame, verquere Außenseiter, der aus der Kontrolle seiner Eltern ausbricht: George Saunders in Zehnter Dezember versammelte Kurzgeschichten erzählen aus der Mitte der modernen amerikanischen Gesellschaft heraus.

George Saunders, der 2018 mit seinem Roman Lincoln im Bardo seinen großen Durchbruch in Deutschland hatte, überzeugt auch mit seinen vorher erschienenen Erzählungen aus dem Band Zehnter Dezember. Mit stilistischer wie sprachlicher Kreativität und außergewöhnlichen Szenarien vermag er es, seine Leser gleichsam zu schockieren und wunderbar zu unterhalten. Die zehn Storys sind düster und hart – nicht gerade das, was man Wohlfühllektüre nennt –, eine qualitativ hochwertige Mischung aus dystopischer Zukunft und grausamer Gegenwart, beängstigend und realistisch zugleich. Ein brillantes Buch über Verluste und Niederlagen in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Sally Rooney – Normale Menschen

Marianne und Connell leben in einer Kleinstadt in der Nähe von Sligo an der irischen Westküste. Sie gehen in eine Klasse, doch haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Mariannes Eltern sind wohlhabend und sie ist eine völlige Außenseiterin, Connell ist beliebt und sportlich – und seine Mutter putzt für Mariannes Familie. Obwohl sie sich in der Schule meiden, nähern sich die beiden in Mariannes Haus an, bis es zu einer geheimen Affäre kommt. Über mehrere Jahre hinweg sind Marianne und Connell zusammen, wieder getrennt, schlafen miteinander und versuchen, ihre Freundschaft aufrecht zu erhalten. Während sie langsam erwachsen werden und versuchen, sich selbst zu finden, umkreisen sie sich ständig und verletzen sich gegenseitig, obwohl sie die ganze Welt des jeweils anderen sind.

Sally Rooney hat mit ihrem neuen Roman Normale Menschen ein wirklich großartiges Werk geschaffen. Nachdem ich von Gespräche mit Freunden wenig begeistert war, muss ich nun meine Meinung über die irische Autorin revidieren: ja, sie hat Talent, und was für eines! Trotz kühler und distanzierter Schreibweise schafft sie es, ihre Figuren lebendig werden zu lassen. Ich hätte nie gedacht, dass mich die On/Off-Beziehung und Freundschaft zweier fiktiver junger Menschen so sehr mitreißen würde. Dieser Roman geht unter die Haut, indem er die zutiefst verletzlichen und zerbrochenen Seelen seiner Protagonisten seziert. Normale Menschen ist bisher eines meiner Jahreshighlights und ein unglaublich repräsentatives Werk zeitgenössischer Literatur.

Cormac McCarthy – Kein Land für alte Männer

In der texanischen Wüste stößt der Jäger Llewelyn auf ein Blutbad, das Resultat eines gescheiterten Drogendeals. Er findet zerschossene Pick-ups, Leichen und am Ende einer Blutspur entdeckt er einen Koffer mit über 2 Millionen Dollar. Llewelyn beschließt, das Geld zu behalten und begeht den Fehler, in der Nacht zum Tatort zurückzukehren. Er gerät in das Visier verschiedener Banden und eines Psychopathen.

Mit seinem szenisch geschriebenen Roman Kein Land für alte Männer hat Cormac McCarthy die perfekte Vorlage für den gleichnamigen Film geliefert. Durch die Inszenierung und sprachliche Präzision lässt er Leser genauso sprachlos zurück wie seine Figuren, die angesichts der Brutalität zu verstummen scheinen. Am Ende erreicht er nicht ganz das Niveau von Die Straße und Die Abendröte im Westen. Dafür ist dieser Roman zugänglicher und setzt sich ebenso mit philosophischen Fragen auseinander, wenn auf melancholische und düstere Weise.

Bernardine Evaristo – Girl, Woman, Other

Bernardine Evaristo, die 2019 den Booker Prize und dieses Jahr den British Book Award erhielt, erzählt in ihrem Roman Girl, Woman, Other aus den Leben 12 verschiedener Frauen in Großbritannien. Die meisten von ihnen sind Women of Color, repräsentieren ein weites Spektrum der LGBTQ Community und müssen sich unterschiedlichen Konflikten in der Familie, Partnerschaft, Karriere und in den sozialen Strukturen Großbritanniens stellen.

Der Stil des Romans war zunächst extrem gewöhnungsbedürftig, ist er irgendwo zwischen Prosa und Lyrik verankert. Gewöhnt man sich nach einiger Zeit aber daran, fühlt es sich sehr persönlich und intensiv an, als würde man sich selbst mit den Protagonistinnen unterhalten. Trotz der zum Teil sehr schweren Thematiken ist es ein lockeres Buch mit viel Humor, der nie unpassend erscheint. Bernardine Evaristos Girl, Woman, Other ist ein brillanter Roman über Frausein, Zusammenhalt, Rassismus, Identität, Gender und Sexualität, Freundschaft und Familie, Schmerz und Leid, die eigenen Wurzeln und die moderne britische Gesellschaft.

Was sind eure Lesehighlights des Jahres? Welche Bücher konnten euch besonders begeistern – oder haben euch im Gegenteil besonders enttäuscht?

1 comment

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  1. Konstantin

    Vielen Dank für diesen Rückblick. Manchmal wünschte ich, ich hätte noch Raum für sowas. Ich habe dieses Jahr viele weibliche Autoren gelesen, sehr viel Sachbuch – so viel wie nie. Das Buch „Unsichtbare Frauen“ hat mich begeistert, ähnlich wie auch „Im Grunde gut“ das ich ebenfalls las und „1918 – die Welt im Fieber“ war interessant v.a. zu Beginn der Pandemie.

    „GRM“ liegt hier bereit, ist aber noch ungelesen, bei Sibylle Berg habe ich allerdings wenig Zweifel das es gut wird. Gern erinnere ich mich an eine Lesung vor einigen Jahren in Hamburg, tolle, kluge Frau! „Normal People“ sollte nich eigentlich als Geburtstagsgeschenk erhalten, das kam allerdings nie an und ich habe bereits so viele gute Besprechungen gelesen – dabei wollte ich doch erst das Buch lesen bevor ich in die Fernsehserie reinschaue …

    „Friday Black“ und „Girl, Woman, Other“ sind Dank dieses Rückblicks nun auch auf meiner Leseliste gelandet… Danke dafür!

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