Amélie Nothomb – Quecksilber

Amelie Nothomb Quecksilber RezensionIn Quecksilber beleuchtet die belgische Kultautorin Amélie Nothomb gewohnt düster, makaber und spritzig die Themen Obsession und Macht – ein herrlich provokantes Buch mit gleich zwei Enden.

Im Jahr 1923 wird die Krankenschwester Françoise vom französischen Festland auf die kleine, abgelegene Insel Mortes-Frontiers bestellt, um dort das Mädchen Hazel zu pflegen. Hazel wurde fünf Jahre zuvor von einem alten Mann namens Loncourt aufgegriffen, nachdem ihre Eltern bei einem Bombenangriff im Krieg getötet wurden, und auf diese Insel verfrachtet. Dort fristet sie ein trostloses Leben, gefangen in dem großen Haus, ohne Spiegel, ohne Kontakt zur Außenwelt. Françoise beginnt, eine Freundschaft zu Hazel aufzubauen und erhält Einsichten in die Gefühls- und Gedankenwelt einer verwirrten jungen Frau. Doch damit begibt sich auch die Krankenschwester in Gefahr, denn der Alte ist definitiv nicht der Wohltäter, der er anfangs zu sein schien.

Wer auf dieser Insel wohnt, muss etwas zu verbergen haben. Ich bin sicher, der Alte hat ein Geheimnis. Ich habe keine Ahnung, was es sein könnte, aber nach den Vorsichtsmaßnahmen zu urteilen, die er trifft, muss es etwas Ernstes sein.

Amélie Nothomb schafft in Quecksilber ein erschütterndes Szenario. Wird Hazel von dem Alten gefangen gehalten oder möchte sie wirklich nicht die Insel verlassen? Ist der Geschlechtsverkehr zwischen ihnen einvernehmlich? Kann man trotzdem von Missbrauch, Vergewaltigung und Freiheitsentzug sprechen? Wurde Hazel emotional manipuliert und hat, ähnlich dem Stockholm-Syndrom, eine fragwürdige Zuneigung für ihren Peiniger entwickelt?

Können Sie sich nicht vorstellen, dass ein intelligenter Mann eine fürchterliche Macht über ein armes, verunstaltetes Mädchen ausübt, besonders wenn er auch noch dessen Wohltäter ist?

Je mehr Fraçoise über den alten Loncours und seine Vergangenheit herausfindet, desto schockierender wird die aktuelle Situation. Nothomb schafft es auf provokante Weise über Themen wie Abhängigkeit, obsessive Liebe und Machtmissbrauch zu schreiben. Ihre Charaktere und das Setting sind in diesem Roman genauso abstoßend und faszinierend zugleich, genau wie schon in ihren anderen Romanen wie zum Beispiel Blaubart. Die Handlungen und Gedankengänge der Protagonisten sind meist überhaupt nicht nachvollziehbar für Leser mit gesundem Menschenverstand, aber dennoch funktionieren Nothombs Werke einwandfrei.

Das Mädchen möchte man als Leser am liebsten wachrütteln und den Alten den Fischen zum Fraß vorwerfen. Doch gerade die spritzigen, spitzzüngigen Diskussionen zwischen dem Alten und Françoise sind herrlich zu lesen, auch wenn sie neben Belustigung vor allem Aggressionen und Unverständnis hervorrufen. Sympathisch sind die Protagonisten nicht, alle drei scheinen völlig von Sinnen zu sein, aber dennoch hofft man auf den bestmöglichen Ausgang der Geschichte für sie (ausgenommen des alten Mannes vermutlich). Da hat Nothomb auch vorgesorgt: gleich zwei Enden für Quecksilber hält sie für ihre Leser parat – beide passen perfekt zum Rest der Geschichte, wobei das zweite vielleicht ob seine moralischen Wendung noch ein klein wenig gelungener ist.

Amélie Nothombs Quecksilber erzählt von einem gefährlichen Spiel um Macht, Betrug und Illusion, von Intrigen, Liebe und Gewalt. Nothomb schafft es, während des Lesens unzählige Gefühle im Leser zu wecken: es schockiert, es macht wütend und es unterhält zugleich. Man ekelt sich, man möchte eingreifen, man möchte die Protagonisten anschreien. Und das ist es doch eigentlich, was gute Literatur schafft: etwas im Leser zu regen, ihn zu berühren – auf welche Art auch immer das sein mag. Es ist ein düsterer kurzer Roman, makaber und merkwürdig, und für mich einer der besten, die ich bisher von Nothomb gelesen habe.

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