Mitchell, Nietzsche und die ewig wiederkehrenden Charaktere

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David Mitchell hat mittlerweile sieben Romane verfasst, der letzte (Slade House) ist noch nicht auf Deutsch erschienen. Wer bereits mehr als ein Buch von ihm gelesen hat, wird bemerkt haben, dass hin und wieder ein Charakter aus einem seiner anderen Werke einen kleinen Gastauftritt hat. Manche sprechen hier von Easter Eggs, doch eigentlich ist es viel, viel mehr als nur eine versteckte Anspielung auf seine vorherigen Romane. Denn Mitchell hat nicht weniger im Sinn, als den ganz großen literarischen Coup: In Wahrheit summieren sich all seine Romane zu einer einzigen riesigen Geschichte. Und er ist noch lange nicht am Ende angekommen.

Schauen wir uns doch einmal genauer an, wer im Mitchellversum so alles sein Unwesen treibt:

In Der dreizehnte Monat begegnet uns der Finanzanwalt Neal Brose aus Chaos wieder, ebenso die Tochter des Komponisten Vyvyan Ayrs aus dem Wolkenatlas (welche hier sogar gemeinsam mit dem Hauptcharakter Jason das „Wolkenatlas“-Sextett hört) und einer der Charaktere aus den Knochenuhren (Hugo Lamb). Marinus, ebenfalls ein Protagonist der Knochenuhren, hatte seinen ersten literarischen Auftritt schon in Die tausend Herbste des Jacob de Zoet – wer beide Werke gelesen hat, versteht sogar das Ende besser, als Jacob sich auf dem Schiff befindet und die Stimme von Marinus vernimmt. Die Journalistin Luisa Rey und der Verleger Timothy Cavendish aus dem Wolkenatlas erschienen schon Jahre vorher am Rande in Chaos. Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr intertextuelle Referenzen was Charaktere oder auch Geschehnisse angeht – der aufmerksame Leser dürfte viel Freude daran haben, zu suchen und zu finden.

Mitchell verbindet all seine Bücher zu einem großen Ganzen und mit jedem weiteren Buch, welches man von ihm liest, ändert sich der Blick auf die vorherigen. Wir lernen immer etwas Neues dazu, etwas, was unsere Meinung über einen bestimmten Charakter oder ein bestimmtes Ereignis noch einmal völlig ändert. Und das Beste daran: er erzählt es uns sogar. In Der Wolkenatlas, genauer gesagt in der Geschichte „Briefe aus Zedelghem“, treibt Mitchell seine Metafiktion auf die Spitze. Der junge Komponist Robert Frobisher arbeitet an dem Sextett „Der Wolkenatlas“, welches nicht nur den selben Namen trägt wie der Roman, sondern auch dieselbe Struktur hat. Des weiteren soll Frobisher Ayrs dabei helfen, ein Stück zu komponieren, das sich an Nietzsches Gedanken der ewigen Wiederkunft orientiert, nachdem sich alle Ereignisse unendlich oft wiederholen. In Nietzsches Also sprach Zarathrusta heißt es:

„Ich selber gehöre zu den Ursachen der ewigen Wiederkunft.

Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler, mit dieser Schlange – nicht zu einem neuen Leben oder besseren Leben oder ähnlichen Leben:

Ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und selbigen Leben…“

Und genau das tun Mitchells Charaktere, in einem Buch nach dem anderen. Sie kehren wieder, und zwar nicht in anderer Form, sondern als genau der Mensch, der sie schon in den früheren Romanen waren. Immer und immer wieder tauchen sie auf, trotzen Zeit und Raum (manche von ihnen haben dafür sogar gute Gründe) und haben ständig ihre Finger im Spiel. Mitchells Romane sind jeder für sich schon sehr lesenswert, doch ihre Verknüpfungen zu entdecken, ist ein wahrer Genuss. Es ist faszinierend, wie der Autor es über mittlerweile 17 Jahre hinweg schafft, so viele Schicksale miteinander zu verweben – die Mindmap in Mitchells Kopf muss von unüberschaubarem Ausmaß sein.

Mein Tipp an euch: Wenn ihr ein oder zwei Bücher von David Mitchell gelesen habt und sie euch gefallen haben, lest noch mehr. Habt ihr noch keines in die Hand genommen, versucht es einmal. Es gibt so vieles zu erkunden und zu entdecken im Mitchellversum. Lasst euch hineinfallen.

8 Kommentare zu „Mitchell, Nietzsche und die ewig wiederkehrenden Charaktere“

  1. Ein toller Beitrag. Ich lese die Romane von David Mitchell unheimlich gerne und auch mir sind schon die Verknüpfung aufgefallen, allerdings nicht so gründlich, wie du es hier herausgearbeitet hast. Ich werde bei einem erneuten Lesen dann mal die Augen offen halten 😉
    LG, Vanessa

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    1. Mach das mal 😉 Leider vergisst man ja oft die Namen wieder, z.B. wenn man gleich 9 Protagonisten in Chaos hat, und dann übersieht man das glaube ich leicht. Welche Bücher von ihm hast du denn bisher gelesen?
      (Ja, meine Antwort kommt unheimlich spät…entschuldige 😀 )

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      1. Ich habe den Wolkenatlas, Die tausend Herbste des Jakob de Zoet und zuletzt die Knochenuhren gelesen 🙂
        Und kein Problem mit der späten Antwort. Ich kenne dieses Zeitproblem selbst nur zu gut 😉
        LG

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  2. Wirklich interessant, das wusste ich von David Mitchell nicht. Habe leider noch kein Buch von im gelesen, „Die Knochenuhren“ liegt allerdings schon auf meinem SUB. Sollte man beim Lesen dann die chronologische Reihenfolge einhalten, in der die Bücher erschienen sind?

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    1. Also an sich ist es egal, in welcher Reheinfolge du die Bücher liest, da manchmal alte Protagonisten Nebenauftritte haben und manchmal alte Nebencharaktere zu Protagonisten werden. Ich würde bloß auf jeden Fall Die Knochenuhren lesen, bevor du Slade House liest. Ansonsten, fang an, womit du Lust hast und freu dich aufs Entdecken 😀 (Die Knochenuhren ist übrigens super!!!)

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