Agustina Bazterrica – The Unworthy (Die Unwürdigen)

Mit The Unworthy setzt Agustina Bazterrica ihre literarische Auseinandersetzung mit Gewalt und Entmenschlichung fort. Der Roman liest sich wie eine Verdichtung: knapp, radikal, ohne erklärende Umwege – und gerade darin so eindringlich.

Zugegeben: Bevor ich mit The Unworthy begonnen habe, dachte ich zunächst, es handle sich um den nächsten Report der Magd-Abklatsch. Eine zerstörte Welt, unterdrückte Frauen, religiöse Strukturen – das klang vertraut. Doch Bazterricas Roman ist düsterer, brutaler, kompromissloser – und in vielerlei Hinsicht ganz anders. Wo Atwood analysiert, schlägt Bazterrica zu. Wo andere erklären, lässt sie aushalten.

This filth, nesting in the servants’ skin, in their cells, is the anger of the sea, the fury of the air, the violence of the mountains, the outrage of the trees. It’s the sadness of the world.

Nach einer globalen Umweltkatastrophe ist die Welt unbewohnbar geworden. Die Natur ist vergiftet, Tiere und Pflanzen sind verschwunden, Meere ausgetrocknet. Technik existiert nicht mehr, Wissen ist fragmentiert, Erinnerung gefährlich. Inmitten dieser Ödnis findet die namenlose Ich-Erzählerin Zuflucht in einer abgeschotteten Klosteranlage. Dort lebt eine Gruppe von Frauen unter der Kontrolle einer autoritären Oberin und eines allgegenwärtigen, aber nie wirklich greifbaren Mannes namens „Er“ – einer religiösen wie patriarchalen Projektionsfigur, deren Macht gerade aus ihrer Abwesenheit entsteht.

Was zunächst nach Schutz aussieht, entpuppt sich schnell als extrem gewalttätiges System. Die Gemeinschaft ist streng hierarchisch organisiert, Gehorsam ist überlebensnotwendig, Abweichung wird bestraft. Die Frauen werden systematisch entmenschlicht, auf Funktionen reduziert, in Kategorien eingeteilt. Die Erzählerin gehört zu den „Unwürdigen“, den untersten der Ordnung. Ihr Alltag ist geprägt von körperlicher Gewalt, sadistischen Ritualen, sexueller Kontrolle, Hunger und permanenter Angst. Der eigene Körper wird zum Ort der Disziplinierung – und zum einzigen Besitz, der einem gleichzeitig jederzeit genommen werden kann.

Bazterrica interessiert sich dabei weniger für Weltbau als für Machtmechanismen. The Unworthy erklärt nicht, wie es zur Katastrophe kam, sondern zeigt, was sie legitimiert: religiöse Sprache, Schuldnarrative, die Umdeutung von Gewalt in Ordnung, von Unterdrückung in „Schutz“. Besonders eindringlich ist, wie die Frauen selbst Teil dieses Systems werden – wie sie Regeln weitergeben, Hierarchien verteidigen, Grausamkeit internalisieren. Täter und Opfer sind nicht sauber getrennt, sondern miteinander verstrickt.

Erst mit dem Auftauchen einer neuen Frau – einer Begleiterin, die Mitgefühl zeigt, Nähe zulässt, Fragen stellt – gerät dieses fragile Gleichgewicht ins Wanken. Zärtlichkeit wird hier zur radikalen Handlung. Solidarität zur Bedrohung. Und Hoffnung etwas Gefährliches. Die Beziehung zwischen den beiden Frauen ist leise, fragil, nie romantisiert – und gerade deshalb so berührend. Sie zeigt, wie subversiv es sein kann, einen anderen Menschen nicht nur als Funktion, sondern als Gegenüber wahrzunehmen.

Bazterricas Sprache ist klar, poetisch und unerbittlich. Sie verweigert Trost, verweigert Erklärung, verweigert Distanz. Vieles bleibt unausgesprochen, angedeutet, fragmentarisch – und genau darin liegt die Gewalt des Textes. Die Lesenden müssen Lücken aushalten, müssen sich selbst positionieren, müssen mitgehen, ohne je sicher zu sein. Die Kürze des Romans verstärkt diesen Effekt: The Unworthy liest sich wie ein Schlag, nicht wie ein langsames Einsinken.

Mich hat das Buch von den ersten Seiten an vollkommen in seinen Bann gezogen. Nicht nur wegen seiner Brutalität, sondern wegen seiner Klarheit. Es ist ein Roman über Macht und Unterdrückung, über religiöse Gewalt und ökologische Verwüstung – aber auch über Intimität, Widerstand und die Frage, was Menschlichkeit bedeutet, wenn alles andere bereits zerstört ist.

Für mich ein tief verstörender, klug erzählter und emotional extrem wirksamer Roman, der trotz (oder gerade wegen) seiner Kürze lange nachhallt. Die Szene mit der Begleiterin lässt mich immer noch nicht los. Wer Atwood liebt, wird hier Motive wiedererkennen – aber The Unworthy geht weiter, tiefer, mehr ins Dunkle. Bietet weniger Erklärung, dafür mehr Konsequenz.

Kein Wunder, bei dieser Autorin.
Unbedingt lesen.

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