Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran

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Zwischen Heimat und Fremde

1979 kämpft Behsad als kommunistischer Revolutionär nach der Vertreibung des Schahs im Iran für eine neue Ordnung. Nach der Machtübernahme durch die Mullahs flieht er mit seiner Frau Nahid nach Deutschland. Während sie in der deutschen Provinz versuchen eine neue Heimat zu finden, verbringen sie gleichzeitig viel Zeit vor dem Radio und hoffen auf Neuigkeiten aus dem Iran. 1999 reist Nihad mit ihrer Tochter nach Teheran, doch die Stadt ist anders, als in ihren Erinnerungen. Ein Jahrzehnt später ist der Sohn Mo mit dem Liebeskummer seines Freundes beschäftigt, doch dann bricht die Grüne Revolution im Iran aus und weckt sein Interesse an den Vorkommnissen in der Heimat.

Nachts ist es leise in Teheran ist der Debüt-Roman der 1988 geborenen Autorin Shida Bazyar. Die Handlung beginnt 1979 im Iran zur Zeit der Revolution. Behsad Hedayat ist Sprecher der kommunistischen Gruppe in Teheran und kämpft für eine bessere Zukunft. Während zu Beginn die Anhänger der Geistlichen als Verbündete betrachtete werden, kommt es schon bald zu Auseinandersetzungen zwischen den revolutionären Gruppen, die ihre Spuren auch im direkten Bekanntenkreis hinterlassen. Überzeugt von kommunistischen Ideen, ist Behsad nicht bereit, seine Ideale und die Hoffnung auf ein besseres Leben aufzugeben, auch wenn er sich dafür in Gefahr bringt. Die Frage, wie weit sie für ihre Ideale und Überzeugungen gehen würden, wird immer wieder in den Diskussionen zwischen Behzad und seinen Freunden aufgeworfen. Der Autorin gelingt es gut, die Atmosphäre darzustellen und beschreibt das Leben und den immer hoffnungsloseren Kampf des jungen Revolutionärs eindringlich.

Plötzlich fragst du dich, was hast du dir eigentlich gedacht, immer nur zu sitzen und zu reden, hast du gedacht, eine Revolution setzt sich von selbst fort, nur mit dem Wissen in den Köpfen und den gedruckten Worten im Kofferraum?

Zwischen jedem der vier Kapitel liegt ein Zeitsprung von zehn Jahren. Damit geht ebenso ein Sprung in der Erzählperspektive einher. 1989 wird aus Sicht von Nahid, Behsas Frau berichtet, 1999 kommt ihre Tochter Laleh und 2009 ihr Sohn Mo zu Wort. Alle vier Protagonisten unterschieden sich, was ihren Ton, ihre Gefühle und ihre Gedanken betrifft, wodurch ein lebendiges Bild der Familie Hedayat und ihrer Entwicklung entsteht. Die Sorgen der vier Familienmitglieder sind recht unterschiedlich. Während Mutter und Vater aus politischen Gründen ihr Heimatland verlassen müssen und in Deutschland Exil suchen, beteiligt sich der Sohn eher gelangweilt am Bildungsstreik. Ein Wandel tritt bei ihm erst ein, als er über Facebook und YouTube Bilder und Videos der Grünen Revolution sieht. Was alle vier Kapitel ein, ist die Frage nach Heimat und Zugehörigkeit. Nahid, die studierte Literaturwissenschaftlerin, vermisst nach der Flucht ihre Heimat, ihre Sprache und die Verwandten. Statt der persischen Sprache muss sie nun, die für sie hart klingende deutsche Sprache erlernen. Die Kinder haben damit im Kindergarten und der Schule deutlich weniger Probleme.

Die Zerrissenheit und der Wechsel zwischen zwei Welten, sowie ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl, treten auch bei der Tochter Laleh zutage. Gemeinsam mit ihrer Mutter besucht sie ihre alte Heimat und fühlt sich im Wechsel mal wie zu Hause und dann wieder völlig fremd. Auf der einen Seite ihr Leben in Deutschland mit all seinen Freiheiten und auf der anderen die Traditionen und Kultur im Iran, denen sie sich immer noch stark verbunden fühlt. Ebenso ist Mo gefangen. Obwohl sowohl er als auch Laleh integriert und erfolgreich sind, werden sie ständig an ihre Herkunft erinnert. Von Deutschen als auch von ihren Eltern. Letztlich scheinen die Eltern ihre Erfahrungen und Ängste, die sie im Exil machen, an die Kinder weiterzugeben. Aber ebenso die Hoffnung auf Veränderungen in ihrer Heimat, dem Iran.

Ich höre mich, wie ich sage, Die haben doch eh nichts zu verlieren, was Schlimmeres können die doch eh nicht kriegen als das, was sie Ihre Regierung nennen. Ich höre in Gedanken, wie mein Vater sagt, Das ist genau das, was alle denken, wenn sie eine Revolution suchen, Morad, aber die Geschichte hat gezeigt, dass das nicht reicht, dass es immer schlecht werden kann. […] Ich würde am Hörer sitzen, hoffen, dass er endlich zum Ende kommt und nach wie vor denken: Alles kann sich ändern.

Sprachlich fand ich den Roman nicht immer einfach. Das Lesen erfordert doch einige Konzentration. Dafür ist das Buch dicht geschrieben und der Autorin gelingt es, jeder Figur eine eigene Stimme zu geben, die passend erscheint. Die Sprache ist mal poetisch, dann wieder sehr direkt, was mir die Figuren mit ihren Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen nahe gebracht hat. So entsteht eine eindrückliche Familiengeschichte über vier Jahrzehnte, mit aktuellen Themen und Fragen.

Außergewöhnlicher Debütroman

Nachts ist es leise in Teheran ist ein reifer, kraftvoller und authentischer Debütroman. Die Thematiken Emigration, die Suche nach der eigenen Identität und die Frage nach der eigenen Heimat sind zudem hochaktuell. Zum Glück ist es Shida Bazyar gelungen, diese schwierigen Fragen einfühlsam und ohne Vereinnahmung darzustellen.

4,5sterne

4 Kommentare zu „Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran“

    1. Ich hatte den Eindruck, dass es Bazyar gelingt, die schwierigen Themen (welche ja tagesaktuell völlig unterschiedlich diskutiert werden) so zu beschreiben, dass es sie eine eigene Perpsektive öffnet, ohne diese als allgemeingültig zu verkaufen. Was sich ja auch an den unterschiedlichen Reaktionen im Roman selbst zeigt.

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