Sibylle Berg – GRM

Sibylle Berg GRM Rezension

Sybille Berg erzählt mit einem unerbittlichen Blick auf unsere Gegenwart. GRM ist hart, aufrüttelnd und unbedingt lesenswert.

Der neue Roman GRM von Sybille Berg beginnt in Rochdale, Großbritannien, in einer nahen Zukunft. Rochdale ist ein Ort, in dem der Neoliberalismus gründlich gearbeitet hat. Die vier Jugendlichen und Protagonisten  Don, Karen, Peter und Hannah haben es am eigenen Leib erfahren. Sie sind Außenseiter in einer Gesellschaft, in der sie keinen Platz mehr finden. Das einzige was ihnen scheinbar noch Hoffnung gibt, ist die neue Musikrichtung Grime, die täglich Stars bei YouTube hervorbringt und der Jugend ständig neue Vorbilder bietet, im Roman als „wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben“ charakterisiert. Als die vier erkennen, dass es in ihrer sogenannten Heimat keine Zukunft mehr gibt, brechen sie nach London auf, um außerhalb des Systems eine Möglichkeit des Überlebens zu finden.

Nein, GRM ist kein fröhlicher oder positiver Roman – ganz im Gegenteil. Die Gesellschaft wird immer autokratischer, Digitalisierung, Klimawandel, soziale Verwerfungen, die Angst vor Fremden und Automatisierung von Arbeit fordern ihren Preis. Wer auf der Strecke bleibt oder nicht aus einer reichen Familie stammt, ist halt selber schuld, er hätte ja mehr arbeiten können. Auch wenn im Verlauf das Grundeinkommen eingeführt wird, ist es letztlich nur ein Vorwand, um die Bürger besser beherrschen und überwachen zu können.

Die kommende Generation würde aus den psychotischen Ex-Kindern aus armen Verhältnissen, den Ritalin-durchgedrehten psychotischen Ex-Kindern aus untergehenden Mittelstandsfamilien und den sadistischen Ex-Kindern aus der Oberschicht bestehen und wäre gut gerüstet für das neue Zeitalter.

Berg konzentriert sich in großen Teilen auf das Milieu der verarmten Bürger, deren Kinder in den Sozialämtern niemand mehr auf dem Schirm hat. Ihre Geschichten sind geprägt von Gewalt, sexuellem Missbrauch, Drogen und Einsamkeit. Beim Lesen entsteht fast der Eindruck, dass die Not und die Gewalt, der die Kinder ausgesetzt sind, der übertriebenen Vorstellungskraft der Autorin entspringen, doch Sybille Berg bezieht sich dabei auf reale Vorkommnisse wie den Brand im einen Londoner Hochhaus oder den über Jahre andauernden sexuellen Missbrauch durch Banden in Rochdale. Gewalt ausgehend von Männern ist ein Thema, das sich durch den gesamten Roman zieht. Berg legt den Fokus auf die Schrecken, etwas Positives ist über einen langen Zeitraum kaum zu finden.

Bereits auf den ersten Seiten wird ein ebenso zynischer wie scharfer Blick auf die letzten knapp zwei Jahrzehnte geworfen, der mit seiner Dichte sofort klar macht, wohin die Reise geht: in eine unmittelbare Zukunft, in der alle negativen Entwicklungen der Gegenwart noch einmal deutlich verstärkt wurden. Die Protagonisten und Figuren werden alle auf die gleiche Art eingeführt, anhand einer kurzen sarkastischen Beschreibung und Attributen: „Hannahs Vater. Ethnie: asiatisch. Hobbys: Katzenvideos. Gesundheit: endogene Depression nach Verlust. Politische Neigung: keine. Verwertbarkeit als Konsument: null.“.

Da lobt man sich eine Kindheit in absoluter Einsamkeit. Eine Furchtlosigkeit umgibt die vier, die gelernt haben, dass es immer schlimmer werden kann, und die darum nichts fürchten. […] Sie glauben nicht an das fucking System und vertrauen nur sich. Personen, die eine Kindheit ohne Liebe in Armut und umgeben von Brutalität überlebt haben, erwarten keine Geschenke.

Auch wenn die satirischen Spitzen dem Roman einen gewissen Unterhaltungswert verleihen, ist die Gewalt und Verrohung der Gesellschaft so allgegenwärtig, dass Lachen eigentlich nicht angebracht ist. Und das betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche wie die Figur der „achtjährigen Nutte“, die keine Ahnung hat, wie das Leben außerhalb ihres Gefängnisses aussieht, sondern in ebensolchen Maße die Erwachsenen, die wahlweise vom Staat, von der Gesellschaft oder von ihren Männern allein gelassen werden und lediglich Teil eines „komplett verblödeten Schwarms“ sind. Die Menschen werden nur noch anhand ihrer Verwertbarkeit, ihres Konsums und ihrer Produktivität gemessen. Andere Werte spielen keine Rolle mehr, ebenso wenig wie Individualität, denn hier ist jeder austauschbar.

Der eigentliche Plot um die Vier und die gesellschaftlichen Entwicklungen wird von einer sprunghaften Erzählinstanz begleitet, die zwischen auktorialer und personaler Perspektive wechselt, teilweise auch innerhalb eines Satzes. So werden die Perspektiven eines Politikers, eines Händlers, eines Hackers und viele weitere mehr eingenommen, was einen vielstimmigen Blick auf die verschiedenen Positionen innerhalb der Gesellschaft ermöglicht. Hier dürfen sich alle äußern, egal ob alt oder jung, arm oder reich, weiblich oder männlich. Die Sätze sind dabei häufig kurz und wie abgehackt. An viele Aussagen schließt sich nur ein lapidares „Egal“ oder „Naja“ an, wodurch die eigentliche Härte des vorher gesagten beiseite gewischt wird, was wie ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Bedeutung der Figuren wirkt, für die sich niemand interessiert.

Ein paralysiertes, glückliches, hirnloses Volk. Alles, woran die Jugendlichen geglaubt hatten, also daran, die Welt zu verändern, sie nach ihren Ideen zu formen, Humanismus, Gerechtigkeit, Privatsphäre und all das Zeug – ist der Gewissheit gewichen, dass sie –
Nichts verändern können.

Auch wenn Berg keine Lösung für die von ihr geschilderten Probleme bieten kann, trifft einen der Roman mit seiner ganzen Wucht. Die größte Stärke ist allerdings nicht die Handlung, sondern die umfassende Gesellschaftsdarstellung mit ihrer Vielstimmigkeit. Der scharfe Blick der Autorin ist dabei ebenso aufrüttelnd wie besorgniserregend. Sybille Bergs GRM ist ein bemerkenswerter Roman der Gegenwart, um den kein Weg herumführt.

 

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