Philip Roth – Empörung

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Empörung von Philip Roth zeichnet das Porträt eines jungen Mannes, der die Frömmelei, Selbstgerechtigkeit und Moral der amerikanischen Gesellschaft in den 50er Jahren hinterfragt.

Im Jahr 1951, dem zweiten Jahr des Koreakriegs, beginnt der aus Newark stammende Marcus Messner sein Studium an einem idyllischen und abgelegenen College in Ohio. Er will weit entfernt von seinem Vater sein, der voller Sorgen um seinen Sohn ist. Er fürchtet die Gefahren, die auf Marcus während des Erwachsenwerdens warten und entwickelt eine Paranoia. Nach nur wenigen Wochen am College kommt es zu einem verstörenden Erlebnis mit einer jungen Frau und gleichzeitig erlebt Marcus Diskriminierung, welche ihn zutiefst empört. Hartnäckig tritt er für sein Recht ein.

In seinem Roman Empörung erzählt Philip Roth die Geschichte eines jüdischen Metzgersohns in der Zeit des Koreakriegs und der McCarthy-Ära. Marcus Messner berichtet von seinem eigenen Leben, das bereits mit 19 Jahren im Koreakrieg endete. Selbst als Toter ist es ihm immer noch ein Rätsel, wie eine scheinbar zufällige Verkettung von Ereignissen und Entscheidungen so weitreichende Folgen haben können.

Ich arbeitete ständig an mir selbst. Ich verfolgte ständig ein Ziel. Bestellungen ausliefern, Hühner rupfen, Metzgerblöcke säubern und aus der Schule lauter Einsen nach Hause bringen – alles, um meine Eltern nicht zu enttäuschen. […] Vom Robert Treat auf ein anderes College wechseln, um der strengen Aufsicht meines Vaters zu entkommen. In keine Verbindung eintreten, um mich ausschließlich aufs Lernen zu konzentrieren. Das ROTC todernst nehmen, um nicht als Leiche in Korea zu enden.

Das College in Winnesburg, Ohio, hat Marcus nur ausgewählt, weil es weit entfernt von seinem Vater ist, dessen Fürsorge in Kontrollwahn umgeschlagen ist. Mit seiner Angst um den einzigen Sohn, zerstört der Vater nach und nach die Familie und das Geschäft. Doch das College bringt nur wenig Veränderung und ist streng konservativ. Dort steht Marcus unter ständiger Beobachtung und macht sich verdächtig, als er sich keiner Verbindung anschließt, keiner Sportmannschaft beitritt und keine Freunde findet. Marcus, der bereits als Kind in der Metzgerei harte und ekelige Arbeit verrichten musste, versteht nicht, wie die Welt sich gegen ihn wenden konnte. Einer der Höhepunkte des Romans ist das Streitgespräch zwischen Marcus und dem Dean, der Marcus wegen seiner häufigen Zimmerwechsel und seiner Weigerung am Gottesdienst teilzunehmen, befragt. Trotz düsterer Vorahnungen kann er nicht anders, als sich zu verteidigen, denn er ist doch im Recht. Im Hinterkopf hat er dabei immer ein Lied aus der chinesischen Revolution, in welchem das für ihn schönste aller Wörter vorkommt: Empörung. Und so kann er sich nicht zurückhalten und empört sich über die Ungerechtigkeit, die im widerfährt.

Aber er konnte nicht! Konnte nicht wie ein Kind an irgendeinen blöden Gott glauben! Konnte sich ihre kriecherischen Lieder nicht anhören! Konnte nicht in ihrer heiligen Kirche sitzen! Und die Gebete – versteinerter, primitiver Aberglauben! Narrheit unser, die du bist im Himmel! Die Schändlichkeit der Religion, die Unreife, die Ignoranz, die Schmach dieser ganzen Veranstaltung! Wahnwitzige Frömmigkeit für nichts und wieder nichts!

Empörung gehört zu den Highlights von Philip Roth. Vor allem Marcus Figur ist durchweg überzeugend. Die glückliche Kindheit, der Wandel im Verhältnis zum Vater, seine Hoffnungen, Ängste und Überzeugungen, alles wird von Roth gekonnt dargestellt. Ebenso gelungen sind die Beschreibungen seiner Verunsicherung nach dem ersten sexuellen Kontakt mit Olivia. Marcus rebelliert gegen konservative Regeln und Vorschriften, kotzt dem Dekan auf den Teppich und argumentiert voller Überzeugung für seine Ansichten und hinterfragt strenge moralische Grundsätze. In dem Land, das Freiheit als höchstes Gut bewertet, begegnet Marcus Vorurteilen und Engstirnigkeit, gepaart mit religiösen Zwängen und Frömmelei.

Der Roman ist auf der sprachlichen Ebene ebenso gelungen wie auf der inhaltlichen. Kein Satz  ist zu viel und jede Szene und Figur stimmt. Gerne hätte das Buch auch länger als die 200 Seiten sein dürfen.

Forsche nicht in der Familie nach der Ursache, Ma – sieh dir lieber genauer an, was die in Konventionen befangene Welt für unstatthaft hält! Sieh mich an, der bei seiner Ankunft hier so erbärmlich in Konventionen befangen war, dass er einem Mädchen nicht trauen konnte, weil sie ihm einen geblasen hatte!

Obwohl Empörung in den 50er Jahren spielt, lässt sich der Roman sicherlich auch als eine Parabel auf die Bush-Zeit lesen. So oder so gelingt Philip Roth ein großartiges Buch über einen jungen Mann, der sich gegen Konventionen und religiöse Zwänge einsetzt und über das Unrecht, das ihm wiederfährt, zutiefst empört ist. Eine Erzählung, die inhaltlich und sprachlich exakt durchkomponiert ist und noch lange in Erinnerung bleibt.

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