Juan Gabriel Vásquez – Die Gestalt der Ruinen

Juan Gabriel Vasquez Die Gestalt der Ruinen Rezension

Über Morde an Politikern nähert sich Juan Gabriel Vásquez der Geschichte seiner Heimat an und hat mit Die Gestalt der Ruinen sein bisher eindrucksvollstes Werk geschaffen.

Durch einen Museumseinbruch kommt der seltsame Carlos Carballo in die Schlagzeilen. Aber hinter der Tat steht ein für ihn tieferer Sinn: Schon sein ganzes Leben hat er sich mit politischen Morden und deren Aufklärung beschäftigt. Einer der für ihn wichtigsten ist das Attentat aus dem Jahr 1948 auf den liberalen Politiker Jorge Eliécer Gaitán in Bogotá, dessen Tod Kolumbien in eine tiefe Krise stürzte. Carballo sieht dahinter eine Verschwörung, die auch hinter anderen Morden steht und bedrängt den Autor Juan Gabriel Vásquez, seine Recherchen fortzusetzen.

Der 9. April 1948 ist fest in der Erinnerungskultur von Kolumbien, dem Heimatland des Autors Juan Gabriel Vásquez, verankert. An diesem Tag wurde Gaitán auf der Straße ermordet und während den folgenden Unruhen fanden knapp 3000 Menschen den Tod. Darauf folgte ein Bürgerkrieg, der über zehn Jahre andauern sollte. Der neue Roman des Schriftstellers Die Gestalt der Ruinen ist auch ein sehr persönliches Buch, in dem der Autor von sich erzählt, seinen Erinnerungen an die erlebte Gewalt in Kolumbien und seinem Wunsch, dieser zu entkommen. Eng verbindet er in dem Roman Persönliches mit Fakten, Fiktion und aktueller wie vergangener Politik und beweist hier erneut seine außerordentliche Stellung in der Weltliteratur.

Da das Gedächtnis unvorhersehbar ist und immer tut, was es mag, fiel mir ein Satz ein, der Napoleon zugeschrieben wird: „Um einen Menschen zu verstehen, muss man die Welt verstehen, in der er mit zwanzig gelebt hat.“ Für mich, der ich 1973 auf die Welt kam, war die Welt mit zwanzig ebendiese gewesen: die der Bomben zwischen Januar und April; die von Pablo Escobars Tod, im Kugelhagel auf einem Dach in Medellín. Aber ich wusste nicht, was das für mein eigenes Leben bedeuten würde.

Während er sich privat mit der schwierigen Geburt seiner zwei Töchter auseinandersetzen muss, wird er gleichzeitig durch verschiedene Treffen mit der gewaltsamen Geschichte seines Landes konfrontiert, sowie mit seinen eigenen Erinnerungen an die Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und Pablo Escobar. Zu Beginn steht eine Begegnung mit Carlos Carballo, der sich mit Morden an Politkern beschäftigt und von Vásquez verlangt, ein Buch über Gatáns Tod zu schreiben. Denn er kenne die Wahrheit, die nicht der offiziellen Erklärung entspricht. Bereits auf den ersten Seiten wird deutlich, dass hier gekonnt und mit voller Absicht verschiedene Zeitebenen nebeneinander her laufen. Dieses Konzept geht auf und so entsteht ein Bild von Kolumbien, in dem sich auf der einen Seite Liberale und Freigeister und auf der anderen Seite Konservative und Katholiken mit aller Gewalt bekämpfen.

Im Verlauf der Erzählung wird immer tiefer in der Geschichte des Landes gegraben und anhand einer Erzählung der Figur des Anwalts Anzola ein weiter politischer Mord ausführlich beleuchtet. Anzola versucht nach dem Mord an Rafael Uribe Uribe im Jahr 1914 zu beweisen, dass hinter dem Anschlag einflussreiche Männer aus einem Kreis von Konservativen und Jesuiten stehen, die mit der Polizei die Umstände vertuschen. In anderen Passagen wird zudem der Mord an John F. Kennedy und das Attentat auf den Erzherzog Franz Ferdinand betrachtet.

Es gibt zweierlei Ansichten und Betrachtungsweisen dessen, was wir Geschichte nennen: Eine ist die Zufallsversion, die Geschichte als zufälliges Ergebnis einer unendlichen Kette irrationaler Taten, unvorhersehbarer Möglichkeiten und willkürlicher Ergebnisse ansieht. […] die andere ist die Verschwörungsvision, die Geschichte als Schauplatz voller Schatten und unsichtbarer Hände, spähender Augen, flüsternder Stimmen an den Ecken betrachtet, eine Bühne auf der alles aus einem bestimmten Grund geschieht, Zufälle nicht existieren, schon gar keine Umstände zusammentreffen, und auf der die Ursachen der Ereignisse aus Gründen verschwiegen werden, die jemand je erfährt.

Was auf den ersten Blick nur schwer zu verbinden ist, wird von Vásquez sinnvoll zusammengefügt. Dabei gelingt es ihm, die Haupthandlungen mit eigenen Erfahrungen und Ansichten zu verknüpfen und gleichzeitig die Spannung der eigentlichen Erzählung durchgehend hoch zu halten. Neben dem Text sind an verschiedenen Stellen auch Fotos abgebildet, die bildlich bestimmte Ereignisse und Objekte darstellen. Dabei geht der Roman weit über eine bloße Darstellung von politischen Morden hinaus. Es geht hier nicht darum, einfach die offizielle Version durch eine Verschwörungstheorie zu ersetzen und als Wahrheit zu verkaufen. Es wird an vielen Stellen klar, dass die Figur Vásquez alles andere als überzeugt ist von Carballos Ansichten und Ergebnissen. Vielmehr scheint es ihm darum zu gehen, sich dem anzunähern, was dazwischen liegt. Die Leerstellen sind das, was immer mehr in den Fokus rückt. Vásquez ringt mit dem Erbe seines Landes, das für ihn auch sein eigenes Erbe ist, in dem er seine eigene Geschichte wiederfindet. Nur so entsteht für ihn erst die Möglichkeit, es zurückzuweisen.

Ich weiß nicht, seit wann die Vergangenheit meines Landes für mich unverständlich und dunkel, ein Terrain der Finsternis zu werden begann, kann mich nicht an den genauen Moment erinnern, an dem als das was ich für verlässlich und vorhersehbar gehalten hatte […] sich in einen Ort der Schatten verwandelt hat, aus dem entsetzliche Kreaturen hervorspringen, sobald wir nicht aufpassen.

In Die Gestalt der Ruinen setzt sich Vásquez mit der Geschichte seines Landes auseinander, vor allem mit den Morden an Uribe und Gaitán. Es dauert länger bis klar wird, worauf er eigentlich hinaus will und der Text ist zudem durchaus komplex, weshalb er Zeit einfordert. Die Konstruktion der Zeitebenen und die Verbindungen hat Vásquez größtenteils im Griff und verbindet seine eigene Autobiographie mit der jüngeren Epoche seines Landes. Damit hat er wohl seinen besten Roman geschaffen.

Weitere Rezensionen findet ihr bei Literaturreich und Leseschatz.

1 comment

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  1. Rückblick: Lesemonat April – Letusredsomebooks

    […] Der Autor ringt in seinem Roman mit der gewaltvollen Geschichte seines Heimatlandes Kolumbien, die er auch als sein eigenes Erbe und als prägend für seine eigene Biografie empfindet. Eingebettet in verschiedenen Erzählungen um bedeutende Politikermorde versucht er die Leerstellen zu beleuchten, ohne dabei Verschwörungstheorien als wahr zu verkaufen. Die Konstruktion der verschiedenen Zeitebenen und Zusammenhänge macht den Roman durchaus komplex. Das Ergebnis ist ein sowohl persönliches als auch spannendes Buch, das für mich sein bisher bestes Werk darstellt. Die komplette Besprechung findet ihr hier. […]

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