Joachim Meyerhoff – Amerika

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Amerika, der erste Teil der Alle Toten fliegen hoch Reihe von Joachim Meyerhoff, bietet Unterhaltung und einen selbstironischen Ich-Erzähler. Wirklichen Tiefgang habe ich allerdings vermisst.

Mit seinem neuen (autobiografischen) Roman Die Zweisamkeit der Einzelgänger sicherte sich Joachim Meyerhoff sowohl im Feuilleton als auch bei vielen Bloggern einen Platz auf der Liste der besten Bücher 2017. Bei so viel Lob und positiven Rezensionen wollte auch ich versuchen, mich dem Phänomen Meyerhoff zu nähern und besorgte mir schnell bei meinem Buchhändler des Vertrauens den ersten Band seiner Reihe mit dem Titel Amerika. Warum es wohl bei diesem ersten Roman für mich bleiben wird, will ich euch im Folgenden erklären.

Amerika handelt von dem Auslandsjahr des Ich-Erzählers im Titelgebenden Land auf der anderen Seite des Globus. Dem jugendlichen Erzähler, der mit seinen Eltern und Brüdern in einem kleinen Ort in Norddeutschland lebt, gelingt es, einen der begehrten Plätze im Austauschprogramm zu ergattern. Beim Auswahltest präsentiert er sich konsequent als religiöser und naturverbundener Kleinstädter. Daraufhin kommt er in den kleinen Ort Laramie in Wyoming, mit Blick auf die Rocky Mountains und umgeben von endloser Prärie und Pferden. Der erwartete Kulturschock stellt sich nicht ein, dafür muss er nach kurzer Zeit aufgrund eines Schicksalsschlags zurück nach Deutschland. Doch um die Trauer zu verarbeiten hilft nur die Rückkehr in die USA zur Gastfamilie.

Sobald ich nicht daran dachte meinen Mund geschlossen zu halten, öffneten sich meine Lippen, und ich sah aus wie ein unterbelichteter Karpfen. Besonders mein Blick gefiel mir gar nicht. Ich wollte endlich lernen, so zu gucken, als hätte ich ein Geheimnis, und nicht, als wäre mir die Welt eines. So, als wäre ich voller Rätsel und nicht die Welt ein riesengroßes.

Joachim Meyerhoff versteht es, ausgesprochen unterhaltsam und mit der nötigen Portion Selbstironie von sich und seinen Erlebnissen zu erzählen. Vor allem die Ironie zeigt sich bereits während seines Besuchs in Hamburg, wo ein Bewerbertreffen für das Auslandsjahr stattfindet. In seiner eher provinziellen Heimat strotzt Joachim nur so vor Selbstvertrauen, wird mitunter als arrogant wahrgenommen und muss erkennen, dass er sich den Hamburger-Großstädtern völlig unterlegen fühlt. Sie zeigen ein viel besseres Gespür für ihr Auftreten und ihren Kleidungsstil. Auch die Mädchen sind viel schöner als zu Hause. Aufgrund seiner (falschen) Angaben im Fragebogen landet er nicht in einer Metropole wie Los Angeles oder New York, sondern in Laramie. Da muss er erstmal im Atlas nachschlagen, wo sich der Ort überhaupt befindet.

Das Jahr in den USA, unterbrochen durch die Heimreise aufgrund des Unfalltods seines Bruders, wird eher episodenhaft erzählt. Besondere Ereignisse, wie der Besuch eines Gefängnisses, aufregende Partys und ähnliches werden ausführlicher dargestellt. Was mir aber insgesamt fehlt, ist der Tiefgang. Bereits einen Tag nachdem ich den Roman durchgelesen hatte, habe ich eigentlich gar nicht mehr an das Buch gedacht. Es war eine nette Lektüre, die ich unterhaltsam fand, die an manchen Stellen auch lustig war, aber eben auch nicht mehr. Ein bleibender Eindruck ist nicht geblieben. Im Endeffekt hatte ich das Gefühl, dass hier eigentlich nichts wirklich Interessantes erzählt wird. Für mich gab es leider keinen Mehrwert, außer, dass ich mich einige Stunden gut unterhalten gefühlt habe. Aufgrund der vielen positiven Besprechungen war meine Erwartungshaltung aber doch deutlich höher, als nur einen netten Roman zu lesen.

Die Unwirklichkeit der Umgebung entsprach auf eigenartige Weise der Unwirklichkeit der Todesnachricht. Genauso wie ich um blubbernde Schwefeltümpel herumstand , in von chemischen Verbindungen bizarr verkrusteten azurblaue Tümpel hineinsah und an Geysiren auf deren Eruption wartete, genauso ratlos stand ich vor dieser Nachricht und wartete wie gelähmt darauf, dass etwas ausbrach, explodierte, der Schmerz in mich hinein- oder aus mir herausschießen würde. Ich wartete auf die Eruption meines Kummers. Doch sie kam nicht.

Geschürt durch die Vielzahl an positiven Besprechungen, sowohl im Feuilleton als auch von anderen Bloggern, war mein Anspruch an den ersten Roman der Reihe von Joachim Meyerhoff relativ hoch. So hoch, dass er nicht erfüllt werden konnten. Ja, Amerika hat mich gut unterhalten und ich mochte die selbstironische Art des Ich-Erzählers gerne. Nur darüber hinaus hat mir der Roman nichts geboten. Ich vermisse den Tiefgang ebenso wie Passagen, die mich auch noch Tage nach dem Lesen beschäftigen und in mir etwas bewegen können. So fehlt mir nach dem Einstieg die Motivation, die weiteren Romane zu lesen, um mehr über den Autor, sein Leben und seine Erfahrungen zu erfahren.

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