Tristan Garcia – Faber. Der Zerstörer

Tristan-Garcia-Faber

Tristan Garcia schreibt in Faber. Der Zerstörer über drei Jugendliche, die von einem anderen Leben träumen, sich gleichzeitig gegenseitig verletzen und traumatisieren.

Faber war in der Schulzeit cool, schlau, unnahbar und gefährlich. An der ganzen Schule bekannt und für viele ein Idol. Als Madeleine ihn Jahre später in einer Pyrenäenhütte wiederfindet, erkennt sie ihn kaum wieder. Er ist verwahrlost und wirkt verrückt. Sie bringt ihn zurück in ihre Heimatstadt. Gemeinsam mit Basile bildeten Madeleine und Faber während ihrer Jugend ein kaum zu trennendes Trio. Madeleine nimmt Faber mit, vorgeblich um ihn zu retten, doch eigentlich geht es um Rache und die Frage, was die drei sich angetan haben.

Faber. Der Zerstörer, von Tristan Garcia erzählt im Kern die Geschichte von Mehdi Faber, einem Jungen mit maghrebinischen Wurzeln, der von einem älteren Paar in der (fiktiven) Stadt Monray adoptiert wird. Schnell entwickelt er sich zum Besten der Klasse und stellt sich gleichzeitig auf die Seite der Schwachen. Er beschützt vor allem Basile und Madeleine, die von ihren Mitschülern gehänselt und gequält werden. Garcia verleiht seinen Figuren eine große emotionale und psychologische Tiefe und zeigt gleichzeitig ein Interesse an den Zuständen der Gesellschaft und den Rollenvorbildern, die aus ihr hervorgehen. Der Roman setzt mit dem Wiedersehen von Madeleine und Faber in den Pyrenäen ein, wo er als letzter einer kleinen rebellischen Aussteiger-Gemeinschaft vor sich hin vegetiert. Nichts deutet hier auf den großen Faber hin, der in der Schule von Mornay immer noch eine Legende ist. In Rückblicken erzählt der Roman von dem Kennenlernen der drei Kinder, wie Basile und Madeleine im Schatten von Faber scheinbar immer selbstbewusster werden und wie Faber geschickt die Menschen in seiner Umgebung manipuliert, was in Protesten gegen die Politik endet.

Faber erscheint als perfekter Alleskönner, der seinen Freunden Wege aus ihrer kleinbürgerlichen Welt zeigt und sich für Gerechtigkeit und Freiheit einsetzt. Dabei isolieren sich die Freunde immer mehr und Basile und Madeleine sind völlig abhängig von Faber und seiner Unterstützung. Was sie vereint, ist die Hoffnung, dem scheinbar vorgezeichneten Weg, dem Plan ihrer Eltern, zu entkommen und so zu leben, wie sie es sich erträumen. Sie glauben, dem Leben der Eltern fehlt die Bedeutung. Aus der Gruppe sticht Faber allerdings deutlich als Anführer heraus. Doch er hat Gedächtnislücken, wirkt zu weilen wie von Dämonen besessen, ist auf der einen Seite ein Visionär und auf der anderen ein Zerstörer.

Ich kannte seine Schwäche schon. Das machte ich mir zunutze, ich will es nicht leugnen. Ich ließ ihn reden, wie es ihm gefiel, über Musik, über Kunst und was sonst noch alles. Ich schloss die Augen und schwieg, bis er schließlich verstummte. Wenn Faber von sich selbst reden sollte, bekam er Panik – das war zu nah, er fühlte sich buchstäblich nackt.

Von Beginn an schafft es Garcia eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen, die vor allem mit Faber zusammenhängt. Basile und Madeleine projizieren in ihn alle ihre Träume und Hoffnungen und gleichzeitig wird er immer furchteinflößender. Er redet nie über seine wahre Herkunft und macht aus seinen Kinderjahren ein Mysterium. Einmal bezeichnet er sich selbst als einen „Teufel“. Er ist sowohl Beschützer als auch destruktiv und dabei immer mit sich selbst, seiner Umgebung und den eigenen Vorstellungen in einem Konflikt. Mit seinem Scheitern wären auch die Erwartungen seiner Freunde zerstört, was in Kontrollverlust und Gewalt münden würde. Geschickt gelingt es dem Autor durch Perspektivwechsel und Zeitsprünge immer nur Stück für Stück mehr der wahren Hintergründe preiszugeben. Gleichzeitig sind vor allem die Berichte von Madeleine und Basile sehr subjektiv gefärbt und voller Leerstellen, ihnen haftet etwas Übernatürliches an. Hier zeigt Garcia keine Scheu, mit phantastischen Elementen zu spielen. Es bleibt aber unklar, ob sie nur der Fantasie des Erzählers entspringen. Besonders gelungen sind gegen Ende die Passagen, in denen eine Figur auftritt, die sich als eine Art Doppelgänger des Autors aufführt, aber gleichzeitig Erzähler und Akteur der Geschichte ist und mehrere Lesarten des Geschehens anbietet. Durch die vielen Perspektiven und völlig subjektiven Darstellungen entwickelt sich eine Netz aus Verdächtigungen, Träumen und Lebensentwürfen, das auf den ersten Blick verworren wirkt, aber zu jedem Zeitpunkt vom Autor kontrolliert wird. Dabei bedient er sich zudem zahlreicher intertextueller Verweise und mythologischer Anspielungen.

Durchs Fenster sahen wir unsere Mitschüler wie einen Sommerwasserfall aufs Schultor zuströmen. Sie hatten es eilig, den Bus zu erwischen; sie hatten es eilig, das Collège zu verlassen, sich ein Auto anzuschaffen, keine Kinder mehr zu sein und selbst welche zu bekommen. Wir nicht.

Faber. Der Zerstörer lässt sich sowohl als Thriller, Gesellschaftskritik und Entwicklungsroman lesen. Es ist ein Roman über drei Jugendliche, ihre Träume und eine Gesellschaft, die ihnen keine Vorbilder bietet. Tristan Garcia spinnt daraus eine Geschichte, die auf der einen Seite spannend ist, aber ebenso viel Tiefgang besitzt, (dass der Autor Philosoph ist, merkt man durchaus) unweigerlich immer düsterer wird und auf eine Katastrophe zusteuert.

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