Christopher Ruocchio – Das Imperium der Stille

Zwischen erstklassigem Worldbuilding und inhaltlichen Längen: Trotz einiger negativer Aspekte macht Christopher Ruocchios Debüt Das Imperium der Stille Lust auf mehr.

In einer weit entfernten Zukunft haben die Menschen die Galaxie besiedelt und ein Imperium errichtet. Doch seit Jahrhunderten stehen sie einem Feind gegenüber, den sie nicht besiegen können. Die Zivilisation der Cielcin zerstört mit ihren Schiffen immer mehr Planeten und versklavt die Menschen. Weder die Legionen, noch die genetisch optimierten Adligen können sie besiegen und niemand weiß, woher die Cielcin stammen und was ihr Ziel ist. Der junge Adlige Hadrian Marlowe wird von seinem Vater zur Ausbildung in die religiös fanatische Kantorei geschickt, eine Berufung, der Hadrian um jeden Preis entgehen will. Gegen den Willen des Vaters flieht er und findet sich alleine und verarmt auf einem Planeten am Rande der Galaxie wieder.

Mit seinem Debütroman Das Imperium der Stille, dem ersten Teil der Sonnenfresser-Saga, legt Christopher Ruocchio eine groß angelegte Space-Opera vor. Der erste Band ist mit über 900 Seiten auch dementsprechend umfangreich. Und so viel sei gleich zu Beginn gesagt: in seinen besten Momenten kann Das Imperium der Stille etwa an die Klasse eines Der Name des Windes anknüpfen. Erzählt wird die Geschichte von Hadrian Marlowe selbst, mittlerweile knapp fünfzehnhundert Jahre alt und auf seine Hinrichtung wartend. Aus der Ich-Perspektive berichtend, ergeht er sich in Andeutungen, verweist auf Kämpfe, sein sagenumwobenes Schiff und bezeichnet sich selbst als Monster, Drache und Teufel. Er scheint fast schon ein bisschen größenwahnsinnig zu sein.

Namen bergen eine gewisse Gefahr. Sie prägen uns von Beginn an, zum Guten oder zum Schlechten, führen uns in eine bestimmte Richtung oder fordern unseren Widerspruchsgeist heraus. Ich hatte ein langes Leben, länger als die genetischen Optimierungsmaßnahmen der Fürstenhäuser es gewähren können, und ich hatte viele Namen. Während des Krieges war ich Hadrian der Halbsterbliche und Hadrian Ohnetod. Nach dem Krieg war ich der Sonnenfresser. […] Aber bevor ich als das wurde, war ich zunächst einmal ein Sohn.

Hadrians Geschichte geht eher geruhsam voran. Typischerweise muss er natürlich erstmal tief fallen, um seine Bestimmung zu finden. Statt dem vom Vater vorgegebenen Weg in der Kantorei, einer religiösen Fraktion, die auch vom Imperator und den hohen Adligen gefürchtet wird, zu folgen, flieht er, um eine Ausbildung zum Scholastiker zu absolvieren. Nach Jahrzehntelangen Kälteschlaf wacht er mittellos auf einem unbedeutenden Planeten auf und muss sich als Bettler durchschlagen. Das langsame Tempo führt in den ersten beiden Dritteln durchaus zu Längen, da inhaltlich keine wirkliche Spannung aufkommt. Letztlich ist der Weg von Hadrian keine Neuerfindung, sondern altbekannt. Von daher hätte dies gerne schneller vonstattengehen können. Ruocchio erreicht hier leider auch nicht die stilistische Klasse eines Patrick Rothfuss, Hadrian fabuliert eben nicht so gekonnt, wie es ein Kvothe tut, wodurch manche Passagen sehr zäh werden und ich mir als Leser immer wieder gewünscht habe, dass die eigentliche Geschichte doch endlich beginnen soll.

Denn insgesamt erscheint mir dieser erste Band wie eine sehr lange Einführung in die Welt zu sein. Diese ist dafür aber auch (bis jetzt) die größte Stärke. Entfernt erinnert hier vieles von den Begriffen und Strukturen an die griechische und vor allem römische Antike, an verschiedenen Stellen wird auch auf Philosophen aus dieser Zeit verwiesen oder Zitate angeführt. Eine zentrale Rolle spielt die Kantorei, die mit ihrer Propaganda und ihrem Erlösungskult den Alltag und die Gedanken der Menschen manipuliert. Sie ist absolut technikfeindlich, weshalb es in dieser Zukunft nur sehr wenige Entwicklungen in diese Richtung gibt, und fungiert gleichzeitig als Inquisition gegen diejenigen, die die auserwählte Rolle der Menschen infrage stellt. Daher werden auch die anderen außerirdischen Kulturen unterdrückt. Die Cielcin sind aus der Sicht der Kantorei nichts anderes als Dämonen, die ausgelöscht werden müssen.

Der entscheidende Grundsatz des Glaubens, für den die Kantorei stand, war – und ist – eine Lüge. Ich fühlte in diesem Augenblick, wie ich, wie meine ganze Welt schrumpfte. Ich wurde kleiner als ein Atom, zerschmettert vom Gewicht dieser enormen Größe von Raum und Zeit, und die Menschheit schrumpfte mit mir. All ihre stolzen Könige und Imperatoren, alle Krieger, großen Dichter und Künstler, Farmer und Raumfahrer, ihre großen Leistungen und ihre noch größeren Schändlichkeiten, alles verschwand in dem Kontext, den dieser logische Schluss erschuf.

Die größte Spannung entsteht somit erstmal noch nur durch das ausgezeichnete Worldbuilding, das voller kleiner Details ist, die dann hoffentlich in den folgenden Bänden eine Rolle spielen. Als Erzähler ist Hadrian meistens dann im interessantesten, wenn er als Gefangener spricht, der rückblickend Ereignisse kommentiert oder kurze Blicke in die Zukunft gewährt. Seine Darstellung des eigenen Lebens sind dagegen hierhin arm an Überraschungen. Durch den Fokus auf Hadrian, sowohl als Erzähler als auch bestimmende Hauptfigur, bleiben die anderen Personen eher blass. Spannend ist für mich die Frage, ob wir es bei Hadrian überhaupt mit einem verlässlichen Erzähler zu tun zu haben, oder ob er manches verschweigt oder in eine bestimmte Richtung lenkt.

Trotz einiger Kritik, besonders was die inhaltliche Ebene angeht, freue ich mich dennoch auf weitere Einblicke in die Geschichte von Hadrian. Natürlich ist der Vergleich mit Der Name des Windes auf sehr hohem Niveau, aber gewisse Parallelen sind wohl kaum zu übersehen. So kann Das Imperium der Stille vor allem mit seiner Welt faszinieren, die sehr tiefgründig angelegt ist. Wenn nach dem ersten Band in Zukunft auch die eigentliche Geschichte stärker an Fahrt aufnehmen kann, bin ich mir sicher, dass uns hier eine epische Saga erwartet.

Eine Antwort auf „Christopher Ruocchio – Das Imperium der Stille

  1. […] In einer weit entfernten Zukunft hat die Menschheit große Teile der Galaxie besiedelt. Einzig die geheimnisvollen Cielcin stehen der Herrschaft im Weg. Der junge Adlige Hadrian Marlowe wehrt sich gegen die Entscheidung seines Vaters und erwacht nach einem jahrelangen Kälteschlaf als Bettler am Rande der Galaxie. Das Debüt des Autors Christopher Ruocchio lebt vor allem von seinem Worldbuilding, das sehr gut durchdacht erscheint und viele Details liefert. Die Geschichte ist dagegen mit über 900 Seiten in die Länge gezogen und wirkt eher wie eine sehr lange Exposition, in der kaum Überraschungen zu finden sind. Den Vergleich mit Patrick Rothfuss‘ Königsmörder-Trilogie, an die Das Imperium der Stille häufig erinnert, kann die Space-Opera daher nicht für sich entscheiden. Zur ausführlichen Rezension gelangt ihr hier. […]

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