Lena Dunham – Not that kind of Girl

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Sex and the City meets Joan Didion – so habe ich mir Lena Dunhams Bestseller Not that kind of Girl vorgestellt. Leider verliert sich Dunham zwischendurch in nichtssagenden Teenie-Tagebucheinträgen, statt ihr Potenzial und ihre Reichweite vernünftig zu nutzen.

Lena Dunham ist Kreativer Kopf und Schauspielerin der TV-Serie Girls, außerdem Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin. 2014 folgte ihre Autobiografie Not that kind of Girl – A young woman tells you what she’s „learned“. In fünf Themenbereichen schreibt Dunham essayistisch, ja fast schon kolumnenartig über ihr Leben (Carrie Bradshaw lässt grüßen). Liebe, Sex, der eigene Körper, das Studium, Freundschaften, Beziehungen, erste Schritte in der Unterhaltungsindustrie, Sitzungen bei der Therapeutin, Kindheitserinnerungen – Dunham lässt ihre Leser fast alles erfahren, was man über eine 27-Jährige wissen muss. Oder?

I casually mentioned how frustrated I was by my inability to get to Kentucky for a journalism project, and he immediately offered his services. Though struck by his generosity, I didn’t really want to take a five-hour drive with a stranger. However, five to forty-five minutes of sex seemed okay.

Lena Dunham kann schreiben, keine Frage. Sie kann außerdem exzellent beobachten und hat mich in ihren besseren Momenten des Buches tatsächlich an Joan Didion, was die Aufnahme und Wiedergabe von Informationen angeht, und an David Sedaris, was den Esprit betrifft, erinnert. Humorvoll schreiben kann sie definitiv. Stellenweise ist das Buch wahnsinnig komisch und eventuell wäre Dunham besser damit gefahren, den Humor noch konstanter aufrecht zu erhalten.

„Let’s meet for coffee, yeah. Well, not coffee coffee. Like a different drink, because coffee gave me a colon infection and I had to wear this paper underwear the hospital gave me.“

Lena Dunham erzählt schonungslos offen und unverblümt über Durchfall, echt schlechten Sex, das Unwohlsein in dem eigenen Körper und Neurosen. Sie spricht Dinge an, die zwar heutzutage weniger tabuisiert sind als noch vor einigen Jahrzehnten, trotzdem oft verschwiegen werden. Gerade in Literatur und Film ist Sex immer schön, anmutig und für beide Seiten ein Vergnügen. Nicht so bei Dunham. Bei ihr ist er einfach das, was er ist. Ganz ehrlich und ungeschönt. Und wenn er beschissen ist, ist er eben beschissen. Sie zeigt uns, dass das, was wir erleben, ganz normal ist, dass wir uns nicht komisch fühlen müssen, wenn alles schlecht läuft. Sie ist wie du und ich, und das, obwohl sie mit Ende zwanzig schon mehrere Awards gewonnen hat.

And if I could take what I’ve learned and make one menial job easier for you, or prevent you from having the kind of sex where you feel you must keep your sneakers on in case you want to run away during the act, then every misstep of mine was worthwile.

Die Stimme einer Generation kann sie trotzdem nicht sein. Das liegt zum einen daran, dass Lena Dunham keine ganze Generation repräsentiert. Ja, als twentysomething fühlt man sich zum Teil mit ihren Sorgen, Ängsten und Erlebnissen verbunden. Sie kann mit Sicherheit eine Stimme für viele Mädchen und Frauen da draußen sein. Aber: Wer gut behütet in der New Yorker Upper Class aufwächst, als Tochter eines Künstler-Ehepaars, ist eben nicht immer für alle Leser zugänglich. Das wurde auch schon oft in der Presse und in Rezensionen auf Goodreads oder Amazon kritisiert: Eine weiße, junge Frau aus reichem Elternhaus kann unmöglich für alle weiblichen Teens und Twens sprechen. Was mich, andererseits, aber eigentlich noch mehr stört, ist, dass Dunham ihr Potenzial verspielt. Sie hat diese enorme Reichweite, da sie schon durch ihre Serien Girls so erfolgreich war, nutzt sie aber nicht. Im Vorwort von Not that kind of Girl spricht sie davon, anderen Frauen zu helfen.

As hard as we have worked and as far as we have come, there are still so many forces conspiring to tell women that our concerns are petty, our opinions aren’t needed, that we lack the gravitas necessary for our stories to matter. That personal writing by women is no more than an exercise in vanity and that we should appreciate this new world for women, sit down, and shut up.

Das, GENAU DAS, ist es, was ich vor Beginn der Lektüre, aber umso mehr nach dem Lesen des Vorwortes erwartet hatte. Eine Art feministisches Manifest, gleichsam witzig in seiner Sprache und ernsthaft in seinen Aussagen, ein wirklicher Ratgeber, der uns Frauen unterstützt, bestärkt und feiert. Stattdessen dreht sich alles nur um Lena, Lena, Lena. Sie verliert sich in Episoden ihrer Kindheit im Sommercamp oder anderen unnützen, nichtssagenden Erinnerungen, die klingen wie aus einem Jugendroman in Tagebuchform (vergleiche: Freche Mädchen, Freche Bücher). Dunham kritisiert selbst noch, dass das Geschriebene von Frauen in den Augen der Männer nicht mehr ist als eine Eitelkeitsübung, dann aber schafft sie es nicht im geringsten, dies zu widerlegen sondern das genaue Gegenteil: sie stärkt diese Aussage, in dem sie vollkommen ichbezogen durch ihre kleine, heile Welt stapft und sich ihre Probleme eigentlich immer bloß selbst erschafft. Sie hat theoretisch die Macht, die Bekanntheit und die schreiberischen Fähigkeiten, um ihr Buch einen Schritt weiter zu führen, weg von Lena hin zu uns anderen, doch sie versäumt es auf grandiose Weise und das tut mir wirklich ein bisschen in der Seele weh.

Lena Dunham ist urkomisch, auch in ihrem autobiografischen Buch Not that kind of Girl. Für mich persönlich hätte dieser Humor aber noch präsenter sein können, um die Qualität des Buchs aufzuwerten. Hinzu kommt, dass es viele, sehr viele Stellen gibt, an denen man sich wünschte, Dunham hätte ihre Komfortzone (nämlich sich selbst) zumindest kurzzeitig verlassen und sich auch wirklich an das gehalten, was sie im Vorwort schreibt, statt immer nur gemächlich um sich selbst zu kreisen. Wäre es nicht als Buch sondern als Zeitungskolumne oder Blog erschienen, wäre es eventuell unterhaltsamer. In kleinerer Dosierung über Lenas first world problems zu lesen ist deutlich angenehmer als sich die volle Dröhnung egozentrische-privilegierte-junge-Frau zu geben. Trotz alledem glaube ich, dass sich einige junge Frauen und Mädchen in Dunham wiederfinden können und hoffentlich lernen, dass Nacktsein, Selbstzweifel, schlechter Sex und Darmprobleme nun einmal zum Leben dazugehören und sich niemand dafür schämen muss.

Auch Mara war nicht wirklich überzeugt von Dunhams Egotrip.

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