Donald Ray Pollock – Das Handwerk des Teufels

 

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Wenn der Traum zum Albtraum wird

In den 50er Jahren wächst der junge Arvin im Niemandsland des mittleren Westens auf. Das Leben ist geprägt von harter Arbeit, Verbrechen, korrupten Sheriffs und religiösen Fanatikern. Arvin kämpft um einen Ausweg aus dieser Welt. Nachdem seine Freundin vom örtlichen Priester missbraucht wird und sich schließlich erhängt, nimmt er das Recht in die eigene Hand. Etwa zur gleichen Zeit brechen die beiden Serienmörder Carl und Sandy auf, um Jagd auf ahnungslose Tramper zu machen und sie zu ermorden.

Die Welt des mittleren Westens, die der amerikanische Autor Donald Ray Pollock in seinem Roman Das Handwerk des Teufels beschreibt ist hart, gewalttätig, arm und ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der amerikanische Traum ist hier schon lange zum Albtraum geworden. Im Namen der Religion tun die Menschen wenig Gottgefälliges und erhalten auch keine himmlischen Zeichen. Gleich zu Beginn machen Arvin und sein Vater den örtlichen Walt zu einer Kathedrale des Todes, wo auf Anweisung des Vaters Tiere geopfert werden um die Krebserkrankung der Mutter und Ehefrau zu heilen. Dazu gehört ebenso lautstarkes beten, das bis in den Ort zu hören ist. Arvin ist dabei getrieben von seiner Angst vor dem Vater und dieser durch Alkohol. Doch nicht nur die Tiere zerfallen mit der Zeit, sondern auch die Menschen. Die erst 24 jährige Sandy arbeitet als Kellnerin, wenn sie nicht gerade mit ihrem Freund Tramper ermordet oder sich aus Geldmangel prostituiert. Doch ihr Aussehen ist bereits vom Leben gezeichnet, das einer alten Frau. Angeblich im Namen Gottes reisen auch die Wanderprediger Roy und Theodore durchs Land. Theodore ist querschnittsgelähmt und pädophil und verhält sich auch sonst nicht gerade gottesfürchtig. Roy dagegen glaubt wirklich daran, dass er einen göttlichen Auftrag erhalten hat. In seinem Wahn bringt er seine Frau um, da er glaubt Tote wiederauferstehen lassen zu können. Überraschenderweise kehrt diese aber nicht aus dem Grab zurück.

Am Anfang stehen die verschiedenen Geschichten noch recht lose miteinander verknüpft da, doch nach und nach ergeben sich beim lesen Verbindungen durch Personen und Orte, so dass es zum Schluss auch gut gelingt alles miteinander zu verbinden und aufzulösen. Der Erzählton des Romans ist eher neutral und ohne Aufregung. Ebenso vermeidet Pollock es, dem Leser eine Lehre aus dem Erzählten nahe zu legen. Er stellt vor allem dar. Und obwohl die Handlung von Gewalt durchzogen ist, wirkt sie fast schon normal und unspektakulär. Was sehr gut gelungen ist, ist das Pollock nicht aus der Sicht der Opfer schreibt sondern aus der Perspektive der Täter. Damit steht nicht das Leid im Vordergrund, sondern die Armut, die aber nicht sozialkritisch hinterfragt oder romantisiert wird, sie ist einfach Teil des alltäglichen Lebens der Protagonisten. Die Figuren sind in keiner Weise als Helden geeignet. Ohne Moral und ohne Hoffnung kämpfen sie sich durchs Leben und kommen dabei schnell vom Weg ab. Die einzige Ausnahme macht hier Arvin, dessen moralischer Kompass noch funktioniert, auch wenn er sich von seinem Vater die Selbstjustiz abgeguckt hat.

Arvin hatte seinen Vater bis dahin noch nie lügen hören, aber er war sicher, Gott würde ihm vergeben. In jener Nach waren in den stillen, dämmrigen Wäldern die Geräusche, die von der Senke heraufkamen, besonders deutlich zu hören. Unten am Bull Pen klang das Geklapper der Hufeisen, die an die Metallpflöcke schlugen, wie Kirchenglocken, und die wilden Rufe und Schimpfereien der Betrunkenen erinnerten den Jungen an den Jäger, der blutüberströmt im Schlamm lag. Sein Vater hatte dem Mann eine Lektion erteilt, die dieser nie vergessen würde; das nächste Mal, wenn sich jemand mit ihm anlegen wollte, würde Arvin dasselbe tun. Er schloss die Augen und betete.

Die Geschichte ist spannend und mit knapp 300 Seiten auch nicht besonders lang. Der Stil ist wie bereits angedeutet eher schlicht, neutral und sachlich, an den richtigen Stellen aber auch anschaulich. Und obwohl es häufig um die Ausführung von Gewalt geht, ist deren Darstellung oft nicht wirklich explizit, sondern viel eher wird einiges nur angedeutet und der Fantasie des Lesers überlassen. Nach dem Lesen der ganzen Gewalt, Morde und dem eintauchen in die dunklen Seelen hat sich mir dann doch die Frage gestellt, was soll das alles eigentlich? Auf diese Frage liefert Pollock keine befriedigende Antwort, oder ich habe sie übersehen.

Spannender Blick in die Abgründe der menschlichen Seele

Das Handwerk des Teufels ist bevölkert von Menschen, die in der Gesellschaft keinen richtigen Platz finden und ihre Moral über Bord geworfen haben, eine Ausnahme ist hier Arvin. Die Beschreibung der menschlichen Hölle, in der sich die Charaktere befinden, ist Pollock außerordentlich gut gelungen und macht das Buch definitiv lesenswert, es ist aber in keiner Weise angenehme Literatur zum Wohlfühlen.

4sterne

1 Kommentar zu „Donald Ray Pollock – Das Handwerk des Teufels“

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