David Grossman – Kommt ein Pferd in die Bar

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In Kommt ein Pferd in die Bar erzählt David Grossman von einem Comedy-Abend, der alles andere als normal verläuft. Statt Witze und Unterhaltung zu liefern, rechnet der Comedian Dovele mit sich selbst und der Gesellschaft ab.

Was erwartet der Besucher einer Comedy-Veranstaltung? Auf jeden Fall sollte es Witze geben, der Abend sollte zumindest unterhaltsam sein und komische Momente bieten. All das erwarten auch die Menschen, die in Netanja, Israel, den Auftritt des Comedians Dovele Grinstein besuchen. Die ersten Minuten des Abends verlaufen bereits leidlich unterhaltsam. Statt Unterhaltung bringt Dovele flache und eher sexistische Witze, die sowohl dem Publikum als auch dem Leser höchstens ein gequältes Lächeln entlocken können. Auch seine Beleidigungen gegen einzelne Personen sind alles andere als gelungen. Genauso niveaulos wie seine Pointen erscheint auch die Sprache, der er sich bedient. Vulgär, anzüglich und immer wieder beleidigend. Ebenso unangenehm wie Doveles Witze ist sein ganzes Auftreten. Er entblößt  seinen Körper immer wieder vor den Anwesenden, zieht unpassende Grimassen und erzeugt damit nicht nur beim Publikum Abscheu und Ablehnung.

Hier und da Applaus, begleitet von spontanen, groben Buhrufen, besonders von Frauen. Und ich überlege, dieser Mann ist weder schön noch irgendwie anziehend, wie schafft er es, genau an die Stellen zu rühren, wo Menschen zur Masse werden, zum Pöbel?

Doveles Programm kommt bei den Gästen immer weniger an und nimmt spätestens an dem Punkt, an dem er beginnt seine persönlichen Geschichten zu erzählen, eine Wendung, die es eigentlich nicht mehr erlaubt, das Ganze als einen Unterhaltungsabend zu verkaufen. Denn heute Abend ist auch sein Geburtstag und so erinnert er sich an sein Leben, seine Eltern, seine Frauen und seine Kinder. Und es bereitet beim Lesen wirkliches Unbehagen, Dovele immer weiter in seine Welt zu folgen, denn die ist alles andere als schön oder angenehm. Doch gleichermaßen ist seine Geschichte spannend. Hinter den anfänglichen Provokationen steckt eben doch mehr als es zunächst vielleicht den Anschein hat und Dovele entpuppt sich als zutiefst verletzter und eigentlich schon gebrochener Mensch.

Was folgt ist eine schonungslose Abrechnung mit sich selbst, der Gesellschaft und Menschen, die in seinem Leben eine größere Bedeutung haben. Wie nebenbei entwickelt sich auch ein außergewöhnlicher Roman. Zwei Personen, die für Dovele eine große Rolle spielen, sind auch im Publikum anwesend, eine davon ist von ihm persönlich eingeladen, die andere, eine alte Frau, kennt ihn aus seinen Kindertagen. Die eingeladene Person ist ein pensionierter Richter, den Dovele aus seiner Jugend kennt und der als Erzähler fungiert und dabei auch immer persönliche Bemerkungen einstreut, welche die Empfindungen des Lesers spiegeln.

Diese Frau hat mir immer erzählt, sie wolle nur mein Bestes, und auf die Welt gebracht hat sie mich dann doch.

Dovele erzählt zwar seine eigene Geschichte, doch ist diese gleichzeitig eng mit seiner Heimat Israel verbunden. Seine Mutter ist Holocaust-Überlebende. Das Familienleben ist zwar noch außen intakt, doch nach innen zeigen sich ihre Traumatisierungen und der Vater ist gewalttätig. Doch wie soll sich ein kleiner Junge entwickeln, wenn die Mutter traumatisiert ist,  das Land um ihn herum durchmilitarisiert ist und sich in einem dauernden Kriegszustand befindet?

Mit Dovele hat Grossman eine Figur geschaffen, die sowohl faszinierend als auch abstoßend ist. Auf der einen Seite ruft er Abscheu und Fremdscham hervor und auf der anderen Seite fühlt man mit ihm mit und hegt doch wieder Sympathien für diesen seltsamen Mann, der so schwer von seinem Leben gezeichnet ist. Und so bewegt sich auch der gesamte Roman zwischen einer Tragödie und Farce, ohne dabei zu sehr in eine Richtung zu kippen. Durch die Erinnerung an seine Jugend zeigt Dovele nicht nur seine zynische Seite, sondern auch seine zutiefst menschliche und schwankt zwischen Schuldgefühlen gegenüber seinen Eltern und einer sehr tiefen Liebe für seine Mutter.

Doveles Comedy-Abend ist ohne Wenn und Aber komplett gescheitert. David Grossmans Roman Kommt ein Pferd in eine Bar aber zum Glück überhaupt nicht. Wo Doveles Auftreten zunächst seltsam wirkt und nicht nur beim Publikum für Irritationen sorgt, entwickelt sich der Roman zu einem nachdenklichen Buch, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Es ist das Porträt eines zutiefst zerrissenen und zynischen Mannes, der sich hinter seiner Komik versteckt und erst nach und nach seine menschliche Seite zeigen kann

2 Antworten auf „David Grossman – Kommt ein Pferd in die Bar

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