Walter Moers – Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr

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Walter Moers ist zurück. In seinem neuen Roman Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr kehrt der Leser zurück nach Zamonien – vermutlich anders als viele Fans erwartet haben. Doch muss das jetzt unbedingt etwas Negatives sein? Moers besticht erneut mit unbändiger Kreativität und einer wunderbar rührenden Hintergrundgeschichte zum Buch.

Prinzessin Dylia kann nicht schlafen, mal wieder. Nun sogar seit achtzehn aufeinanderfolgenden Nächten nicht mehr! Der gesamte zamonische Hofstaat versucht, ihr zu helfen, mit eigens komponierten Sinfonien, Pillen und Tränken, maßgeschneiderten Kopfkissen und siebentausend Duftkerzen – doch alles vergeblich. Als Dylia wieder einmal versucht, endlich einzuschlafen, sitzt plötzlich eine äußerst hässliche, alptraumfarbene Gestalt auf ihrem Brustkorb: der professionelle Nachtmahr Havarius Opal. Sie sei auserwählt, von ihm persönlich heimgesucht zu werden, bis er sie in den Wahnsinn getrieben hat. Um ein letztes Abenteuer zu erleben, entführt Opal die zamonische Prinzessin ins Dunkle Herz der Nacht, in ihre eigenen Gedanken und Träume.

Niemalsweh
Das ist das Fernweh nach einem Ort, an den man nie gelangen wird, weil er gar nicht oder nur in der Phantasie existiert. Entfernt verwandt mit dem Phantomschmerz. Ich hab noch einen Koffer in El Dorado war ein populärer zamonischer Niemalsweh-Schlager, der sich mit dieser seltenen und seltsamen Sehnsucht beschäftigte.

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Prinzessin Insomnia ist, wie andere Zamonien-Romane zuvor auch, vom fiktiven zamonischen Schriftsteller Hildegunst von Mythenmetz verfasst worden, und „ins Deutsche übersetzt“ von Walter Moers. Es beginnt mit den harmlosen, kreativen aber gleichzeitig auch ein wenig verrückten Zeitvertrieben der zamonischen Prinzessin Dylia, die auf Teufel komm raus einfach nicht schlafen kann. Da ihr kleines hübsches Köpflein aber ohnehin selten zur Ruhe kommt, erdenkt sie sich in ihren schlaflosen Nächten Regenbogenerfindungen wie den regenbogenfarbenen Spätnachmittagstee oder den regenbogenfarbenen Tornado, sie erwählt täglich dreizehn sogenannte Pfauenwörter aus dem zamonischen Wörterbuch, welche sie im Laufe des Tages unbedingt benutzen muss und beobachtet die zerbrechlichen Zwielichtzwerge bei ihrem kunterbunten Treiben.

Niemand konnte sich an all seine Träume erinnern, dafür sind sie viel zu bescheuert und zu zahlreich, aber manche sind unvergesslich. Wie konnte sie diese besonderen Träume aufbewahren? In Traumschubladen vielleicht? Oder in Traumkartons? Oder lieber in offenen Traumregalen wie Bücher? Das war übersichtlicher. Konnte man Träume stapeln? Auf Bügel hängen? Zusammenfalten? Oder wie Söckchen aufrollen? Was hatten Träume eigentlich für eine Form? Alle die gleiche, wie Eier? Oder eine ähnliche, aber immer leicht veränderte, wie Tassen? Oder jedes Mal eine komplett andere Form, wie Wolken?

Um sich das ganze mehr oder weniger ausführlich durchlesen wollen, muss man schon Lust haben auf abenteuerliche Alliterationen (Oder doch eher ein Alliterations-Alptraum? Das entscheidet ihr. Ich bin eindeutig im ersten Team!), unsinnige Erfindungen und wirre Wortakrobatik. „Walter Moers, amtierender Weltmeister im Anagrammieren“ steht in „Der Nachtmahr – Magazin für schlaflose Nächte“ geschrieben, dem kleinen, liebevoll gestalteten, fiktiven Magazin des Knaus-Verlags, begleitend zum Buch.

Moers-Prinzessin-Insomnia

Als sich die unbeirrbar optimistische Dylia und die Nervensäge Opal auf den Weg in Dylias Gehirn begeben, wird alles ein wenig düsterer, die regenbogenfarbenen Dinge verschwinden und gefährliche Wesen wie die Zergesser oder die an Dementoren erinnernden Irrschatten erscheinen und erschweren den beiden den Weg nach Amygdala, dem Zentrum der Angst. Trotz drohender Gefahren bleiben Dylia und der Nachtmahr jedoch recht zuverlässig und verlieren nie die Lust am diskutieren. Zeitweise werden dabei Witze und Wortschöpfungen ausgepackt, die recht flach daher kommen und mich ein bisschen an den Humor meines Opas erinnern, wie zum Beispiel die Wörter Schmopfkerzen und Spuckerziegel.

Andere Gedankenspiele und Einfälle von Moers sind schlichtweg genial wie kreativ. Alleine die völlig verbeamtete und bürokratisch ad absurdum geführte Gehirnregion des Thalamus! Auch wenn Prinzessin Dylia nur ein einziges statt vieler verschiedener Abenteuer in diesem Buch erleben darf und sich nicht in der großen, weiten Welt Zamoniens, sondern „lediglich“ in ihrem kleinen, zamonischen Gehirn bewegt, kann man Moers definitiv keinen Mangel an Einfallsreichtum vorwerfen.

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„Früher oder später wirst du dadurch die Kontrolle über dein Gehirn verlieren. Die ganze Chemie darin wird umkippen, und alles gerinnt zu übersäuertem Gedankenbrei. Das ist ein völlig natürlicher und organischer Vorgang. Es ist wie bei Pflanzen, die zu viel Wasser bekommen. Sie gehen durch Überbeanspruchung ein. Denn ich werde immer da sein, in jeder Sekunde deiner künftigen Existenz. Dich mit meiner Zuwendung überschwemmen und an den Rand deiner nervlichen Belastbarkeit treiben. Es wird sein wie eine endlose Kutschfahrt über holpriges Gestein – irgendwann wünscht man sich nur noch, dass die Karre in eine Schlucht stürzt. Nur damit es endlich vorbei ist.“

Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr ist eine Geschichte, die nicht von Walter Moers selbst illustriert wurde, tatsächlich sein erster eigener Roman, bei der er diese Aufgabe an jemand anderes abgetreten hat. Lydia Rode heißt die junge Dame, die das Buch unglaublich schön mit ihren Illustrationen komplettiert hat. Und sie ist auch der Grund, warum das Buch überhaupt existiert. Lydia leidet seit acht Jahren unter dem chronischen Fatigue- oder Erschöpfungssyndrom (CFS) und schrieb Walter Moers einen Brief, in welchem sie ihm erklärte, dass seine Zamonien-Romane ihr durch die schlaflosen Nächte helfen würden. Nach regem Briefwechsel entdeckte Moers Lydias kreatives Talent und entschied sich zu einer wunderbaren Kooperation – ein gemeinsames Projekt namens Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr, dessen Prinzessin Dylia – unschwer zu verkennen – von Lydia selbst inspiriert ist.

[…]es gehörte zu den bizarren Eigenschaften ihrer Krankheit, dass selbst Erschöpfungsschlaf ihr keine Erholung verschaffte, sondern sie nur noch mehr auslaugte. Und auch, dass sie sich eigentlich immer am ausgeschlafensten fühlte, wenn sie gar nicht geschlafen hatte, obwohl Dylia das niemandem so richtig erklären konnte, nicht einmal sich selbst. Egal! Irgendwann würde sie in diesen gespenstischen Dämmerzustand fallen, in dem sie dann nicht mehr wusste, ob sie
A. immer noch wach war oder
B. schon mehrmals eingeschlafen und jetzt wieder wach war oder
C. fest eingeschlafen war und immer noch träumte oder
D. eventuell eine Ameise auf dem Mars war, die davon träumte, eine zamonische Prinzessin zu sein.

Weitere Besprechungen findet ihr bei Lesen…in vollen Zügen, paper and poetry blog sowie lesenslust.

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