Cory Doctorow – Walkaway

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Eine Welt, in der alles im Überfluss produziert werden kann und trotzdem künstlich für Verknappung gesorgt wird? Cory Doctorow entwickelt in seiner Utopie Walkaway Ideen für das Zusammenleben in der Zukunft.

Die Welt in der Zukunft: Ein Großteil der Menschen lebt in den Städten, wo es kaum Arbeit gibt und das Leben von Superreichen, den sogenannten Zottas, kontrolliert wird. Eigentlich ist die Technik soweit, dass alles Notwendige per Knopfdruck produziert werden kann. Doch immer noch ist das Geld das Wichtigste, weswegen Produkte künstlich verknappt werden, um mit ihrem Verkauf weiterhin Profit machen zu können. Dabei wäre es ohne Probleme möglich, alles im Überfluss zu produzieren.

Außerhalb der Städte gibt es den titelgebenden Walkaway, hierher gehen Menschen, die ihre Träume verwirklichen wollen und an eine andere, eine bessere Gesellschaft glauben, die nicht von Geld bestimmt wird. Einer Gesellschaft, in der es nicht um Leistung geht und in der alles für jeden Menschen da ist. Nach einer illegalen Kommunistenparty fliehen Hubert Etcetera, Seth und Nathalie in den Walkaway, wo sie ein neues Leben beginnen wollen. Dort treffen sie auf Limpopo, die schon länger hier lebt und ihnen hilft, sich in die neue Umgebung einzugewöhnen. Cory Doctorow lässt sich in Walkaway viel Zeit, um das Geschehen richtig ins Rollen zu bringen. Gerade das erste Drittel des Romans zieht sich mit seinen vielen Beschreibungen ziemlich. Dabei überlässt es Doctorow aber größtenteils dem Leser, sich diese Welt mit ihren Technologien und Widersprüchen vorzustellen.

Die Leute, die über den Weltraum nachdenken, stellen sich oft Unsinn wie Star Wars und Star Trek vor. Sie haben überlichtschnellen Flug, müssen aber immer noch kämpfen? Worum denn eigentlich? Sie haben Transporter. Warum kämpfen sie? Was hat dort irgendjemand, das sich nicht jeder andere auf der Stelle beschaffen kann? Die Autoren müssen Unbeschaffbarium erfinden, magische Kristalle, die sie aus irgendeinem Grund nicht einfach mit den Transporterstrahlen ausdrucken können, denn sonst gibt es keine Story.

Der interessanteste Aspekt von Walkaway ist wohl die Möglichkeit einer Art der Unsterblichkeit. Den Walkaways gelingt es, ein Bewusstsein in einer Cloud zu speichern. Damit ist der Tod zwar immer noch möglich, aber das Bewusstsein kann in einem System weiterbestehen. Eine neue Technologie, die das Misstrauen der Zottas verstärkt und die Konflikte weiter anheizt. Diese Auseinandersetzungen erlebt der Leser, wie den ganzen Roman, aus der Sicht der vier genannten Figuren, die alle bestimmte Weltansichten verkörpern. Hier zeigt sich auch eines der Hauptprobleme von Walkaway. Hubert Etcetera und die anderen wirken austauschbar, denn eigentlich stehen die verschiedenen Gesellschafts- und Wirtschaftsformen im Mittelpunkt. Dass führt leider dazu, dass die Dialoge immer wieder wie aus Uniseminaren klingen, in denen die Vor- und Nachteile von historischen wie auch neuen Formen des Zusammenlebens diskutiert werden. Eine wirkliche Persönlichkeit erhalten die Figuren dadurch aber nicht. Vielmehr wirken sie wie Transporteure von Weltansichten und Ideen. Ein weiterer negativer Effekt dieser Vorgehensweise ist, dass viel erklärt wird, aber nur wenig gezeigt wird, um es dem Leser verständlich zu machen.

„Jacob, wir erschaffen eine Welt ohne Gier. Eine Welt, in der Gier eine Perversion ist. Wo es, wenn man alles für sich selbst zusammenrafft, so wirkt, als würde man sich selbst mit Scheiße einschmieren. Widerlich. Falsch. Wenn wir siegen, heißt das nicht, dass Sie nicht mehr gierig sein dürfen. Es heißt, dass sich andere Leute Ihretwegen schämen. Man wird sie bemitleiden und sich von ihnen distanzieren. Sie können so gierig sein, wie Sie wollen, aber niemand wird Sie dafür bewundern.“

Dennoch erfrischend ist, dass Doctorow mit Walkaway eine Utopie vorlegt und es somit um eine positive Entwicklung in der Zukunft geht. Es geht vor allem um die Fragen, in was für einer Welt wir leben wollen und wer bestimmen soll, wie diese Gesellschaft aussieht. Ein weiterer Aspekt, der spannend zu verfolgen ist, ist die Darstellung und Weiterentwicklung von aktuellen Technologien wie 3-D Druckern und künstlicher Intelligenz.

Mit Walkaway hat es nun auch mal wieder eine Utopie geschafft, für Aufsehen zu sorgen. Dank aktueller Fragen und Themen bietet Doctorow viele Anknüpfungspunkte zur Gegenwart. Dennoch bleibt das Problem, dass er einfach zu viel erklärt, anstatt es zu zeigen. Dazu kommt es auf der Spannungsebene zu einigen Durststrecken, worüber auch die Idee des in einem System gespeicherten Bewusstseins nicht hinwegtäuschen kann. Ein Buch, das Geduld und die Bereitschaft Abstriche zu machen, erfordert.

 

3 Antworten auf „Cory Doctorow – Walkaway

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