Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

Sayaka Murata Die Ladenhüterin Rezension

Die Ladenhüterin ist der Debütroman der japanischen Autorin Sayaka Murata und erzählt die wunderbar überspitze Geschichte zweier Außenseiter inmitten einer leistungsorientierten Gesellschaft.

Keiko Furukara ist schon 36 Jahre alt, aber immer noch unverheiratet und kinderlos. Als wäre das nicht schon schlimm genug, geht sie außerdem keinem anständigen Beruf nach, sondern arbeitet lediglich als Aushilfe in einem Konbini, einem 24-Stunden-Supermarkt. Und das schon seit 18 Jahren. Doch Keiko denkt gar nicht daran, etwas an ihrem Leben zu ändern, auch wenn ihr der Druck von Familie und Freunden zu schaffen macht. Als sich Shiraha, ein arbeitsloser junger Mann, bei ihr einquartiert, versuchen beide, das gemeinsame Außenseitertum zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Solche und ähnliche Dinge passierten immer wieder. Zum Beispiel, als sich kurz nach meiner Einschulung auf dem Schulhof zwei Jungen prügelten. Es herrschte große Aufregung.
„Wir müssen einen Lehrer rufen!“, schrien einige Kinder.
„Ja, jemand muss sie aufhalten!“
Genau, dachte ich, aufhalten. Rasch holte ich mir eine Schaufel aus dem Geräteschuppen und schlug einem der Streithähne damit auf den Kopf.

Schon seit Frühjahr stand nun Die Ladenhüterin bei uns unangerührt im Bücherregal herum, und das, obwohl viele Blogger und Bookstagrammer, deren Meinungen ich sehr schätze, durchweg positiv über den Roman berichteten. Vielleicht lag es auch an meinem letzten eher durchwachsenen Erlebnis mit einer japanischen Autorin – Yoko Ogawa – , dass mich nicht gerade das Fieber gepackt hat, dieses Buch unbedingt sofort lesen zu wollen. Im Nachhinein denke ich mir: was für ein Schwachsinn! Hätte ich dieses wunderbar eigenartige und groteske Buch doch schon viel früher gelesen!

Keiko und Shiraha sind zwei durchaus merkwürdige Charaktere. Keiko, die mit ihrem aktuellen Lebensstil so überhaupt nicht der japanischen Norm entspricht, ist vollkommen abhängig vom Kombini. Dort hat sie gelernt, ein Mensch zu sein – ein nützlicher Mensch, um genau zu sein. Wusste sie vor ihrer Arbeit nicht, wie man sich gegenüber Mitmenschen verhält, ist sie nun angepasst, zumindest an der Oberfläche. Tief im Inneren jedoch versteht sie die anderen Leute und ihre Denkweisen aber immer noch nicht. So orientiert sie sich hauptsächlich an ihren Arbeitskolleginnen und Freundinnen, passt ihre Art sich zu kleiden oder zu sprechen an die der anderen Frauen an und versucht, nicht negativ aufzufallen. Shiraha auf der anderen Seite vertritt zwar im Grunde genommen eine ähnliche Meinung wie Keiko, wirkt durch seine Faulheit und Verbitterung jedoch alles andere als sympathisch. Er sucht eine Frau, von der er sich aushalten lassen kann, da ein Schmarotzer wie er in der Gesellschaft noch weniger Platz findet als eine mittelalte, ledige Konbini-Angestellte.

Die Lektüre der Ladenhüterin war für mich eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle. Zwischen den Zeilen schwingt zeitweise eine regelrechte Traurigkeit mit. Gerade zu Anfang des Romans, und auch wenn einige Beschreibungen wie zum Beispiel die aus Keikos Kindheit und Jugend extrem lustig und unterhaltsam sind, ist die spätere Abhängigkeit Keikos vom Konbini geradezu deprimierend. Ohne den Konbini könnte sie zwar völlig sie selbst sein, wäre dann aber von allen anderen abgeschottet und ausgestoßen. Außerdem ist sie glücklich mit ihrer Situation (minus die ständige Kritik von Außen), sie arbeitet gerne im Konbini und scheint dort ihren Lebenssinn gefunden zu haben.

Shiraha hingegen hat mich öfter mal wütend zurückgelassen – seine Einstellung zur Arbeit und zum Leben sowie seine nicht vorhandene Handlungskompetenz haben mich fast wahnsinnig gemacht. Dasselbe gilt auch für die Menschen aus Keikos Umfeld, die ihre Art zu leben nicht verstehen können, und manchmal auch Keiko selbst, die nicht für sich selbst einsteht. Das ist es allerdings, was für mich gut ausgearbeitete Protagonisten ausmacht: dass sie uns etwas fühlen lassen, ganz egal, ob Mitgefühl, Sympathie oder Abneigung.

Hier muss allerdings auch festgehalten werden, dass Keiko und Shiraha unglaublich überspitzte Figuren sind und das Verhalten von Keikos Kolleginnen, Freundinnen und Familienmitgliedern ebenfalls sehr übertrieben dargestellt wird. In seinen satirischen Zügen hat mich das Buch stellenweise an Amélie Nothombs Romane erinnert, obwohl es zur selben Zeit auch typische japanische Gesellschafts- und Gedankenstrukturen aufzuweisen scheint – harte Arbeit, Anpassung, ein Leben im Takt und zum Wohle der Gemeinschaft.

„Menschen, die für den Stamm von Nutzen sind, haben keine Privatsphäre oder Ähnliches. Alle trampeln auf ihnen rum. Heiraten oder Kinder bekommen oder auf die Jagd gehen oder Geld verdienen – jeder, der nicht in der einen oder anderen Form zum Wohl des Stammes beiträgt, gilt als abtrünnig. Deshalb kann der Stamm sich in seine Angelegenheiten einmischen, so viel er will.“

Sayaka Muratas Die Ladenhüterin ist ein enorm unterhaltsames kleines Büchlein, das einen scharfzüngigen und satirischen Blick auf unsere modernen Gesellschaftsstrukturen und Denkweisen wirft. Die Leistungsgesellschaft und die Erwartungen der Anderen an einen selbst stehen der Individualität und Freiheit gegenüber – und schließen sich hier bei Murata gegenseitig aus. So schwingt unter der spitzen, sozialkritischen Oberfläche auch immer eine gewisse Schwermut mit, und diese Kombination, gepaart mit den herrlich skurrilen Charakteren, macht den kurzen Roman zu einem ungemeinen Lesevergnügen.

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